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13. Juli 2016

Vereint im Verein

Wie Tanzen Frauen nach einer Krebserkrankung helfen kann

Wer an Krebs erkrankt, verliert oft das Vertrauen zum eigenen Körper. Da kann es helfen, auf bisher ungewohnten Wegen neue Zugänge zu finden – ganz auf den Körper konzentriert und ohne viel herumzureden. Der Verein „Tanztherapie nach Krebs“ will dabei helfen.

  1. Foto: Ingo Schneider

  2. Foto: Ingo Schneider

  3. Ursula Schüler (Mitte) und Iris Fritz (rechts) sind zwei der Teilnehmerinnen in der Jahresgruppe von Elana Mannheim (links). Foto: Ingo Schneider

FREIBURG. Wer an Krebs erkrankt, verliert oft das Vertrauen zum eigenen Körper. Da kann es helfen, auf bisher ungewohnten Wegen neue Zugänge zu finden – ganz auf den Körper konzentriert und ohne viel herumzureden. Der Verein "Tanztherapie nach Krebs" will möglichst viele Menschen dabei unterstützen und ist immer auf der Suche nach Finanzierungsmöglichkeiten.

Sie reiben sich die Hände. Und streichen mit den Händen über ihre Arme, Beine und den Bauch. Sie atmen tief ein und aus, rekeln sich, werfen die Arme in die Luft und lassen sie kreisen. Iris Fritz (62) und Ursula Schüler (54) orientieren sich an der Tanztherapeutin Elana Mannheim (60) – sie macht die Übungen vor, die zum Start helfen sollen, sich zu spüren, zu sich zu finden. Später können sie auch eigene Bewegungen ausprobieren.

Die Frauen stehen in einem Raum der "Schule für Tanz, Improvisation und Performance" an der Lörracher Straße, den Elana Mannheims Jahresgruppe für von Krebs betroffene Frauen gemietet hat. Sie treffen sich übers Jahr verteilt sechs Mal, sie tanzen immer drei Stunden lang. Die Gruppe ist offen für alle, zurzeit sind insgesamt elf Frauen dabei, darunter auch Vereinsmitglieder. Die Teilnahme kostet 330 Euro pro Jahr.

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Tanzen als unmittelbarer Zugang zum versehrten Körper

Ursula Schüler und Iris Fritz kommen sehr gern. Bei beiden ist ihre Brustkrebs-Erkrankung schon eine Weile her. Ursula Schüler hat vor zehn Jahren während ihrer Reha nach der Operation zum ersten Mal Tanztherapie ausprobiert: "Der Zugang über den Körper ist super, ganz anders, als wenn die Auseinandersetzung über den Kopf geht", sagt sie. Danach fühle sie sich jedes Mal "sortierter und geklärter". Ähnlich empfindet es Iris Fritz, die 2010 mit Chemotherapie und Bestrahlung behandelt wurde: "Wir müssen hier nicht viele Worte machen!" Sie hat früher unter anderem Bauchtanz und Tai Chi gemacht – die Tanztherapie ist nochmal eine ganz andere Erfahrung: "Wir haben hier unseren geschützten Raum, sind angenommen und aufgehoben."

Elana Mannheim kennt die Situation von Menschen, die Krebs hatten oder haben. "Die Ängste bleiben auch nach der Therapie, sie müssen ausgedrückt werden", sagt sie. Das Tanzen sei ein unmittelbarer Zugang zum versehrten Körper, da gehören Tränen dazu: "Viele erzählen mir dann, dass sie bis dahin seit ihrer Diagnose nicht mehr weinen konnten, dass sie sich wie abgeschnürt fühlten. Das Tanzen ist wie ein Ventil, sie können sich plötzlich öffnen." Oft sind es auch Tränen der Freude: "Manche sind tief berührt, weil sie begreifen, dass sie Glück hatten – dass sie noch leben."

Elana Mannheim ist nicht nur Tanztherapeutin, sondern auch Heilpraktikerin für Psychotherapie und Psychoonkologin und arbeitet seit 23 Jahren mit Menschen, die an Krebs erkrankt sind. 1996 entwickelte sie an der Klinik für Tumorbiologie ein Konzept für Tanztherapie, vor zwölf Jahren hat sie ihre eigene Praxis eröffnet. Seitdem erlebt sie, was auch ihre Kollegen erfahren: Die meisten Krebspatienten haben nicht genug Geld, um sich Tanztherapie leisten zu können – und die Krankenkassen übernehmen die Finanzierung nicht. Das gilt auch für die Teilnahme an der Jahresgruppe. Um Menschen mit weniger Geld zu erreichen und Finanzierungsmöglichkeiten für sie zu schaffen, haben Mannheim und Kolleginnen aus dem ganzen Bundesgebiet den Verein gegründet, sein Sitz ist in Freiburg.

Zumindest bei einzelnen Angeboten haben sie immer wieder Erfolg: Im Herbst findet nahe bei Trier ein – ausgebuchtes – Seminar für an Krebs erkrankte Mütter und ihre jugendlichen Töchter statt, das von der Krankenkasse AOK finanziert wird. Für heranwachsende Mädchen, die mit ihrem eigenen Frauwerden konfrontiert sind, sei die Krebserkrankung der Mutter mit besonderen Ängsten verbunden, betont Elana Mannheim – um die Mutter zu schonen, schweigen sie meist. Aber auch für alle anderen Familienmitglieder – und natürlich auch für erkrankte Männer – ist die Situation eine Herausforderung. Der Verein würde gern mehr Unterstützungsangebote schaffen und allen zugänglich machen.

Tanztherapie nach Krebs

Gegründet: 2008.
Mitglieder: 35.
Angebot: Seminare für krebsbetroffene Mütter und ihre Töchter sowie für Paare; Infos und eine Therapeutenliste; Teilnahme an Jahres-Tanzgruppen,...
Beitrag: 40 Euro/Jahr.
Kontakt: über die Internetadresse http://www.tanztherapie-nach-krebs.de  

Autor: anb

Autor: Anja Bochtler