Zur Navigation Zum Artikel

Wenn Sie sich diesen Artikel vorlesen lassen wollen benutzen Sie den Accesskey + v, zum beenden können Sie den Accesskey + z benutzen.

15. September 2011

Von Sprintern Deutsch lernen

Erfolgreiches Projekt der Freiburger Bürgerstiftung.

Heute, wenn die Stundenpläne endgültig stehen und der normale Schulbetrieb Fahrt aufnimmt, wird auch Holk Wagner zur Besprechung ins Lehrerzimmer der Adolf-Reichwein-Schule in Landwasser kommen. Holk Wagner, 69 Jahre und pensioniert, ein freundlicher, aufmerksamer Mann, ist einer der "Sprinter" im Kollegium: Ein Freiwilliger, der beim Projekt "Sprint" der Freiburger Bürgerstiftung mitmacht und – außerhalb des normalen Schulalltags – mit Migrantenkindern Deutsch lernt. Ein kleiner Job mit großer Wirkung.

Vor gut einem halben Jahr hat sich Holk Wagner als Zeitstifter für die Bürgerstiftung zur Verfügung gestellt: Er investiert ein bis zwei Stunden in der Woche seiner Zeit, um mit Kindern, die es nicht gut können, Deutsch zu sprechen. "Kann ich sowas überhaupt?" hatte sich der pensionierte Berufsschullehrer anfangs etwas bang gefragt. Vor allem, weil sein Schützling, der neunjährige Mahir aus Kurdistan, als schüchternes Kind gilt, mit dem zu kommunizieren schwierig ist, und weil Holk Wagner nicht mehr gut hört.

Montags nach der fünften Stunde, das ist ihre Zeit. Sie spielen im Klassenzimmer zu zweit kleine Spiele wie Memory, kicken ein bisschen mit dem Schaumgummiwürfel, lernen an der Uhr die Zahlen kennen oder reden einfach. "Was ich nie erwartet hätte: dass so ein Kindchen beginnt, Vertrauen zu fassen", sagt Holk Wagner heute und strahlt. Mahir kann inzwischen deutlich besser Deutsch und Holk Wagner ist der Kleine ans Herz gewachsen: "Aufzuhören, das brächte ich heute gar nicht mehr fertig."

Werbung


"So eine Eins-zu-eins-Situation kann man nicht mit Gold aufwiegen", sagt Schulleiterin Sylvia Bohn. Etwa 380 Kinder gehen auf die Adolf-Reichwein-Schule, nur etwa 100 von ihnen sprechen daheim Deutsch. Und die Eltern der anderen haben oft selbst Schwierigkeiten mit der Sprache. Doch wer die nicht richtig beherrscht, wird sich auch in der Schule schwertun – und in der deutschen Gesellschaft. Um dem etwas entgegenzusetzen hat die Freiburger Bürgerstiftung vor inzwischen fast fünf Jahren das Projekt "Sprint" gestartet: mit fünf "Sprintern" fing es an, jetzt sind es 16, die interessierten Schülerinnen und Schülern in Landwasser helfen.

In der Adolf-Reichwein-Schule wird das goutiert. "Inzwischen sind wir so gut organisiert, dass die Lehrer das als Mehrwert sehen", sagt Bohn. Wobei: Unterschätzen dürfe man den organisatorischen Aufwand nicht; bis alles glatt läuft, müssen alle Seiten Geduld investieren. Der Lohn der Mühe: Fast 90 Kinder haben in diesen fünf Jahren besser Deutsch mit ihren Unterstützern gelernt. Ein Erfolg, der auch Eva-Maria Korte von der Freiburger Bürgerstiftung froh macht: "Das Tollste ist, dass die Kinder den zusätzlichen Unterricht nicht als Belastung empfinden, sondern als Vorteil." Tatsächlich: Um den Herrn Wagner beneiden sie den Mahir schon ein bisschen. Ein Mitschüler hat den außergewöhnlichen Lehrer gefragt: "Du, darf ich auch mal zu dir in die Stunde kommen?"

Autor: Simone Lutz