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14. Dezember 2015

Ökonom Bernhard Neumärker

Was ist für eine gerechte Ordnung nötig?

FREIBURG FORSCHT: Der Ökonom Bernhard Neumärker versucht herauszufinden, was für eine gerechte Ordnung nötig ist – und er hat dabei Aha-Erlebnisse.

  1. Wirtschaftswissenschaftler Bernhard Neumärker Foto: Ingo Schneider

Wer eine Runde "Mensch ärgere dich nicht" spielt, weiß, worauf er sich einlässt: Die Regeln des Spiels sind bekannt. Wer die nicht mag, spielt eben einfach nicht mit. Auch Gesellschaften brauchen Regeln. Allerdings ist ein Boykott hier deutlich folgenreicher als bei einem Brettspiel. Deshalb, sagt Bernhard Neumärker, sei es sinnvoll, Grundregeln zu schaffen, die für möglichst viele Menschen akzeptabel sind. Der Ordnungspolitiker beschäftigt sich mit der Frage, wie solche Regeln und Normen beschaffen sein müssen, um für alle Beteiligten gut zu funktionieren.

Bernhard Neumärker, 52, liebt es, interdisziplinär zu arbeiten. Zurzeit sind zum Beispiel Techniker unter seinen Kollegen, im Projekt "Suslight" – Sustainable LED Lighting. Gemeinsam wollen die Wissenschaftler herausfinden, welche Eigenschaften den Menschen bei Leuchtmitteln wichtig sind – und was man tun muss, um die Menschen dazu zu bringen, die richtigen Lampen zu kaufen, nämlich die, die Strom sparen.

Um das zu erreichen, könnte man mit einer entsprechenden Steuerpolitik dafür sorgen, dass genau diese Lampen günstiger sind als die anderen. "Dieser Ansatz ist der sogenannte harte Paternalismus, hierbei wird etwas von oben herab verordnet", erklärt Neumärker. Von dieser Art "Bevormundung" gibt es auch eine weiche Variante. Dabei wird versucht, die Leute dazu zu bewegen, selbst etwas Bestimmtes zu tun – also die stromsparenden LED zu kaufen.

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Diese Technik heißt social nudging, vom englischen nudge, stupsen. Solcherart gestupst werden Menschen zum Beispiel, wenn sie auf der Zigarettenpackung das Bild einer Raucherlunge anschauen müssen. Sie entscheiden dann bestenfalls aus freien Stücken, etwas weniger zu rauchen oder es ganz zu lassen. Wie das social nudging im Fall der Leuchtmittel aussehen kann, versuchen Neumärker und seine Kollegen gerade herauszufinden. Klar ist: "Beide Varianten, der harte und der weiche Paternalismus, brauchen Regeln, damit sie funktionieren."

Wenn jeder weiß, was gut und richtig ist, braucht es keinen Paternalismus. Allerdings sind auch dann Regeln sinnvoll, sagt Neumärker. Etwa solche, die die Ordnung der Verhandlung festlegen. Daran mangele es zum Beispiel in der aktuellen Klimadebatte sehr. "Bevor man sich an einen Tisch setzt und verhandelt, muss man sich darauf einigen, wie das geschehen soll. Welche Mehrheiten sind wichtig? Wer darf wie lange reden? Hat eine Stimme mehr Gewicht als eine andere? Dann sagt man, okay, im Rahmen dieser Regeln verhandeln wir jetzt", skizziert der Professor das ideale Vorgehen.

Der Mensch ist keine Maschine. Die Grundidee, "den Leuten alle wichtigen Informationen zu geben und sie entscheiden dann rational, was das Beste ist", sei blanke Theorie.

Der Mensch strebt nicht nur nach Effizienz

"Deshalb brauchen wir Ökonomen zum Beispiel Psychologen oder Neurobiologen", sagt Neumärker. Die kennen nämlich den Menschen und sein Verhalten und können zumindest teilweise voraussagen, wie etwas ankommen wird. So neigen Verbraucher dazu, mehr zu verbrauchen, wenn sie etwas eingespart haben. Wenn sie also eine stromsparende LED-Lampe nutzen, lassen sie das Licht eben länger brennen oder schaffen sich eine zweite Lampe an – es ist ja günstig. Diesen sogenannten Rebound- oder Bumerangeffekt wollen Neumärker und sein Team natürlich vermeiden. Also müssen auch hier Regeln gefunden werden.

Wer sich mit Ordnungen und Regeln beschäftigt, muss immer auch die Gerechtigkeit im Blick haben, findet Neumärker. "Nur wenn etwas als gerecht und fair erachtet wird, hat es eine Chance, in der Gesellschaft oder der Gruppe, für die es gelten soll, implementiert zu werden, ansonsten droht eher eine Revolution oder zumindest ein Konflikt", erklärt der Wirtschaftswissenschaftler. Die Erkenntnis, dass Menschen durchaus einen Sinn für Fairness und Gerechtigkeit haben, war eines von mehreren Aha-Erlebnissen in Neumärkers Laufbahn als Ökonom: "Irgendwann wurde mir klar, dass das Wachstumsparadigma nicht ausschließlich gilt, es ist zu einseitig. Die Menschen streben nicht nur nach Effizienz."

Schon während seines Studiums der Wirtschaftswissenschaften fand Neumärker die Ordnungspolitik anziehend. Das Thema Wirtschaft bekam plötzlich einen philosophischen Touch – das fand er spannend. "Die Ökonomik liefert selten einen Ansatz dafür mit, wie man etwas in der Gesellschaft implementiert. Das ist mir zu wenig. Ich beschäftige mich daher mit der normativen Ökonomie, die gute Regeln für die Gesellschaft herausfinden möchte. Das ist der einzige Ansatz, der mich bisher überzeugt."

Mit seinem Team erforscht Neumärker jetzt also Ordnungen als Grundlagen moderner Gesellschaften, in denen das wirtschaftliche Zusammenleben fair und fortschrittlich ist.

Die Wissenschaftler ermitteln dabei auch jene Normen, die sich die Bevölkerung wünschen würde, um ausreichende Gerechtigkeit zu schaffen und befürchtete oder bereits vorhandene Ungerechtigkeit auszugleichen. Ein Ergebnis dieser Arbeit: Das bedingungslose Grundeinkommen fände eine breite Zustimmung.

Wirtschaftsforschung

Am Institut für Allgemeine Wirtschaftsforschung der Universität Freiburg finden sich neben der Abteilung für Wirtschaftspolitik und Ordnungstheorie, die Bernhard Neumärker leitet, auch die Wirtschaftstheorie, die internationale Wirtschaftspolitik, die empirische Wirtschaftsforschung und Ökonometrie sowie die quantitative Finanzmarktforschung.  

Autor: cfr

Autor: Claudia Füßler