Politik und Religion

Islamwissenschaftler Simon Fuchs erforscht Iranische Revolution

Toni Nachbar

Von Toni Nachbar

So, 20. Januar 2019

Freiburg

Der Sonntag Der politische Islam wurde von der Islamischen Revolution im Iran vor rund 40 Jahren entscheidend inspiriert. Den Einfluss der Ereignisse von 1978/79 auf andere muslimische Länder erforscht an der Freiburger Universität der Islamwissenschaftler Simon Wolfgang Fuchs.

Der politische Islam wurde von der Islamischen Revolution im Iran vor rund 40 Jahren entscheidend inspiriert. Den Einfluss der Ereignisse von 1978/79 auf andere muslimische Länder erforscht an der Freiburger Universität der Islamwissenschaftler Simon Wolfgang Fuchs. Er sagt: "Die einstige ideologische Ausrichtung gegen die Sowjetunion und vor allem die USA legitimiert teilweise noch heute das Regime in Teheran."

Nach dem Abitur im oberbayerischen Gröbenzell absolvierte Simon Wolfgang Fuchs sein Freiwilliges Soziales Jahr in einer Behinderteneinrichtung in Jerusalem. Aufenthalte in der Westbank ließen ihn eine Unsicherheit verspüren, wie man sich richtig zu Palästinensern verhält. Eine Folge des viele Jahrzehnte alten Nahostkonflikts, den Simon Wolfgang Fuchs besser und tiefer verstehen wollte: "So reifte mein Entschluss, neben Politik- und Wirtschafts- auch Islamwissenschaft zu studieren."

Zu den Semestern in Erlangen, Tübingen und Cambridge sowie der Promotion an der amerikanischen Princeton University gesellten sich Aufenthalte in Syrien und Iran; der junge Wissenschaftler hatte längst auch gelernt, Texte in Arabisch, Persisch und Urdu zu verstehen. Zuletzt forschte Simon Wolfgang Fuchs, inzwischen Akademischer Rat am Orientalischen Seminar in Freiburg, im Libanon und Tunesien. Gefördert von der Düsseldorfer Gerda-Henkel-Stiftung für Geisteswissenschaften arbeitet er am Programm "Islam, moderner Nationalstaat, transnationale Bewegungen." Sein Spezialgebiet lautet: der Einfluss der Islamischen Revolution im Iran auf andere muslimische Staaten.

Mit einer schlichten oder prägnanten These, so Fuchs, sei diese Frage nicht zu beantworten. Die Revolution im Iran, die 1978/79 dem "hyperkapitalistischen" und säkularen Regime des Schah Mohammad Reza Pahlavi ein Ende bereitete, hatte eine erhebliche Außenwirkung. "Zwischen den beiden beherrschenden Ideologien der damaligen Zeit und den von den USA und der Sowjetunion angeführten Blöcken entstand in der muslimischen Welt der Eindruck: Wir können es auch – unserer Kultur entsprechend", resümiert Simon Wolfgang Fuchs.

Allerdings motivierte die schiitisch-theokratische iranische Republik auch Abwehr-Reaktionen. Bereits 1980 begann ein lang andauernder blutiger Krieg gegen den Irak. Das Regime in Teheran überstand ihn ebenso wie die kontinuierliche Sanktionspolitik des Westens.

"Heute", sagt der Freiburger Islamwissenschaftler, "steht die Islamische Republik im Innern auf einer breiteren Legitimation, als man im Westen gerne annimmt. Man darf nicht übersehen, dass im Iran ein System mit einer gewaltigen Kluft zwischen Arm und Reich doch einem Wohlfahrtsstaat gewichen ist."

Einen Verharmloser der strengen politischen iranischen Verhältnisse oder der aggressiven Außenpolitik Teherans sollte man Simon Wolfgang Fuchs keineswegs wähnen. Dafür kennt er das Land zu gut, zu vertraut sind ihm auch der Pluralismus der iranischen Opposition, die sowohl auf offener politischer Bühne als auch im Untergrund existiert. Doch zu einer erneuten tiefgreifenden Revolution und einem Regimewechsel fehle ihr derzeit offenbar die Kraft.

Auch die viel besprochene und oft beklagte gesellschaftliche und politische Rolle der Frauen im Iran will Fuchs differenzierter sehen: "Zweifellos hat die Islamische Revolution die Absicht gehabt, die Frauen in den gesellschaftlichen Hintergrund zu drängen. Doch schon im Krieg gegen den Irak nach 1980 wurde den politischen und religiösen Machthabern klar, wie sehr sie in jener prekären Situation auf das gesellschaftliche Engagement der Frauen angewiesen waren."

Trotz Verschleierung und islamistischer Ideologie, das Bildungsniveau der Frauen sei im Iran deutlich höher als in vielen anderen Ländern der Region, betont Fuchs. Unterdrückung und Emanzipation verlaufen in eigentümlicher Dialektik, unübersehbar sei ein islamischer Feminismus, der sich für eine Gleichberechtigung stark macht – unter den religiös-kulturell-poli- tisch real existierenden Bedingungen. So fragwürdig und unzulänglich dies aus westlich-liberaler Sicht auch erscheinen mag. "Mit meiner wissenschaftlichen Arbeit", sagt Simon Wolfgang Fuchs, "versuche ich nicht nur die Region besser zu verstehen, sondern hier ein Bild vom Islam zu vermitteln, das dieser Religion und Kultur gerechter wird und einer Islam-Angst entgegenwirkt. "