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16. Juli 2009

Förderung

Waisenhausstiftung setzt an zwei Hauptschulen auf Sprachprojekte

Hauptschüler erzählen Lügengeschichten und werden dabei sprachlich sicher. Das Erzählprojekt ist eines von zweien, mit denen die Waisenhausstiftung erforscht, wann und wie Sprachförderung an Schulen wirkt.

  1. Beim Erzählprojekt ist der ganze Körper im Einsatz. Foto: bamberger

Manchmal ist alles anders als es scheint. Zum Beispiel bei der Prinzessin, die ein Monster heiraten will. Niemand außer ihr weiß, dass aus dem Monster nachts ein Prinz wird. Wie die Geschichte weiter geht? Das wissen Balvinder (12), Jana (11), Janine (12) und Hassan (13) aus der fünften Klasse der Vigelius-Hauptschule in Haslach. Sie erzählen Lügengeschichten und werden dabei sprachlich sicher. Das Erzählprojekt ist eines von zweien, mit denen die Waisenhausstiftung erforscht, wann und wie Sprachförderung an Schulen wirkt.

Kurz, schrill, ohrenbetäubend laut: So muss ein Schrei sein. Nicole Hübsch macht’s vor. Dann ist Yasar (10) dran, er rennt los und schreit. Vorn steht Nicole Hübsch, geht in die Knie, feuert mit allen Kräften an: "Sehr gut! Ja!" So geht es weiter, die ganze Klasse durch. Nach ihrem Schrei sehen die meisten verwundert aus, entspannt, manche lächeln – weil ihnen das alles verrückt vorkommt. Aber es gefällt ihnen. Umso mehr, weil klar ist: Langweilig wird es mit der temperamentvollen Erzählerin und Schauspielerin Nicole Hübsch von der Schulprojektwerkstatt nicht eine Sekunde. Inzwischen geht sie im Kreis auf und ab, ganz beiläufig hat sie zu erzählen angefangen. Aus Afrika, erzählt sie, hat sie ein wildes Pferd mitgebracht, mit dem sie ins kalte Russland gereist ist und dort gefrorene Wege entlang ritt, bis plötzlich ihr Pferd weg war. "Lügengeschichte!" ruft jemand, doch es geht erst richtig los. Nicole Hübsch bleibt im Sumpf stecken, zieht sich und ihr Pferd an den Haaren wieder heraus.

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Als sie fertig ist, lassen Yasar und Balvinder keinen Zweifel daran, dass sie nichts davon glauben. Das sollen sie auch gar nicht. Aber sie haben zugehört. Und später stellen sie sich selbst hin und erzählen: Balvinder von der Prinzessin und dem Monster, Yasar ist bei "Der Wolf, der Dieb und der Muskelmann" dabei. Balvinder kann seine Geschichte jetzt fast ganz auswendig. Ein paar Tage hat er immer eine Stunde lang geübt. Auch Hassan weiß eigentlich, wie es weiter geht, trotzdem schaut er lieber auf den Text in seiner Hand, als er vor den anderen steht. Doch Nicole Hübsch macht ihm Mut. Niemand muss wortwörtlich im Kopf haben, was die die einzelnen Gruppen sich zusammen ausgedacht und aufgeschrieben haben, schließlich werden Geschichten beim Erzählen immer wieder anders.

Das Erzählen ist das, worauf es ankommt, das Formulieren, das Sich-Präsentieren. Wenn Sprache ein Werkzeug ist, um sich – kombiniert mit Bewegungen, Gesten und dem gesamten Körper – auszudrücken, haben Kinder Spaß, anders als bei trockenem Förderunterricht, betont Katharina Megnet, Professorin für Musik-, Bewegungs- und Theaterpädagogik an der Katholischen Fachhochschule. Sie begleitet das Erzählprojekt seit vergangenem Herbst wissenschaftlich, genau wie ein Projekt der Turnsee-Hauptschule in Zusammenarbeit mit dem Theater am Marienbad, das ebenfalls von der Waisenhausstiftung finanziert wird. Insgesamt stehen für beide Projekte für drei Jahre 82 000 Euro bereit. Danach soll klar sein, wie sinnvolle Sprachförderung an Schulen aussehen muss, sagt Helmut Roemer, der Leiter der Kinder- und Jugendhilfe der Waisenhausstiftung. Denn es gibt zwar viele Konzepte, über ihre Wirkung und Nachhaltigkeit jedoch ist fast nichts bekannt. An der Vigeliusschule gibt es schon ein Ergebnis: Die Aufsätze der Fünftklässler sind anders als früher, länger, sie bieten mehr Stoff und Substanz und einen breiteren Wortschatz, sagt die Deutschlehrerin Nicole Beck.

Autor: Anja Bochtler