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20. Mai 2009

Viel Zeit zum Zuhören

Streitschlichter und Gesprächspartner: Senioren arbeiten als Mediatoren an Freiburger Schulen.

Als Ingenieur suchte Dieter Fuhrmann nach technischen Lösungen, heute sind es zwischenmenschliche Konflikte, die der 73-Jährige lösen hilft: Er ist einer von 14 Freiburger Senioren, die der Verein Seniorpartner in School (SiS) zu Schulmediatoren ausgebildet hat. Seit Schuljahresbeginn kommt Dieter Fuhrmann nun jeden Mittwochvormittag in die Stühlinger Hebelschule, um gemeinsam mit seiner Kollegin Karin Vollbrecht (65) die Schülerinnen und Schüler als Gesprächspartner und Streitschlichter zu begleiten.

Die Idee, Senioren als Mediatoren in Schulen einzusetzen, geht in Deutschland zurück auf die Berlinerin Christiane Richter, die SiS im Jahr 2000 als Verein gründete. Inzwischen hat sich das Modell bewährt und im vergangenen Jahr begab sich die pensionierte Pädagogin Claudia Muzzulini (65) erstmals auf die Suche nach Seniorpartnern für Freiburger Schulen. 30 Menschen meldeten sich, 14 von ihnen wurden in 80 Unterrichtsstunden auf ihre Aufgaben vorbereitet. Auf dem Lehrplan standen dabei laut Muzzulini modernste pädagogische Ansätze nach den Richtlinien der Gesellschaft für Mediation, etwa das bewährte Anti- Mobbing-Verfahren "No blame approach". Die Ausbildung war für die Senioren dank Unterstützung durch das Familienministerium kostenlos, allerdings verpflichteten sie sich, 18 Monate auch als Seniorpartner zu arbeiten.

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In der Hebelschule bieten Dieter Fuhrmann und Karin Vollbrecht ihre Hilfe rund 400 Haupt- und Grundschülern an, die Schule hat ihnen einen eigenen Raum eingerichtet – "Das Programm erfordert auch eine gewisse Gegenleistung von den Schulen", sagt der Schulsozialarbeiter Jürgen Ruopp. Der 41- Jährige ist begeistert von der Arbeit der Seniorpartner: "Die Schüler provozieren ja fast schon Konflikte, um zu ihnen kommen zu dürfen", lacht Ruopp. Und tatsächlich: Wenn die ehemalige Sozialarbeiterin und der Ingenieur durch das Schulhaus gehen, winken ihnen die Schüler zu, zupfen sie am Ärmel und ziehen sie zur Seite: "Du, der Vertrag von letzter Woche, der hat gerade mal drei Tage gehalten", beschwert sich ein Junge bei Karin Vollbrecht.

Der Junge habe Streit mit Mitschülern gehabt, die in eine Rauferei ausgeartet ist, erzählt Vollbrecht. Alle Beteiligten saßen nach der Prügelei bei Vollbrecht und Fuhrmann, jeder durfte seine Sicht der Dinge schildern und am Ende haben sie einen Vertrag ausgehandelt, der den künftigen Umgang miteinander regelt. Oft gehe es auch schlicht ums Zuhören, erklärt Fuhrmann. "Das ist unser großer Vorteil, die Lehrer haben ja oft gar nicht die Zeit dazu", ergänzt Vollbrecht. Nichts was bei den Seniorpartnern besprochen wird, wird an Lehrer, Eltern oder andere Schüler weitergegeben, nicht einmal Sozialarbeiter Ruopp erfährt etwas, wenn die Schüler das nicht wünschen.

"Der große Bonus der beiden ist, dass sie vollkommen Außenstehende sind", sagt Ruopp, "und ihr Alter – die Schüler reden ganz anders mit den älteren Menschen und sie hören auch ganz anders zu." Was die beiden Senioren so alles zugetragen bekommen, beschäftigt sie oft auch noch nach ihrem Dienst, erzählt Vollbrecht – besonders die Einblicke in die Zustände in manchen Familien wären schwer zu verarbeiten. Aber die Arbeit bereite ihr Freude und gebe ihr auch viel zurück: "ich fühle mich hier sehr wohl und angenommen, die Schule ist meine Schule geworden."

Info: SiS sucht neue Mediatoren für Freiburg, der Lehrgang beginnt im Spätjahr. Kontakt: Brigitte Eckhardt (06202 14141) oder Claudia Muzzulini (07661/4840) c.muzzulini@gmx.de

Autor: Stefan Merkle