Schwerfällige und teure Vernetzung

Anja Bochtler

Von Anja Bochtler

Mo, 19. März 2018

Freiburg

Eine Tagung an der PH befasste sich mit den Auswirkungen der Digitalisierung auf Schulen, Rathäuser und andere Institutionen.

FREIBURG. Gibt’s in einer digitalen Zukunft noch Schulbücher oder amtliche Papier-Formulare? Wie sieht eine vernetzte Stadt aus? Und wodurch wird eine Zeitung zum Lernraum? Um solche Fragen ging’s am Samstag an der Pädagogischen Hochschule, wo sich rund 300 Lernende, Lehrende und andere Interessierte zu einem "Barcamp" trafen. So nennt sich eine moderne Variante einer offenen Tagung, deren Inhalte die Teilnehmenden selbst entwickeln. 24 "Speakers" haben 40 "Sessions" (Sitzungen) geleitet.

Niemand hier bringt fertige Konzepte oder Vorträge mit. "Ich habe nicht viel vorbereitet", sagt Katrin Mathis zum Start ihrer Schulbuch-Session. Stattdessen erzählt sie von ihren Hintergründen: Mathis ist Innovationsberaterin für digitale Transformation. Sie unterstützt bei den gesellschaftlichen Umwälzungen durch die Digitalisierung, unter anderem begleitet sie Schulbuchverlage. Die stellen sich ihrem Eindruck nach bisher zu wenig auf den Wandel ein. Das sehen alle in der Runde ähnlich. Die meisten sind Lehrer.

Ein Buch sollte Audiofiles mit Grammatikaufgaben oder Lösungswegen zu Mathe-Gleichungen anbieten, fordert ein Berufsschullehrer. Es gehe nicht nur um Ergänzungen, sondern um neue Lernformen, sagt ein Deutsch- und Sportlehrer. Seine Schüler hätten am liebsten nur noch Tablets, um keine "schweren Bücher" mehr schleppen zu müssen, erzählt ein Mathe- und Sportlehrer. Immer wieder stehen die Schulbuchverlage in der Kritik, doch ein Designer und Gestalter, der für sie arbeitet, verteidigt sie: "Die Investitionen, die für mehr Digitalisierung nötig wären, sind sehr teuer." Die Prozesse seien aufwändig, unter anderem weil bei jedem Bild, das digital verwendet werde, die Rechte neu geklärt werden müssten. Und als vor einigen Jahren neue Konzepte entwickelt worden seien für vermeintlich zeitgemäßes Schulmaterial, das nicht mehr den gesamten Unterricht begleiten, sondern nur noch Gesprächsanlässe schaffen sollte, hätten die Schulen dann doch lieber die konventionellen Schulbücher gekauft.

Alles gehe zu langsam: Das finden auch zehn digitalisierungsbegeisterte Männer in der Session "Stadtverwaltung im Aufbruch". Hartmut Hanke, der Vorsitzende des FDP-Kreisverbands, fordert, die Verwaltung solle lieber mutig sein und auch mal Fehler in Kauf nehmen, anstatt "15 Jahre zu überlegen". Rüdiger Czieschla von der Stabstelle Digitalisierung der Stadtverwaltung erzählt, wie bei Digitalisierungsworkshops für alle Mitarbeiter vor allem von den Jüngeren "tolle Ideen" kämen. Sie würden wichtige Fragen stellen – wie zum Beispiel die, warum die 80 000 Freiburger, die einen Anwohnerparkausweis haben, diesen nicht online verlängern lassen können. Seit einem Jahr werde an der Umstellung gebastelt.

Es gebe bei allen Themen viele juristische und bürokratische Hindernisse. Die Barcamp-Sessions sind Treffpunkte für diejenigen, die den Wandel durch die Digitalisierung vorantreiben wollen. Dejan Mihajlovic war der Initiator. Er ist Lehrer an der Pestalozzi-Realschule und war bei einem "Digital Education Day" in Köln dabei. Er suchte Partner in Freiburg. Als das Kreismedienzentrum, die Volkshochschule und die Landeszentrale für politische Bildung mit im Boot waren, seien die anderen von selbst dazu gekommen, erzählt er. Zuletzt stieg auch noch der Chaos-Computer-Club mit ein. Mihajlovic freut sich über das breite Spektrum.