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28. Juli 2011

Gedenken

Vor 25 Jahren wurde Berndt Koberstein in Nicaragua ermordet

„Das hier ist wohl der schönste Job, den ich je gemacht habe.“ So beschrieb Berndt Koberstein seine Arbeit für eine Wasserleitung in Wiwilí. Der Brief an eine Freundin ist datiert vom 12. Juni 1986. Eineinhalb Monate später war der Freiburger Gewerkschafter und Kommunist tot.

  1. Berndt Koberstein in Wiwili Foto: Privat

  2. Das Grab Berndt Kobersteins auf dem Friedhof in Matagalpa in der Nähe von Wiwilí Foto: Gerhard Kirk

Nahe der nicaraguanischen Kleinstadt ermordet von Contras, die – mit US-amerikanischem Geld ausgestattet – die sandinistische Regierung stürzen sollten. An diesem 28. Juli jährt sich sein Todestag zum 25. Mal.

Berndt Koberstein, am 31. August 1956 geboren, wurde nicht einmal 30 Jahre alt. "Er war ein sehr sensibler Mensch", erinnert sich Werner Siebler, der mit ihm in der Gewerkschaftsjugend und bei der Sozialistischen Deutschen Arbeiterjugend zusammenarbeitete. "Und er hat auf alles reagiert, was er als ungerecht empfand." Deshalb sei es für ihn auch selbstverständlich gewesen, aus Solidarität in Wiwilí eine Wasserleitung zu bauen. Dort, wo am 30. April 1983 der Freiburger Arzt Albrecht "Tonio" Pflaum mit 13 anderen Menschen bei einem Contra-Überfall umgebracht worden war – das Samenkorn der Städtefreundschaft zwischen Freiburg und Wiwilí.

Dorthin flog Berndt Koberstein, der bei Pumpen-Lederle eine Ausbildung gemacht hatte (aber nicht übernommen worden war) zum ersten Mal im Sommer 1985, um den Bau der Wasserleitung vorzubereiten. "Er hat sehr viel gegrübelt über die Welt und seine Stellung in ihr", sagt Werner Siebler, "aber er war auch jemand, der den Humor, das Leben und die Liebe liebte." Im Frühjahr 1986 reiste er erneut nach Nicaragua. Erfüllt von der Idee der Solidarität mit den Menschen dort: "Wir trotzen den US-Amerikanern und lassen uns auch von den Contras nicht von dem abhalten, was wir für richtig halten." Und das war für ihn die dringend notwendige Hilfe für Nicaragua, eines der ärmsten Länder Mittelamerikas, das sich 1979 vom Diktator Somoza befreit hatte. Ganz konkret: der Bau einer Wasserleitung in Wiwilí mit seinen beiden Teilgebieten Jinotega und Nueva Segovia. Heute leben hier etwa 75 000 Menschen, von denen 40 Prozent weder lesen noch schreiben können.

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"Ständig wird man von dem Gedanken begleitet, dass man über diese Felsen, Hügel und Täler, über steile Abhänge und felsigen Boden die Leitung legen muss, und dabei kann einem angst und bange werden", schreibt Berndt Koberstein im Mai 1986 nach Freiburg. Rodung eines unwegsamen Geländes unter dem Schutz von Soldaten. "An sowas merkt man hier, trotz sonstiger Ruhe und manchmal Beschaulichkeit, dass man mitten im Kriegsgebiet ist und die Ruhe trügerisch." Er erlebt mit, wie in seiner Umgebung immer wieder Menschen von den Contras ermordet werden. Dazu unzuverlässige Transportmöglichkeiten. "Da drückt mich schon mal in einer ruhigen Viertelstunde die Verantwortung. Aber es geht voran, und ich denke, dass ich mit der Aufgabe wachse. Zu Hause bin ich dann wieder Karl Arsch, dem man nicht mal zutraut, in irgendeinem Betrieb mit dem Schraubenschlüssel zu arbeiten."

Bei aller Anstrengung, bei aller Gefahr, sagen Freunde: "In Wiwilí ging’s ihm gut." Dann dieser 28. Juli 1986. Berndt Koberstein ist auf dem Rückweg aus der Provinzhauptstadt Matagalpa, unter anderem zusammen mit Anibal Rodriguez, dem Bezirksverantwortlichen der sandinistischen Regierung. Ihm gilt möglicherweise der Anschlag der Contras, bei dem der junge Freiburger und fünf andere "Internationalistas" (Freiwillige, die beim Aufbau Nicaraguas halfen) umgebracht werden – fast an derselben Stelle wie drei Jahre zuvor Albrecht "Tonio" Pflaum. Gut einen Monat vorher hat der Leitungsbauer in einem Brief nach Freiburg noch erzählt: "Weißt Du, die zig Toten, die der Imperialismus hier oder in anderen Ländern verursacht, sind nicht das einzige Verbrechen, die Millionen Träume, die er zerstört, die vielen Millionen, die ins Elend gestürzt werden oder schon da reingeboren werden, ohne gleich daran zu krepieren, das ist eigentlich ein viel größeres Verbrechen. . ."

Heute ist Wasser erneut ein großes Thema in Wiwilí

Freilich, sagt Werner Siebler: "Wenn es Ziel der Contras war, mit der Ermordung der Internationalistas die Solidarität zunichte zu machen, dann haben sie das Gegenteil erreicht – in Freiburg entstand eine Stimmung ,Jetzt erst recht!’" 1988 wurde die offizielle Städtefreundschaft zwischen Freiburg und Wiwilí begründet. Zwei Jahre später wurde jene Wasserleitung eingeweiht, die Berndt Koberstein angefangen hatte zu bauen. Und von der er, nach dem in Matagalpa eine Schule benannt ist, noch kurz vor seinem Tod nach Hause berichtet hat: "Wenn das hier nicht in die Hose geht (und es wird natürlich nicht in die Hose gehen!), dann bin ich für die nächsten zehn Jahre mit einem großen Sack voll Selbstbewusstsein ausgestattet."

Dieses Selbstbewusstsein braucht nun der von Freiburg und der Europäischen Gemeinschaft vielfältig unterstützte Verein zur ländlichen Entwicklung ("Adem") in Wiwilí. Denn die Wasserleitung wurde während der vergangenen zwanzig Jahre nur unzureichend gewartet, die Sandfilter wurden nicht mehr gewechselt. "Und heute ist Wasser für die Wiwilenos das Thema schlechthin", sagt Marlu Würmell-Klauss vom Freiburger Wiwilí-Verein. Deshalb beantragte "Adem" bei der EU finanzielle Hilfe für ein neues umfassendes Projekt. Es soll das Bewusstsein für die Bedeutung von Trinkwasser in der Bevölkerung schaffen; die Leitung sanieren; einheimische Fachkräfte für die Qualitätskontrolle ausbilden; vor allem aber das Gebiet um die Quelle neu gestalten, was mit einer Umsiedlung von Menschen, dem Bau von Latrinen und dem Einzäunen von Weideflächen einhergeht.

Gerade hat die EU diesen Projektantrag wegen eines Formfehlers abgelehnt, der Antrag soll aber noch einmal gestellt werden. "Adem" will das Trinkwasser-Projekt im kommenden "Jahr der mageren Kühe" auf jeden Fall irgendwie voranbringen und auch die anderen Projekte wie einen Modell-Bauernhof, die Notfallhilfe, ein Haus für schwangere Frauen und die Ausbildung in ökologischer Landwirtschaft weiterführen. Und obwohl "Adem" in Wiwilí zunehmend eigenverantwortlich arbeitet, hofft der Verein weiter auf die Solidarität aus Freiburg. Seit Jahren unterstützen von hier aus rund 50 Patenschaften und die Aktion Bildungsbausteine Kinder und Jugendliche. Von hier aus reisen immer wieder vor allem junge Leute in die nicaraguanische Stadt und arbeiten dort ehrenamtlich (voriges Jahr waren es sechs). Heute nicht mehr bedroht von Hinterhalten der Contras wie 1986 Berndt Koberstein. Der damals nach Hause schrieb: "Zwar fordert mein Job hier verdammt viel von mir, aber er gibt mir auch ungeheuer viel."

Heute um 19 Uhr beginnt eine Gedenkveranstaltung für Berndt Koberstein im Gewerkschaftshaus, Hebelstraße 10. Der Freiburger Wiwilí-Verein bekommt jährlich etwa 28 000 Euro an Spenden für Hilfsprojekte zusammen, zudem zahlt die Stadt Freiburg pro Jahr 25 000 Euro an Unterstützung. Der Verein mit 86 Mitgliedern arbeitet nur mit Ehrenamtlichen und hat das Spendenkonto 229 871 756 bei der Postbank Karlsruhe, BLZ 660 100 75. Kontakt: Tel. 0761/4766 009.

INFOBOX: BERNDT-KOBERSTEIN-PREIS

Anlässlich des 25. Todestags seines Freundes Berndt Koberstein hat Stadtrat Hendrijk Guzzoni (Linke Liste) den "Berndt-Koberstein-Preis für Zusammenleben und Solidarität" ins Leben gerufen. Der mit 10 000 Euro dotierte Preis soll Menschen, Projekte oder Organisationen auszeichnen, die Ausgrenzung bekämpfen und zu einem nachbarschaftlichen Zusammenleben beitragen. Zudem soll er an Kobersteins Wirken in Nicaragua erinnern. Eine Jury wird den Preis jährlich an einen oder mehrere Preisträger, die aus Freiburg oder Umgebung stammen, vergeben. Sie besteht aus acht Mitgliedern, die einen Bezug zu Koberstein haben und sich sozial oder kulturell engagieren. Guzzoni ist Vorsitzender ohne Stimmrecht, die übrigen Juroren sind stimmberechtigt.

Der Preis soll erstmals im kommenden Jahr überreicht werden. Anwärter können von der Jury vorgeschlagen werden oder sich von sofort an auf http://www.berndt-koberstein-preis.de bewerben. Die Bewerbungsfrist endet am 30. November 2011.  

Autor: tsx

Autor: Gerhard M. Kirk