Neuer alter Standort

Wie soll das Siegesdenkmal künftig präsentiert werden?

Frank Zimmermann

Von Frank Zimmermann

Fr, 14. Juli 2017 um 10:56 Uhr

Freiburg

1876 wurde das Siegesdenkmal in Freiburg aufgestellt – anlässlich des Siegs des Deutschen Reichs über Frankreich. Wie soll das Denkmal nun am neuen alten Standort präsentiert werden?

Dass das Siegesdenkmal nach dem Bau der neuen Stadtbahntrasse versetzt wieder aufgestellt wird, hat der Gemeinderat 2015 entschieden. In welche Himmelsrichtung wird die Victoria schauen? Welche Symbolik verbindet sich damit? Wird das Denkmal besonders beleuchtet oder künstlerisch verfremdet? Muss man es jungen Generationen auf Infotafeln erklären? Um dies zu diskutieren, lud die Kunstkommission in den Kunstverein ein.

Die Versetzung ist vom Tisch

"Wie können wir das Siegesdenkmal sinnvoll aufstellen?", fragte die Kunsthistorikerin Angeli Janhsen die rund 100 Besucher im Kunstverein im Marienbad am Mittwochabend. Jetzt gebe es noch Spielräume; noch könne man Einfluss darauf nehmen, wie das im März 2016 demontierte Denkmal vor der Karlskaserne, in dem sich das Amt für Kinder, Jugend und Familien befindet, aufgestellt werde. Laut Stadtverwaltung soll dies im November geschehen, wobei der neu gestaltete Platz erst ein Jahr später eingeweiht wird.



Vom Tisch ist aufgrund des Gemeinderatsbeschlusses von 2015 die Idee für eine Versetzung an einen anderen Standort, etwa auf den Hauptfriedhof, den Karlsplatz oder in den Stadtgarten. Ebenso die Überlegung, das Denkmal einzuschmelzen und daraus eine Friedensglocke zu gießen, da so ein Denkmal aus der Kaiserzeit mit dem Lebensgefühl der Menschen heute nichts mehr zu tun habe. Kein Budget bereitgestellt haben Stadtverwaltung und Gemeinderat für ein Gegendenkmal oder eine künstlerische Intervention, zum Beispiel eine irritierende oder provozierende Verfremdung des Bauwerks, wie es der Konzeptkünstlers Hans Haake mit der Mariensäule in Graz oder Rosemarie Trockel mit ihrem "Frankfurter Engel" gemacht haben, dessen Kopf die Künstlerin abschlug und leicht verschoben wieder anbrachte. Solche künstlerischen Ideen werden realisiert, da Bedeutung und Interpretation eines Denkmals sich ohnehin mit der Zeit änderten, so Kulturamtsleiter Achim Könneke. Und Erinnerung an Geschichte sei immer auch ein Konstrukt der jeweiligen Zeit.

Denkmal mit Zaun oder Treppe?

Kurz nach Ende des deutsch-französischen Krieges 1871 wünschten sich die Bürger ein Denkmal im Andenken an die militärische Leistung des XIV. Armeekorps unter General August von Werder. Am 3. Oktober 1876 wurde das Denkmal in Anwesenheit von Kaiser Wilhelm I. und dem Badischen Großherzog Friedrich I. eingeweiht. Die Weltkriege überstand es quasi unbeschadet, die französischen Besatzer empfanden es überraschenderweise nicht als Provokation oder Demütigung. Die einen Kranz hebende Victoria mit vier Soldaten zu ihren Füßen war aber auch nicht nach Westen – zum besiegten Frankreich hin – ausgerichtet. Daraus zog Könneke den Schluss: Das Siegesdenkmal gehöre nicht in die Kategorie ’kriegsverherrlichendes Werk’.



"Was die Bomben nicht geschafft hatten, schaffte die Verkehrsplanung", spielte er auf die verkehrsbedingte Neugestaltung des ehemaligen Kaiser-Wilhelm-Platzes (der heute namenlos ist) an, mit der 1963 eine Versetzung 100 Meter in Richtung Westen auf den Friedrichring zur Folge hatte. Dort stand es, nach Osten zur Karlskaserne hin gedreht, bis März 2016 – mit einem Grünstreifen drum herum; ursprünglich war das denkmalgeschützte Denkmal eingezäunt gewesen.

Künftig soll es am ursprünglichen Standort von 1876 stehen, mit der Victoria nach Süden, auf die Kaiser-Joseph-Straße hin blickend. "Eine Irritation täte gut", befand die Kommissionsvorsitzende Janhsen und wünschte sich eine "leichte Entrückung": "Das würde genügen, um zu zeigen, dass bei der Neuaufstellung nachgedacht wurde." Denn es gehe nicht darum, eine historische Situation wiederherzustellen. Eine Ausrichtung nach Osten zur Karlskaserne sei die einzige Lösung. Ihr Vorschlag fand bei einer Probeabstimmung prompt eine Mehrheit.

Hermann Hein von der Arbeitsgemeinschaft Freiburger Stadtbild plädierte für Erläuterungstafeln im unteren Bereich des Denkmals. Und Ex-Stadtrat Sebastian Müller schlug QR-Codes vor, die, mit dem Smartphone gescannt, online Hintergrundinformationen liefern. Gutgeheißen wurden Treppenstufen, auf die sich die Passanten setzen könnten, und eine bauliche Integration des Denkmals in den Platz – ohne zusätzliche Erhöhung. Eine Frau im Publikum fand Sitzgelegenheiten ein gutes Signal: "Die Bevölkerung okkupiert das Ganze." Dafür erwärmte sich auch der Freiburger Künstler Richard Schindler: "Wenn man da sitzen kann, ist das doch ganz wunderbar."
Anmerkung der Redaktion

Sebastian Müller legt Wert auf die Feststellung, dass er nicht das Anbringen von QR-Codes gemeint habe, sondern in seinem Redebeitrag für ein kostenfreies WLAN an der Haltestelle und der Karlskaserne eintrat. "Auf der Vorschaltseite können dann Informationen zum Siegesdenkmal und dessen Geschichte angeboten werden."

Victoria wird nicht nach Frankreich schauen

Für eine Ausrichtung der Victoria zum westlichen Nachbarn Frankreich hin sprach sich niemand im Saal aus – "das verbietet sich", urteilte auch Janhsen. Dass auf einem Banner der Verkehrs-AG die Victoria ausgerechnet dorthin schaut, empfand Kommissionsmitglied Klaus Merkel als Irritation. Ein Mann im Publikum glaubte indes, dass die Franzosen heutzutage selbst entspannt und souverän mit solchen Denkmälern umgingen.

Schindler appellierte: "Es ist ein historisches Dokument, man sollte es nicht fälschen, sondern so erhalten", dazu gehöre auch die Ausrichtung. Architekt und Kommissionsmitglied Michael Gies fragte, ob es eine historische Aufstellung in einem völlig veränderten, im Krieg zerstörten Umfeld überhaupt geben könne: "Die historische Situation ist so gar nicht mehr herstellbar."



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