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23. Juli 2010 07:30 Uhr
Integration
Freiburg: Türkische Einwanderer gründen private Grundschule
Was das deutsche Schulsystem nicht vermag, nimmt in Freiburg jetzt ein Verein türkischer Einwanderer in die Hand: Er gründet eine private Grundschule – die Kindern jeglicher Herkunft offen stehen soll.
Die "Akademische Plattform" gründet zum kommenden Schuljahr die Ganztagsgrundschule Regenbogen. Der Schulbetrieb startet mit maximal 18 Schülerinnen und Schülern in einem Pavillon des Deutsch-Französischen Gymnasiums. Jedes Jahr soll mindestens eine neue Klasse hinzukommen.
Viele türkischstämmige Eltern wüssten, dass ihre Kinder ohne gute Deutschkenntnisse und gehobene Schulabschlüsse keine Chancen in Deutschland haben, erklären Vereinssprecher Kemal Türk und Schulleiterin Seminur Özdemir, beide Einwanderer der zweiten Generation. "Sie wollen ihren Kindern eine gute Schulbildung ermöglichen, können aber selbst oft nur wenig dazu beitragen, also zum Beispiel nicht bei den Hausaufgaben helfen." Daher seien sie auch bereit, 220 Euro Schulgeld im Monat zu bezahlen.
Früher hätten ihre Landsleute das Ersparte in die Türkei geschickt, um Häuser zu bauen. Heute investierten die aufstiegsorientierten Einwanderer in die Ausbildung ihrer Söhne und Töchter: Ihre Kinder sollen es einmal besser haben. Dies sei eine klare Botschaft: "Wir bleiben hier. Wir wollen Verantwortung übernehmen." Nicht nur die Eltern lassen sich die Bildung ihrer Kinder etwas kosten.
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Auch deutsch-türkische Geschäftsleute aus Freiburg unterstützen das Projekt. Die ersten drei Jahre muss sich die Schule komplett selbst finanzieren, erst dann können Zuschüsse beim Land beantragt werden. Das Wohlwollen der Politik ist ihnen gewiss: Sowohl Oberbürgermeister Dieter Salomon (Grüne) wie auch der ehemalige Kultusminister Helmut Rau (CDU) sind von dem Projekt angetan.
Schulleiterin Özdemir führt stolz durch die Räume, in denen noch die Bauarbeiter werkeln: Der Parkettboden ist noch nicht gewachst, die Wände tragen zartes Rosa, die Möbel sind beim Schreiner bestellt. "Alles aus biologischen Material." Die Kinder sollen sich geborgen fühlen, beschreibt Özdemir das pädagogische Konzept. Die Schule soll ein geschützter Raum sein, den die Kinder nach vier Jahren gestärkt verlassen. " Wer ausgegrenzt oder in eine Schublade gesteckt wird, kann nicht lernen." Zum Konzept gehört auch eine sogenannte Elternschule, in der Erziehungs-, Familien und Lernberatung angeboten wird.
Die Klassenlehrerin ist eine Deutsche und kommt aus einer staatlichen Schule. Unterrichtet wird auf Deutsch, es gilt der baden-württembergische Lehrplan, Kinder jeglicher Herkunft sind willkommen. Von der ersten Klasse an wird Englisch- und Türkischunterricht angeboten. Statt Religion steht Ethik auf dem Stundenplan. Und wie hält es die Privatschule mit dem Kopftuch? "Darüber haben wir noch überhaupt nicht nachgedacht", sagt die Schulleiterin. "Mädchen im Grundschulalter tragen doch kein Kopftuch." Nach kurzem Nachdenken lautet die Antwort: "Wir halten uns an die Bestimmungen des Landes."
In Baden-Württemberg gibt es bislang vier Privatschulen, deren Gründer türkische Wurzeln haben. Die "Akademische Plattform", die seit fünf Jahren in Freiburg ein Lernzentrum betreibt, setzt bewusst bei der Grundschule an. "Entscheidend ist die Frühförderung", sagt Seminur Özdemir. Und da gibt es ihrer Ansicht mehr als genug zu tun.
Sie sei sehr überrascht, mit welchen Defiziten die Kinder zum Teil aus dem Kindergarten in die Schule kommen. "Es fehlt nicht nur an Sprachkompetenz. Es fehlt an motorischen Fähigkeiten, viele haben bereits Schwierigkeiten, einen Stift zu halten. Oft ist der Gleichgewichtssinn nicht entwickelt."
Inspiriert sind die Schulgründer sind von den Ideen des türkischen Islamgelehrten Fethullah Gülen. Seine Botschaft: Baut Schulen statt Moscheen. 500 Schulen soll diese muslimische Bildungsbewegung mittlerweile weltweit haben. Sie ähnelt mehr einem Netzwerk denn einem organisierten Verband.
OFFENE TÜREN
Die Regenbogenschule stellt sich vor am Samstag, 24. Juli, von 10 bis 18 Uhr, am Montag, 26. Juli, von 15 bis 20 Uhr vor . Ort: Runzstraße 83. Weitere Informationen http://www.fap-freiburg.de
- Kommentar: Ein Zeichen der Integration
Autor: Petra Kistler
