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22. Januar 2010
Freiburger Projekt
Station Leben: Schwer kranke Kinder spielen Theater
Für Jugendliche, die an Krebs oder einer anderen schweren Krankheit leiden, gibt es in den Krankenhäusern oft wenig Ablenkung. In Freiburg hat der Verein „Element 3“ ein Theaterprojekt für krebskranke und gesunde Jugendliche entwickelt.
Es war eine lange, intensive und harte Zeit", sagt Franziska Wolf über ihr Leben mit der Krankheit. Bei der 15-Jährigen wurde 2004 die seltene Blutkrankheit aplastische Anämie diagnostiziert. Heute und an den kommenden beiden Abenden spielt sie am Theater in "Station Leben" mit. Mit ihr auf der Bühne steht 17-jährige Lion Russell Baumann. Er, der gesund ist, spielt einen krebskranken Jungen. Der an Leukämie erkrankte Manuel Veeser hat am Theater beim Vorgängerprojekt "Kennwort: Hoffnung" mitgemacht. Das Trio erzählt von Erfahrungen mit einer lebensgefährlichen Krankheit, die den Alltag auf den Kopf stellt, und davon, was ihm das Theaterspielen geben konnte.
MANUEL VEESER
Der Schock kam langsam, erinnert sich Manuel Veeser an den Tag, als er vom Arzt erfuhr, dass er Leukämie hat. Einmal war er vom Fußballspielen mit Fieber nach Hause gekommen. "Obwohl ich drei Lagen anhatte, war mir kalt." Ein anderes Mal mussten ihn die Eltern vom Fußballspielen abholen, "weil ich nicht mehr konnte." 2005 war das, Manuel war damals 15 Jahre alt.
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Heute kann er – obwohl er mit dem Wort Gesundheit vorsichtig umgeht – sagen: "Ich bin gesund." Die Therapien haben angeschlagen. Schmerz, Zweifel, Angst, Wut, Stimmungsschwankungen – das alles hat Manuel hinter sich gelassen. An den Tod habe er nur selten gedacht – erst später, im Rückblick: "Es war immer so viel los", sagt er. "Ich habe mich aber auch nie so nah dran gefühlt." Er habe sich gesagt, dass es das nicht gewesen sein könne. "Ich wollte es schaffen. Ich wollte wieder klarkommen, wieder etwas mit Freunden machen, wieder in die Schule gehen, wieder Fußballspielen."
Gegen den Ball treten kann Manuel, der die 13. Klasse des Walter-Eucken-Gymnasiums in der Wiehre besucht, allerdings heute noch nicht wieder, und vermutlich wird es mit dem Kicken auch nichts mehr werden. Die Medikamente haben seine Hüftknochen beschädigt, Manuel ist derzeit auf Krücken angewiesen. "Es ist eine Belastung, aber man lernt, mit den Dingern zu leben." Das Nächste, was er in Angriff nehmen will, ist, "von den Krücken loszukommen". Mit Physiotherapie und einer Hüftoperation soll dieser Plan Wirklichkeit werden.
Manuel hat während seiner Krankheit ein neues Hobby entdeckt: das Theater. Eine Freundin gab ihm in der Freiburger Unikinderklinik einen Flyer des Theaters, auf dem für ein ungewöhnliches Projekt geworben wurde: Bei "Kennwort: Hoffnung", einem auf den Erfahrungen der Jugendlichen basierenden Stück, standen krebskranke und gesunde Jugendliche gemeinsam auf der Bühne. "Das Theaterspielen war für mich die Chance, aus dem Haus rauszukommen. Ich hatte eine Aufgabe und ein Ziel." Das Stück über das Mädchen Lisa, das die Diagnose Krebs erhält, hatte im Dezember 2008 am Theater Freiburg Premiere. Es geht darin auch um die Reaktionen von Lisas Umwelt. Und um die Mühe der Kranken, Freundschaften während monatelanger Krankenhausaufenthalte aufrechtzuerhalten. Manuel weiß davon ein Lied zu singen: Er hat nur noch zu wenigen Freunden von früher Kontakt. "Ich war ja lange nicht in der Schule und konnte nicht so viele Freundschaften pflegen. Die anderen haben sich verändert, und ich habe mich verändert." Gerne erinnert er sich aber daran, wie er mit Kuchen und einem "wunderschönen Plakat" von seinen Schulkameraden begrüßt wurde, als er nach Monaten in die Klasse zurückkam.
Theaterspielen war für Manuel aber nicht nur Ablenkung: "Man konnte Leute treffen und seine eigene Situation reflektieren." "Kennwort: Hoffnung" enthielt Passagen, in denen er sich wiederfand, zum Beispiel, als nach der Behandlung das Essen zu Hause plötzlich komisch schmeckte. Manuel hat auch Songtexte geschrieben. Ein Song wurde auch ins neue Stück "Station Leben" eingebaut: "Die Erde dreht sich weiter, ich bemerke sie nicht. Meine Freunde spielen heiter, ich bemerke sie nicht. Die Krankheit versucht mich zu kriegen, ich halte durch, sie lässt mich hier liegen, ich halte durch. Ich werde siegen, ich werde siegen, ich werde siegen."
Das Theaterspielen hat Manuel Selbstvertrauen gegeben. Vor der Gruppe zu reden habe ihn anfangs Überwindung gekostet. Mit der Schule war es derweil nicht immer einfach: Die zehnte Klasse musste Manuel wiederholen. Später wechselte er aufs Wirtschaftsgymnasium. In diesem Sommer wird er das Abitur in der Tasche haben, danach will er studieren – was, weiß er noch nicht so genau, vielleicht etwas "in Richtung Wirtschaft". Das Theater soll aber ein Hobby bleiben.
Einen Traum will sich Manuel erfüllen: Der Verein "Tauchen als Therapie" ermöglicht schwer kranken Jugendlichen einen Tauchurlaub in der Türkei. "Wenn mein Körper mitspielt und die Ärzte grünes Licht geben, will ich da im Sommer hingehen und den Tauchschein machen."
LION RUSSELL BAUMANN
Der 17 Jahre alte Lion Russell Baumann ist ein Freund schrill-bunter Frisuren. Neulich mussten die Haare allerdings ab, seitdem läuft "Frisurenmensch" Lion mit Glatze herum. Gefallen hat ihm der neue Look anfangs gar nicht, aber "manchmal brauche ich das, damit ich mich reinfühlen kann." Lion spielt in "Station Leben" den krebskranken Jugendlichen Martin. Als dieser von seiner Krankheit erfährt, ist er verzweifelt und aggressiv, doch mit der Zeit lernt er, damit umzugehen.
"Station Leben" ist nicht das erste Theaterstück, in dem der in Herdern wohnende Lion Russell Baumann mitspielt. Auf der Waldorfschule in der Wiehre, in der er die 11. Klasse besucht, hat er schon Theatererfahrung gesammelt. Bei "Station Leben" ist Lion nicht nur Schauspieler, sondern auch Regieassistent. Ein Schauspielstudium kann er sich durchaus vorstellen, Lion liebt Literatur, ganz besonders den französischen Dichter Charles Baudelaire, und nennt sich selbst "eine geile Bühnensau".
Während er bei Erwachsenen die Krankheit schon miterlebt hat, hatte Lion zu krebskranken Jugendlichen vor "Station Leben" noch nie Kontakt. Was ihm aufgefallen ist: Jugendliche Krebskranke sind kämpferisch, erwachsene Kranke pessimistischer, weniger lebensfroh. Seine krebskranke Mitspielerin Helen Diether bestätigt: "Ich hatte nie den Gedanken, dass ich es nicht schaffe."
In den Gesprächen, Improvisationen und Proben sei denn auch weniger der Tod das bestimmende Thema gewesen, sondern das Gesundwerden, sagt Lion. "Es ging eher darum, das Leben zu genießen, weiter zu leben und zu kämpfen." Lion glaubt: "Der Tod ist nichts Schlimmes, eher vielleicht die Angst vor einem qualvollen Sterben." Die kranken Mitspieler seien total offen gewesen in den Gesprächen, Tabus habe es keine gegeben, allenfalls ein anfängliches Abtasten. Mit der Zeit habe er immer besser damit umgehen können, sagt Lion. "Es bringt keinem Krebskranken etwas, Mitleid zu bekommen." Er weiß: Mitleid nein, Mitgefühl ja. Dass Freundschaften im Verlauf einer schweren Krankheit zu Ende gehen, kann sich Lion gut vorstellen. "Da ist ja so viel Unsicherheit da."
FRANZISKA WOLF
Seit sechs Jahren leidet Franziska Wolf an aplastischer Anämie. "Das ist eine Krankheit des Knochenmarks, bei der es aufhört, Blut zu produzieren", erklärt die 15-Jährige, die sich viel mit ihrer Krankheit befasst hat. Zunächst beeinträchtigte sie ihr Leben nicht so sehr. 2007 wurde sie dann aber schlimmer; im Januar vergangenen Jahres wurde eine Knochenmarktransplantation schließlich unumgänglich. "Am Anfang war alles so unwirklich. Man wird plötzlich rausgerissen aus seinem Alltag. Alle reden auf einen ein, man kann sich gar nicht vorstellen, was auf einen zukommt und was im Körper vor sich geht, wenn das Knochenmark durch die Chemotherapie zerschossen wird." Mittlerweile fühlt sich die Neuntklässlerin so gut, dass sie so oft wie möglich wieder in die Schule geht.
Natürlich kam bei Franziska auch Neid auf – Neid auf die, die gesund sind. Und die Frage: "Warum ich?" "Es gibt so viele Menschen auf der Welt, und ausgerechnet ich bekomme Krebs. Das ist so was von ungerecht", sagt sie im Stück. Wünschen würde sie ein solches Los aber niemandem.
Die Chemotherapie ist vorbei, die Blutwerte sind gut, sagt Franziska, allerdings habe sie noch mit Abstoßreaktionen zu kämpfen. Und: Durch die Cortison-Behandlung sind ihre Knochen geschädigt, ebenso wie Manuel braucht Franziska Krücken, bald soll es aber ohne gehen. In der ersten Phase von "Station Leben" ging es Franziska gesundheitlich nicht so gut. Nach anfänglicher Skepsis – "ich bin nicht so der Mensch, der im Rampenlicht stehen will" – ist sie heute froh, dabei zu sein. "Ich hätte geheult, wenn ich nicht mitgemacht hätte", sagt sie rückblickend: "Ich hätte es wirklich bereut. Die Leute in der Gruppe sind das Tolle."
In "Station Leben" spielt Franziska unter anderem ein krankes Mädchen, das erleben muss, dass sich die Freundin nicht mehr bei ihr meldet. "Am Anfang habe ich mir gedacht ‘Okay, gib ihr Zeit, sie muss das erstmal verkraften, dass ihre beste Freundin Krebs hat.’ Aber jetzt habe ich einfach keine Lust mehr zu warten, dass was von dir kommt. Das hab’ ich nicht nötig", sagt sie im Stück. Franziska hat genau diese Erfahrungen selbst gemacht – sie waren mit das Schlimmste, sagt sie. Eine gute Freundin hat sie verloren: "Die hatte immer eine andere Ausrede, warum sie nicht in die Klinik kommen kann." Heute weiß Franziska, auf wen sie sich verlassen kann, und sie hat während ihrer Krankheit auch neue Freunde gefunden. Und dann war da noch ihre Mutter, die abends um halb elf das Krankenzimmer verließ und morgens bereits wieder da war: "Sie war in der ganzen Zeit die wichtigste Person für mich."
Autor: Frank Zimmermann


