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16. Juni 2010

"Wir wollen informiert sein"

BZ-INTERVIEW mit Esther Utjiua Muinjangue, Vorsitzende eines Herero-Komitees in Namibia.

  1. Esther Utjiua Muinjangue Foto: ingo schneider

Drei Wochen lang unterrichtet die Sozialarbeit-Dozentin Esther Utjiua Muinjangue (47) von der University of Namibia in Windhoek an ihrer Freiburger Partnerhochschule, der Evangelischen Hochschule (EH). Sie beschäftigt sich als Vorsitzende des "Ovaherero Genocide Committees" aber auch mit der Geschichte der Herero – und den wahrscheinlich von Herero stammenden Schädeln im Archiv der Freiburger Universität. Anja Bochtler sprach mit ihr.

BZ: Sie sind Vorsitzende des Herero-Komitees, das sich mit der Ermordung von Zehntausenden Herero durch die Deutschen beschäftigt – was für ein Gefühl ist es für Sie nach Deutschland zu kommen?
Esther Utjiua Muinjangue: Ich war auch schon in Berlin und Bremen und konnte mit Gruppen sprechen, die sich mit dem Thema auseinandersetzen – das war gut. Insgesamt habe ich das Gefühl, die Kolonialgeschichte ist in Deutschland kaum in der Diskussion. Und wenn, dann fürchten sich alle nur vor Zahlungen zur Wiedergutmachung. Das ist für uns aber nicht der wichtigste Punkt. Erstmal geht es darum, sich zu entschuldigen, wenn man jemandem etwas angetan hat. Das schafft Frieden.

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BZ: Wann fingen Sie an, sich als Herero-Angehörige mit Ihrer Geschichte zu beschäftigen?
Minjangue: Sehr lange habe ich überhaupt nicht darüber nachgedacht, niemand tat das. Erst im Jahr 2003 wurde uns klar, dass im Jahr darauf ein Gedenkjahr anstand – 100 Jahre nach dem Beginn der gewaltsamen Niederschlagung des Widerstands der Herero gegen die Kolonialisierung. Wir Herero taten uns zusammen, auch die Nama gründeten ein Komitee. Wir wollen mit Denkmälern an Schlachtfelder erinnern und die Geschichten von Kindern und Enkeln der Zeitzeugen sammeln. Außerhalb Namibias schaffen wir Kontakte zu Nachfahren von denen, die damals nach Südafrika oder Botswana geflohen sind. Und wir überlegen, wie wir mit der deutschen Regierung ins Gespräch kommen können.
BZ: Wie laufen solche Gespräche zurzeit?
Minjangue: Überhaupt nicht, wir fühlen uns ignoriert. Die deutsche Regierung hat Entwicklungsprojekte in Namibia geplant – man diskutierte über uns, nicht mit uns.
BZ: In Freiburg lagern wahrscheinlich zwischen 12 und 15 Schädel, die von Herero stammen, im Archiv der Universität. Was soll mit ihnen passieren?
Minjangue: Sie sollen zurück nach Namibia. Wir haben einen Brief an unsere Regierung geschrieben, damit sie zurückgefordert werden. Für uns Afrikaner haben diese Schädel auch eine spirituelle Bedeutung, wir glauben, dass unsere Vorfahren nicht in Frieden ruhen, wenn wir sie nicht mit unseren Ritualen bestatten können. Und wir wollen wissen: Was sind das für Schädel, von Männern, Frauen, Kindern?
BZ: Die Universität will vor einer möglichen Rückgabe erst klären, welche Schädel tatsächlich von Herero stammen und wie sie nach Freiburg gelangt sind. Das dauert, weil erst Schädel aus Australien untersucht werden und für die Herero-Forschung noch keine Finanzierung steht. Ist es für Sie in Ordnung, so lang zu warten?
Minjangue: Wir sind nicht in Eile. Auch wir wollen nicht irgendwelche Schädel, sondern diejenigen der Herero, darum ist es kein Problem, wenn es eine Weile dauert. Aber wir wollen über die Prozesse informiert sein. Wir wissen, dass es in Freiburg und Berlin Herero-Schädel gibt, doch wir haben bisher nichts Genaueres darüber erfahren. Für uns steht fest: Wir werden nicht mehr ruhen, auch wenn wir weitere 100 Jahre warten müssen.

"100 years of silence – the case of the Ovaherero Genocide". Englischer Vortrag (in Zusammenarbeit mit "Freiburg postkolonial" und dem Arnold-Bergstraesser-Institut) mit Esther Utjiua Muinjangue: Morgen, Donnerstag, 18 Uhr, EH, Buggingerstraße 38, Raum 1. Eintritt frei, Spenden erbeten.

Autor: anb