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21. Oktober 2017 14:25 Uhr

Fall Maria L.

Wie die BZ über den Prozess gegen Hussein K. berichtet

Der Deutschlandfunk kritisiert die Berichterstattung der Badischen Zeitung in Bezug auf den Prozess gegen den mutmaßlichen Mörder Hussein K. Doch die BZ liefert neben der schnellen Info auch viel Hintergrund.

  1. Der Angeklagte Hussein K. im Freiburger Gerichtssaal Foto: dpa

  2. BZ-Chefredakteur Thomas Fricker Foto: dpa

So furchtbar die Tötung der Studentin Maria L. war – der Fall Hussein K. war immer auch Medienthema. Erst diskutierte die halbe Republik darüber, ob es richtig war, dass die ARD-Tageschau über die Festnahme des mutmaßlichen Täters überhaupt nicht und andere Medien nur unter Verschweigen der Nationalität des jungen Mannes berichteten. Inzwischen wird eine Debatte darüber geführt, wie und in welcher Ausführlichkeit die Öffentlichkeit über den Prozess gegen Hussein K. unterrichtet werden soll.

Deutschlandfunk eröffnet eine Medien-Debatte

Sind "die Medien" wieder einmal in der Hauptsache auf Sensationen aus und scharf lediglich auf den schnellen Klick ihrer User im Netz? Wären nicht mehr Nachdenklichkeit und Reflexion angesagt? Der Deutschlandfunk (DLF) ist dieser Frage eben in seinem Magazin @mediasres nachgegangen – allerdings auf eine, wie wir finden, handwerklich unsaubere und bemerkenswert unfaire Art.

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Eingangs des Beitrags "Wenn plötzlich alle über Freiburg berichten" wird ausführlich eine Journalistin des SWR zitiert. Was geschrieben werde, gleiche sich, findet die Kollegin. Es gebe wenig Neues, wenig Analyse und wenig Hintergrund, obwohl dies angemessen wäre.

"Die Badische Zeitung bloggt sogar live aus dem Gerichtssaal." DLF-Autor Burkhard Schäfers
DLF-Autor Burkhard Schäfers mag daraufhin "eine Art Wettbewerb" um die schnelle Nachricht erkennen. Es gehe darum, welche Zeitung zuerst melde, "was die Zeugen etwa über den Drogenkonsum oder frühere Gewalttaten des Angeklagten erzählen", sagt er und ruft auch flugs den Gewinner jenes fragwürdigen Wettstreits aus: "Die Badische Zeitung bloggt sogar live aus dem Gerichtssaal." Dies rüttele "ein bisschen an den Grundfesten der Strafprozessordnung", fügt Gerichtssprecher Klaus-Dieter Stark im Beitrag kritisch hinzu.

Anschließend darf wiederum die SWR-Journalistin darüber Klage führen, wie sehr das hohe Tempo Journalisten unter Druck setze, selbst ebenfalls "jedes einzelne Wort rauszublasen aus dem Prozesssaal". Dabei sei es doch gerade im Fall Hussein K. "sehr sehr ratsam, da eher reflektiert ranzugehen". Halt wie im (öffentlich-rechtlichen) SWR üblich. Dort gebe es neue Nachrichtenrichtlinien. Dort werde "viel mehr und viel deutlicher diskutiert", was man darstellen wolle und was nicht. Dort sei man auch "um sehr viel Sachlichkeit bemüht" und frage bei Menschen nach, "die wirklich auch Ahnung haben".

Die BZ bloggt nicht live aus dem Gerichtssaal

Wir von der Badischen Zeitung hätten uns gewünscht, dass DLF-Autor Schäfers bei uns nachgefragt oder zumindest recherchiert hätte, wie es sich mit der Prozessberichterstattung im Fall Hussein K. bei uns und anderen Medien wirklich verhält. Er hätte dann erfahren, dass die BZ zum einen nicht live aus dem Gerichtssaal bloggt, sondern in aller Regel Aktualisierungen ihrer Berichte von außerhalb sendet – zur Überarbeitung in der Redaktion, bevor die einzelnen Texte online gehen.

Er hätte mitbekommen, dass andere Medien an den Verhandlungstagen ebenfalls zahlreiche Beiträge in Serie veröffentlichten – weil die Nachrichtendichte und auch das Interesse der Öffentlichkeit, über sämtliche Wendungen des Prozesses und neue Fakten möglichst rasch informiert zu werden, tatsächlich enorm groß war und ist. Und er hätte in diesem Fall vielleicht sogar mitgekommen, dass gerade die Badische Zeitung ihren Leserinnen und Lesern beides bietet: neben der schnellen Information ein Angebot an Hintergrundberichten, Analysen, Erzählgeschichten und Meinungsbeiträgen zu nahezu allen relevanten Aspekten des Falles, das – so viel Eigenlob sei hier erlaubt – in der deutschen Regionalzeitungslandschaft ziemlich einzigartig sein dürfte.

Die BZ hinterfragt ihre Berichterstattung immer wieder

Und natürlich wird dabei auch in der BZ-Redaktion oft und heftig gerungen: Wie viel Details müssen sein? Wo überdeckt die Debatte um den Umgang mit Flüchtlingen den Blick aufs Verbrechen? Sind wir sachlich genug? All das sind wichtige Diskussionen, die wir – oft genug unter Beteiligung unser Leser und User – führen müssen und gerne führen.

Nein, beteuert Autor Schäfers im Nachhinein. Ihm sei es in keiner Weise um die Badische Zeitung gegangen. Er habe auch nicht die BZ kritisieren, sondern lediglich "einen Sachverhalt" darstellen wollen. Gerichtssprecher Stark versichert, seine Kritik sei allgemein und nicht gegen die BZ gerichtet gewesen. Ein leitender Redakteur des SWR-Studios Freiburg wiederum räumt ein, für solch ausführliche Hintergrundberichte wie in der BZ "haben wir schon die Sendeplätze nicht". Na dann ist ja gut.

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Autor: Thomas Fricker