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08. September 2010

Wenn Kinder den Kontakt zu ihren Eltern abbrechen

In Freiburg entsteht nun zum ersten Mal eine Selbsthilfegruppe für verlassene Eltern / Viele schämen sich, über das heikle Thema zu reden.

"Wenn das eigene Kind einen aus seinem Leben aussortiert – das ist unglaublich bitter." In diesem Satz fasst eine Mutter, deren Sohn keinen Kontakt mehr mit ihr will, das ganze Drama zusammen, das verlassene Eltern erleben. Für solche Mütter und Väter entsteht nun in Freiburg zum ersten Mal eine Selbsthilfegruppe. Deren Gründerin Ingeborg Zeisberger sieht nämlich das Thema "verlassene Eltern" so sehr tabuisiert, dass die Betroffenen sich schämen, darüber zu reden, und sich völlig allein gelassen fühlen.

Was sie alle verbindet: Sie haben keine Erklärung dafür, warum ihre Kinder – ob sie nun 17 oder 50 Jahre alt sind – so radikal jede Beziehung abbrechen. Bei den einen passiert das von jetzt auf gleich. Und die Eltern wissen oft nicht einmal, ob ihre Töchter und Söhne überhaupt noch leben.

Bei anderen ist es ein allmählicher Rückzug: Der ersten Entfremdung folgt eine kleine Annäherung, die zur nächsten Abfuhr führt, dann wieder ein Schritt aufeinander zu und schließlich der totale Abbruch aller Beziehungen "Und alles ohne Erklärung, warum", sagt Ingeborg Zeisberger, "das ist das Schlimmste, dass man ohne Anhaltspunkt nichts aufarbeiten kann."

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Für Eltern, die verlassen werden, ist es, als ob ihnen der Boden unter den Füßen weggezogen würde. Da die meisten zudem noch stark mit Schuldgefühlen erzogen wurden, plagen sie sich mit Selbstvorwürfen: Ich hab’ alles falsch gemacht. Dazu noch das Gefühl des Verlusts, wenn das eigene Kind nichts mehr von einem wissen will, jedes Gespräch verweigert. Eltern, die nicht mehr der Rede wert sind, und Kinder, hinter deren Sprachlosigkeit sich oft verbirgt, dass sie selbst den Grund für ihre Abkehr nicht benennen können – "das ist einfach nicht zu fassen". Und es hat Folgen, hat sich Ingeborg Zeisberger kundig gemacht: Sechzig bis siebzig Prozent der verlassenen Eltern werden depressiv oder auf andere Weise krank.

Zumal da die Kinder nicht nur sich von ihren eigenen Wurzeln abschneiden, sondern auch gleich noch ihren eigenen Nachwuchs. "Wenn man keinen Kontakt zu seinen Enkelkindern hat, ist das ein Riesenloch im Leben." Die 68-jährige Freiburgerin weiß selbst, wie das ist – und dass es unmöglich ist zu vergessen. Denn überall begegnen ihr Kinderwagen, Kinderlärm, Kinderlachen, Kinderweinen. "Wie’s einem da geht, das ist nicht zu schildern." Sie selbst hatte deshalb eigentlich nach einer Gruppe für verlassene Großeltern gesucht und stieß dabei auf die bundesweit tätige Selbsthilfegruppe für verlassene Eltern in Hilden.

Nun will Ingeborg Zeisberger eine solche Gruppe auch in Freiburg gründen. Sie soll vor allem die Eltern für sich selbst stärken und Möglichkeiten der Hilfe aufzeigen. So, wie sie es selbst erfahren hat: mit jemandem reden können; den Tag streng strukturieren; sich den Schmerz und die Trauer von der Seele schreiben; Kontakt zu anderen aufbauen; vielleicht Spiritualität als heilsam erleben; klare Grenzlinien ziehen, um die eigene Würde zu wahren. "Das Allerwichtigste aber ist: Sich nicht total zurückzuziehen, auch wenn diese Phase jeder durchmacht."

Natürlich weiß die Freiburgerin, dass auch Eltern Fehler machen, dass "Wahrnehmungsverschiebungen auf beiden Seiten" verhindern, Missverständnisse zu klären, und dass es den Knopf, seine Gefühle auszuschalten, nicht gibt. Doch, so schreibt es eine verlassene Mutter an eine Frau, die seit dreißig Jahren nichts mehr von ihren Kindern gehört hat: "Ich habe mich für ,Leben’ statt ,Leiden’ entschieden. Ich fühle mich mittlerweile ,heiler’ und ,kompletter’ als zu jener Zeit, als ich zuließ, dass sie auf mir rumtrampelten, und ich versuchte, ihnen genehm zu sein – und mich genau dadurch ständig tief verletzen ließ."

Kontakt: Das erste Treffen der Selbsthilfegruppe für verlassene Eltern ist am 14. September; Anmeldung und weitere Auskünfte bei Ingeborg Zeisberger, Telefon 0761/154 2499; darüber hinaus Informationen auf http://www.verlassene-eltern.de

Autor: Gerhard M. Kirk