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12. Juni 2015 11:13 Uhr

Theater

Die Türmer von Freiburg: alle 730 Plätze ausgebucht

Seit Donnerstag steht der Turm auf dem Dach des Theaters. Ab 20. Juni werden 730 Bürger ein Jahr lang zum Türmer von Freiburg. Was es mit diesem Projekt auf sich hat:

  1. Der französische Architekt Benjamin Tovo am Donnerstag beim Bau des Turms auf dem Theaterdach Foto: ingo schneider

Am Samstag, 20. Juni, beginnt auf dem Dach des Stadttheaters ein besonderes Ereignis, an dem ein Jahr lang jeden Tag bei Sonnenauf- und -untergang ein Freiburger oder eine Freiburgerin – insgesamt 730 Bürger – teilnehmen: "Die Türmer von Freiburg" lautet das Projekt der australischen Choreografin Joanne Leighton. Nach mehreren französischen Orten wird erstmals eine deutsche Stadt zur Türmerstadt. Die Resonanz seit Beginn der Anmeldefrist war gewaltig: Alle 730 Plätze waren binnen weniger Wochen ausgebucht.

Ein großer Autokran stand am Donnerstag an der südöstlichen Ecke des Theaters, er hievte zwölf vorgefertigte Teile aus wetterfestem Holz und Multiplex-Material aufs Dach. Zimmerermeister Johannes Ott von der Freiburger Firma Takatuka-Bau hämmerte sie zu einem Turm – 1,40 Meter breit, 2,18 Meter hoch und 5,73 Meter tief – zusammen. Von dem verglasten, beleuchtbaren Kubus aus kann man in 17 Metern Höhe auf die Stadt und im Westen bei guter Sicht bis zu den Vogesen blicken. Innerhalb eines Tages ging der Aufbau über die Bühne.

Für die Pariser Architekten Benjamin Tovo und Nounja Jamil war der erste deutsche Standort eine Herausforderung: Unter dem Turm, so verlangen es die deutschen Bestimmungen, musste eine sturmsichere, tonnenschwere Stahlkonstruktion montiert werden, in Frankreich genügte ein Holzgerüst drumrum. Entsprechend dem Sonnenauf- und -untergang in Ost-West-Richtung ausgerichtet, betritt den Turm jeden Morgen und Abend jeweils ein Bürger der Stadt – er oder sie wird für eine Stunde zum Türmer, wie man sie im Mittelalter kannte. Natürlich variieren Sonnenauf- und -untergang je nach Jahreszeit.

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Türmer werden begleitet

Am Ende seines Aufenthalts macht jeder Türmer ein Foto von seinem Standort aus, es wird aber auch ein Bild von ihm selbst gemacht, und er schreibt direkt vor Ort seine Eindrücke auf. Texte und Bilder werden im Internet sowie am Ende des Projekts in einem Buch veröffentlicht. Der Türmer muss weder frühmorgens noch abends allein aufs Theaterdach, er wird jeweils von einem anderen Bürger, einem "Begleiter", an der Theaterpforte abgeholt. Beide, Türmer und Begleiter, werden in Workshops vorbereitet.

Freiburg ist die erste deutsche Stadt, in der das Projekt von Choreografin Joanne Leighton realisiert wird. Seine Premiere hatte es 2011/2012 in Belfort, wo der Turm auf der Zitadelle der französischen Stadt thronte. In Belfort ist Leighton seit 2010 Leiterin des nationalen choreografischen Zentrums, in diesem Sommer gründet sie in Paris eine neue Compagnie. Vier Tage vor der Türmer-Premiere in Freiburg wird sie zu Fuß (und schweigend!) von Belfort nach Freiburg aufbrechen, wer will, kann sich ihr jederzeit anschließen (Orte und Zeiten im Internet). Weitere Stationen des Projekts nach Belfort waren Rennes und Laval, seit Dezember 2014 steht ein Turm im elsässischen Hagenau.

Nirgends sei die Resonanz der Bürgerinnen und Bürger bislang so groß gewesen wie in Freiburg, binnen zehn Wochen seien alle 730 Türmer-Plätze bis 19. Juni 2016 vergeben gewesen, sagt Anne Kersting, Leiterin der Sparte Tanz/Performance am Theater. Bei einem Blick auf die Liste fällt auf: Gut zwei Drittel der Angemeldeten sind Frauen. Der Erste am 20. Juni wird übrigens Stadtoberhaupt Dieter Salomon sein. Er verlässt um 21.33 Uhr den Turm, dann wird auch Joanne Leighton angekommen sein: "Ich freue mich sehr und bin vor allem neugierig darauf, wie es ist, auf eine andere Weise Teil der Stadtgesellschaft zu sein", sagt Oberbürgermeister Dieter Salomon. Das einjährige Projekt sei interessant, weil es im und in den öffentlichen Raum wirke und dabei eine andere Sicht auf die Stadt ermögliche.

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Autor: Frank Zimmermann