Drei Fragen an Thomas Herkert

Warum die Katholische Akademie in Freiburg sich dem Schwerpunktthema "Wachstum" widmet

arü

Von arü

Sa, 14. Februar 2015

Freiburg

DREI FRAGEN AN Thomas Herkert, Direktor der Katholischen Akademie, zum neuen Schwerpunktthema "Wachstum" .

In ihrem neuen Halbjahresprogramm widmet sich die Katholische Akademie dem Schwerpunktthema "Wachstum". In zahlreichen Veranstaltungen werden bis Ende Juni unterschiedliche Facetten beleuchtet und Zugänge gesucht von der Literatur bis zum Expertengespräch. BZ-Mitarbeiterin Anita Rüffer befragte dazu Akademiedirektor Thomas Herkert.

BZ: Wachstum ist ein schillernder Begriff. Die einen propagieren seit Jahren seine Grenzen. Die anderen behaupten: Ohne Wirtschaftswachstum kein Wohlstand. Wer hat recht?
Herkert: Puristen haben nie recht. Dafür ist die Welt zu kompliziert. Wer Wachstum für den einzigen Heilsweg hält, übersieht, dass Wachstum hierzulande Potential an anderen Orten der Welt abzieht. Wachstum in einer globalisierten Welt ist ohne Gerechtigkeit nicht zu denken. Interessanterweise sind Gebiete, die zurzeit besonders instabil sind, deckungsgleich mit denen, aus denen der Westen lange Ressourcen abgezogen hat wie Nigeria mit seinem Ölreichtum.
BZ: Ist ein gutes Leben ohne Wachstum denkbar?
Herkert: Ein gutes Leben bei weniger Wachstum ist denkbar. Das setzt voraus, dass die Menschen mit weniger zufrieden sind. Deshalb ist es uns ein Anliegen, bewusstseinsbildend zu wirken, zum Beispiel mit einer Expertentagung zur globalen Ernährungskrise. Der Verteilungskampf ums Wasser etwa wird Ausmaße annehmen, die wir heute noch gar nicht ermessen können. Wir müssen uns der Herausforderung stellen, einen Ausgleich zwischen Wachstum und Gerechtigkeit zu schaffen. Wir wollen dabei nicht als Besserwisser dastehen, sondern wahrnehmen, was sich zeigt und überlegen, welche Wege uns offen stehen.
BZ: Am Bedeutungsverlust der christlichen Kirchen hierzulande lässt sich ablesen, wohin Schrumpfungsprozesse führen. Lässt sich dieser Entwicklung dennoch etwas Positives abgewinnen?
Herkert: Für mich ja: Wir sind auf dem Weg von einer Volkskirche zu einer Kirche im Volk. Die Menschen gehören heute nicht mehr über familiäre oder gesellschaftliche Konventionen automatisch einer Konfession an, sondern sie müssen sich entscheiden. Das ist für die Kirchen ein schmerzlicher, aber unvermeidlicher Prozess. Für die Menschen, die auf der Suche sind, kann das auch eine Überforderung sein, denn die perfekte Religionsgemeinschaft gibt es nicht. Wir bieten Hilfestellungen an, indem wir uns mit der Gesellschaft auseinandersetzen und dabei fragen: Was hat das mit meinem Glauben zu tun? Das meint "Kirche im Volk".

Thomas Herkert (54), Theologe und Priester ist seit 2002 Direktor der Katholischen Akademie Freiburg.
Die nächste Veranstaltung im "Fokus Wachstum" ist ein Abend in der Akademie in der Wintererstraße 1 mit Thomas Jorberg, Vorstandsvorsitzender der GLS-Bank, für die Wachstum als Wert nicht im Vordergrund steht: 26. Februar, 19 Uhr