Umstrittene Aktion

Stadt beseitigt Reste der Alten Synagoge

Simone Lutz

Von Simone Lutz

Mi, 02. November 2016 um 18:53 Uhr

Freiburg

Archäologen haben begonnen, Steinreihen aus den Fundamentresten der Alten Synagoge herauszunehmen, um sie zu konservieren. Die jüdische Gemeinde ist entsetzt.

Die Vorsitzende der Israelitischen Gemeinde, Irina Katz, sagte, sie sei entsetzt, ebenso wie Cornelia E. Krüger vom Vorstand der Egalitären Jüdischen Gemeinde Gescher. Die Israelitische Gemeinde hatte die Stadtverwaltung am Montag gebeten, erst nach dem 15. November mit den Arbeiten zu beginnen, also den Jahrestag der nationalsozialistischen Pogrome am 9. November abzuwarten.


Seit Mittwochmorgen sind die Archäologen zugange: Auf dem Platz der Alten Synagoge heben sie vorsichtig nummerierte Steine aus den Überresten der Synagogenfundamente, um sie konservieren und später zwischenlagern zu können. Drei Steinreihen müssen weichen, weil sonst das geplante Erinnerungsbecken mit den Umrissen der einstigen Synagoge nicht gebaut werden kann; sie sollen aber in ein zusätzliches Mahnmal auf dem Platz integriert werden. Der größte Teil der Fundamentreste soll irgendwann verfüllt werden und damit im Boden erhalten bleiben.

Israelitische Gemeinde möchte Reste in Gänze erhalten

Das hatte die Stadtverwaltung beschlossen, nachdem unverhofft Überreste des Synagogenfundaments aufgetaucht waren. Die Israelitische Gemeinde ist damit nicht glücklich: Sie würde wegen der emotionalen Bedeutung des einstigen Gotteshauses die Reste lieber in Gänze erhalten. Und sie bat: Keine Arbeiten vor dem 9. November – die Synagoge war am 9. November 1938 von Nationalsozialisten zerstört worden.

Doch die Stadt hat mit dem Abtragen bereits am 2. November begonnen. Aus fachlicher Sicht könne man mit dem Konservieren nicht warten, heißt es im Rathaus. "Wir machen das sehr rücksichtsvoll, wir schütten nichts zu, die Steine könnte man hinterher wieder aufstellen", sagt Baubürgermeister Martin Haag. "Aber behandeln müssen wir sie, sonst gehen sie kaputt." Eine Fachfirma sei mit acht Leuten vor Ort. "Dass alles so bleibt, funktioniert nicht ", sagt Haag, "wir würden das Denkmal sehenden Auges kaputtgehen lassen."

Die Stimmung ist nicht einheitlich

Dass die Steine in Bälde abgetragen werden, habe man der Jüdischen Gemeinde bei der Versammlung vergangene Woche mitgeteilt, so Haag. "Wir halten das für sinnvoll und werden es Schritt für Schritt tun." Die Stadtverwaltung steht unter Zeitdruck: Die Baustelle auf dem Platz der Alten Synagoge steht seit 4. Oktober, seit die Überreste gefunden wurden, still. Das hat irgendwann Auswirkungen, denn der südliche Teil des Platzes, wo auch die Überreste sind, muss bis Ende 2018 fertig sein, sonst verfallen die Fördergelder für die Straßenbahn.


"Sehr unschön", kommentiert Irina Katz, die Vorsitzende der Israelitischen Gemeinde, das Vorgehen der Stadt. Sie sei entsetzt. Die Israelitische Gemeinde hatte sich dafür ausgesprochen, die Mauerreste komplett zu erhalten und notfalls auf den geplanten Brunnen zu verzichten. Auch Cornelia E. Krüger von der Egalitären Jüdischen Gemeinde Gescher sagte, die Gemeinde sei zutiefst entsetzt über dieses Vorgehen entgegen der Zusage, die Angelegenheit im Gemeinderat am 7. und am 15. November nochmals zu besprechen. Zuschriften von Nachkommen Freiburger Juden aus aller Welt fordern ebenfalls, die Reste zu erhalten.

Kritik kommt auch aus der Politik

Doch die Stimmung ist nicht einheitlich: So sprachen sich etwa Ruben Frankenstein, Dozent für Judaistik, Benjamin Soussan, der ehemalige Rabbiner der Israelitischen Gemeinde, oder Ursula Amitai, einst stellvertretende Vorsitzende der Gemeinde, für die Planungen der Stadt aus – Letztere sagte, auch viele junge Freiburger Juden würden sich über die Verwirklichung des Brunnens freuen.

Kritik kommt aber auch aus der Politik. Hatte Ende Oktober der Ältestenrat Oberbürgermeister Dieter Salomon noch Rückendeckung für die Pläne gegeben, zeigten sich nun die Unabhängigen Listen "fassungslos" über das Abtragen der Steine eine Woche vor dem Jahrestag der Pogromnacht. Klaus-Dieter Rückauer, Stadtrat von Freiburg Lebenswert/Für Freiburg: "Ich finde es furchtbar, dass die Stadt das so unsensibel durchzieht." Simon Waldenspuhl (JPG) sprach von einer "Überrumpelungsstrategie". "Ich hätte empfohlen, zuzuwarten", meint Maria Viethen (Grüne). Renate Buchen (SPD) erinnert allerdings daran, dass jahrelang über das Vorhaben und angemessenes Gedenken diskutiert wurde: "Das kommt mir jetzt ein bisschen zu kurz." Bis zum Wochenende sollen die Arbeiten an den Synagogenresten beendet sein.

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