BZ-Interview

Wie sich die Flüchtlingshilfe in Freiburg verändert hat

Sina Gesell

Von Sina Gesell

Mi, 28. September 2016 um 00:00 Uhr

Freiburg

Groß war die Hilfsbereitschaft, als vor einem Jahr Hunderte Flüchtlinge in Freiburg ankamen. Im Interview erklären Antje Reinhard und Hans Steiner vom Amt für Migration und Integration, wie sich die Flüchtlingshilfe verändert hat.

die Hilfsbereitschaft war so groß, dass die Stadtverwaltung zeitweise von willigen Helfern überrollt wurde. Denn eines fehlte damals: der Überblick. Den hat seit einiger Zeit ein dreiköpfiges Team im Amt für Migration und Integration. Teil des Teams ist Antje Reinhard. Gemeinsam mit dem Abteilungsleiter für Integration, Hans Steiner, spricht sie im Interview mit Sina Gesell darüber, wie sich das ehrenamtliche Engagement seither geändert hat.

BZ: Frau Reinhard, vor etwa einem Jahr sind Hilfsinitiativen für Flüchtlinge aus dem Boden geschossen. Ist die Hilfsbereitschaft noch immer so groß?
Reinhard: Zum Glück hat sich Vieles verstetigt. Zahlreiche Menschen, die damals angefangen haben, sind auch heute noch aktiv. Zugleich gibt es immer wieder neue Hilfswillige. Natürlich sind auch welche abgesprungen, aber wir stellen eine positive Entwicklung fest.

BZ: Herr Steiner, anfangs lief das Engagement sehr unkoordiniert. Ist diese Zeit vorbei?
Steiner: Es ist völlig normal, dass es anfangs noch etwas unkoordiniert gelaufen ist. Natürlich hat der Sommer 2015 und der öffentliche Hype auch in Freiburg zu einer Explosion des Ehrenamts geführt. Viele wollten helfen, wussten aber nicht, wo Hilfe benötigt wird. Schnell wurde der Ruf nach Begleitstrukturen laut. Vonseiten der Politik war die Unterstützung groß, hierfür Stellen zu schaffen. Seit Dezember ist im Amt für Migration und Integration ein dreiköpfiges Team für die Koordination der Flüchtlingshilfe zuständig.
Reinhard: Es war wichtig, dass Einzelpersonen und private Initiativen gleich losgelegt haben. Das, was wir machen, ist vor allem auch Dienstleistung. Wir bündeln Informationen und geben sie weiter. Wir beraten Ehrenamtliche und vernetzen sie. Als Aufgabe sehen wir auch, den Bedarf festzustellen.

BZ: Wo ist der Bedarf zurzeit besonders groß?
Reinhard: In der Regel haben Flüchtlinge viele administrative Aufgaben erledigt und erste Sprachkurse absolviert. Für sie ist es nun wichtig, eine Perspektive zu haben, einen Job, und Kontakte zu knüpfen. Kurz gesagt: sich zu integrieren. Dazu gehört es auch, eine Wohnung zu finden. Das ist in Freiburg bekanntermaßen ein großes Problem, das wir den Flüchtlingen oft nur schwer erklären können. Was wir deshalb am nötigsten brauchen, sind Kulturbotschafter, also Menschen, die zwischen den Kulturen vermitteln können.

"Als Ehrenamtlicher braucht man eine Frustrationstoleranz."Antje Reinhard
BZ: Kommt es denn noch häufig zu Missverständnissen?
Reinhard: Natürlich gibt es im Alltag viele Reibungspunkte, wenn es beispielsweise um Lautstärke geht, Bewohner nachts lange vor der Flüchtlingsunterkunft sitzen, während andere schlafen wollen. Oder das Thema Verkehrserziehung: Viele Ehrenamtliche haben bei uns angerufen und erzählt, dass Kinder einfach auf die Straße laufen, die Eltern nicht aufpassen würden. Viele Familien sind es aus ihrem Heimatland so gewohnt, dass die Kinder aufeinander aufpassen. Auch hier wäre ein Kulturmittler gefragt, der vielleicht auch noch dieselbe Sprache spricht.
Steiner: Nur Regeln aufzustellen, nützt nichts.

BZ: Gab es in manchen Bereichen auch zu viel Hilfe, ein Überangebot?
Reinhard: Kleiderspenden waren anfangs ein Problem. So schlimm wie am Anfang, als massenweise Säcke vor den Unterkünften abgelegt wurden, ist es zwar nicht mehr, doch bekommen wir da noch immer zu viel. Daneben gibt es Angebote, die nicht sofort angenommen werden. Als Ehrenamtlicher braucht man eine Frustrationstoleranz. Zu einer Nähwerkstatt kommen anfangs vielleicht zwei Frauen, dann gar keine mehr. Da ist es wichtig, am Ball zu bleiben. Die Werkstatt, an die ich denke, läuft mittlerweile sehr gut. Ehrenamtliche Sprachkurse werden nicht mehr in dem Maße angenommen, weil der Großteil der Flüchtlinge nun auch professionelle Sprachkurse besuchen kann.
Steiner: Dafür haben sich die Rahmenbedingungen geändert. In Freiburg gibt es mittlerweile eine unheimlich breite Sprachkurslandschaft – Integrationskurse des Bundes, landesgeförderte und kommunal gesteuerte Angebote. Das entlastet die Ehrenamtlichen. Die Verantwortung, dass Flüchtlinge Deutsch lernen, liegt nicht mehr allein bei ihnen. Trotzdem ist die ehrenamtliche Unterstützung unabdingbar, denn den wenigsten Flüchtlingen fällt es leicht, eine neue Sprache ohne Alltagskontakte zu einem deutschsprachigen Umfeld zu lernen.

BZ: Neben den Sprachkursen: Welche Angebote haben sich etabliert?
Reinhard: Fahrradwerkstätten in den Einrichtungen sind ein Renner. Bald eröffnen wir eine zentrale Werkstatt an der Schopfheimer Straße, von der alle profitieren können. Auch Sportangebote werden gut angenommen, ebenso kulturelle Angebote oder Malkurse. Über die Entwicklung der offenen Cafés freuen wir uns besonders. Am Anfang hatten uns die Geflüchteten oft gesagt: "Wir fühlen uns, als ob eine Mauer zwischen uns und den Einheimischen wäre." Die offenen Cafés durchbrechen diese Mauer und beziehen Stadtteile mit ein. Die Menschen kommen ins Gespräch.
Steiner: Das ist auch hilfreich, um herauszufinden, was die Geflüchteten wollen und brauchen. Denn klar ist: Geflüchtete wollen gefragt werden, und auch wir wollen sie stärker einbeziehen. Lange war es so, dass oft die Ehrenamtlichen entschieden haben, was gut für die Menschen ist. Das hat am Anfang vielen geholfen. Manche haben sich daran gewöhnt, versorgt zu werden. Während sich einige von Beginn an eingebracht haben, muss man andere motivieren. Die Integration wird leichter, sobald die Flüchtlinge besser Deutsch sprechen. Bedarfe festzustellen macht heute viel mehr Sinn.

"Geflüchtete wollen gefragt werden – und wir wollen

sie stärker einbeziehen."Hans Steiner
BZ: Spielt dabei das Geschlecht der Flüchtlinge eine Rolle?
Steiner: Der Gender-Aspekt ist noch eine große Baustelle. Oft ist es so, dass Männer in die Sprachkurse gehen, die Frauen aber zu Hause bleiben, ohne dass sich jemand wundert. Wir haben Migrantinnen, die seit 20 Jahren in Freiburg wohnen, deren Aktionsradius nicht über den Quartiersrand hinausreicht. Bei dem Thema muss man frühzeitig – nicht mit dem Holzhammer – ansetzen und den Geflüchteten vermitteln, dass Gleichberechtigung ein wichtiges Thema ist.
Reinhard: Oft haben wir aber auch das Gefühl, dass es die Männer sind, die in ein Loch fallen. In ihrem Heimatland hatten sie einen Job, eine Aufgabe, und jetzt sind viele von ihren Familien getrennt.
Steiner: Das ist dann auch der Punkt, wo wir und die Ehrenamtlichen an unsere Grenzen kommen.
Zur Person

Antje Reinhard (53) ist seit Dezember in der neu geschaffenen Koordinierungsstelle für ehrenamtliche Flüchtlingshilfe tätig, die dem städtischen Amt für Migration (AMI) und Integration angegliedert ist.
Hans Steiner (54) ist Abteilungsleiter
"Integration" im Amt für Migration und
Integration.

Hintergrund: Flüchtlinge und Ehrenamtliche

  • Derzeit leben in Freiburg etwa 3500 Flüchtlinge in städtischen Unterkünften, davon 2600 in Wohnheimen und etwa 900 in Wohnungen. Knapp 120 sind derzeit in der Landeserstaufnahmestelle (EA) an der Lörracher Straße untergebracht. Wie viele Ehrenamtliche sich in Freiburg in der Flüchtlingshilfe engagieren, ist schwer zu sagen. Neben Helferkreisen, die sich vor allem um Bewohner in den Unterkünften kümmern, gibt es Projekte wie "Zusammen essen" oder "Zusammen leben". Viele Ehrenamtliche organisieren sich auch über Facebookgruppen wie "Flüchtlingshilfe Freiburg".
  • Das Amt für Migration und Integration (AMI) hat nach Umstrukturierungen in der Verwaltung im Juni seine Arbeit aufgenommen. Ihm gehören mit Verwaltung, Integration, Ausländerbehörde, Asylbewerberleistungen sowie Betreuung und Versorgung fünf Abteilungen an. Derzeit leitet das Amt kommissarisch Werner Hein, im Januar löst ihn die Islamwissenschaftlerin Katja Niethammer ab. Neuer Dienstsitz ist das Telekom-Gebäude an der Berliner Allee. Ein Teil der Mitarbeiter zieht Anfang Oktober um, der Rest Ende des Jahres, wie Rathaussprecherin Martina Schickle mitteilt.
  • Die AMI-Abteilung "Integration" koordiniert Flüchtlingshilfe und berät Menschen, die sich engagieren wollen. Derzeit wird an einer Onlineplattform gearbeitet, die Angebote bündelt. Viele Infos gibt es schon jetzt im Internet unter http://www.mehr.bz/integration-fr16 http://mehr.bz/integration-fr16 Dort können Ehrenamtliche beispielsweise einen Meldebogen ausfüllen. Infos auch unter Tel. 0761/201-6334 oder per E-Mail an fluechtlinge@stadt.freiburg.de.