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26. April 2011
Wo Haslach seine Mitte hatte
WIEDERSEHEN! Das historische Zentrum befindet sich rund um die Melanchthonkirche an der Markgrafenstraße 20.
HASLACH. Wer als Ortsfremder im Stadtteil Haslach umhergeht, wird zunächst den Bereich um die Carl-Kistner-Straße und die Staufener Straße als Zentrum ausmachen. Denn dort sind viele Geschäfte, das imposante Gebäude der Pestalozzischule und die katholische Kirche St. Michael. Die ursprüngliche Mitte Haslachs aber ist das Areal um die evangelische Melanchthonkirche an der Markgrafenstraße. Nun sind Taglohnhäuser aus dem 17. Jahrhundert renoviert worden.
Sie sind nach dem 30-jährigen Krieg entstanden, als das zerstörte Haslach wieder aufgebaut wurde. 1663 war das Pfarrhaus wieder bewohnbar und die Melanchthonkirche instand gesetzt. Der 1890 eingemeindete Stadtteil mit heute 18000 Einwohnern war damals ein kleiner Flecken und stand unter der Herrschaft des Markgrafen von Baden. Nur 16 Haushalte führt die 1980 vom früheren Pfarrer Hans-Carl Scherrer herausgegebene Chronik für das Jahr 1663 auf. Die einstigen Taglöhnerhäuser bieten heute einer Wohngemeinschaft von acht Erwachsenen und einem Kind Wohnraum auf einer Nutzfläche von etwa 300 Quadratmetern. Die Häuser wurden nach den Leitlinien des Freiburger Mietshäusersyndikats zu einem Wohnprojekt namens "Mark 20" entwickelt. Diese 1999 gegründete kooperative Beteiligungsgesellschaft hat ein Konzept ausgearbeitet, wonach Gruppen gemeinschaftlich und unabhängig vom Kapitalmarkt Wohnungseigentum bilden können. Bundesweit sind es rund 50 und in Freiburg 16 solcher Gruppen. Am bekanntesten sind die Projekte auf dem Gelände der früheren Gretherfabrik in der Adlerstraße und die Häuser der Selbstorganisierten Unabhängigen Siedlungsinitiative (S.U.S.I.) im Vauban.Werbung
Hubert Nixdorf, Vorsitzender des Lokalvereins Haslach, freut sich sehr über den Erhalt. "Dass dieses Ensemble im historischen Dorfkern in seiner Substanz gesichert wurde und bewohnt ist, hat eine große Bedeutung für unseren Stadtteil", sagt er. Pfarrer Jochen Kunath von der Melanchthonkirche erzählt, dass die Kirchengemeinde die denkmalgeschützten Häuser unbedingt erhalten wollte und sie aus diesem Grund im Jahr 2002 in Erbpacht an die jungen Leute von "Mark 20" übergeben hatte.
Unter den Bewohnerinnen und Bewohnern sind Daniela Herzog, die mit ihrem kleinen Sohn Joschka vor drei Jahren eingezogen ist, und Florian Neumeyer, der von Anfang an dabei ist und beim Umbau auch mitgearbeitet hat. Als gelernter Zimmerer war der Diplompädagoge ganz in seinem Element. Die Bausubstanz war schlechter und die Sanierung entsprechend aufwändiger als erwartet, erzählt er. Denn die einst ohne Abdichtung errichteten Bruchsteinmauern hatten die Feuchtigkeit aus dem Boden gesogen.
Das Gebäude wurde komplett entkernt, im Inneren so umgestaltet und bis unter den First ausgebaut, dass neun Wohnräume und im Erdgeschoss zwei Küchen entstanden sind. Dadurch ist aus einst drei voneinander abgegrenzten Häusern ein Haus entstanden. Aus Gründen des Denkmalschutzes musste die Dämmung an den Innenwänden angebracht werden. Auch der Dachstuhl wurde nahezu vollständig erneuert, denn das Gebälk war durch Feuchtigkeit und Schimmel morsch geworden. Jüngst wurden nun noch Fassade und Dach renoviert, womit die Bauarbeiten am Wohnhaus nach insgesamt neun Jahren zum Abschluss gekommen sind.
Fast fertig ist nun auch die Renovierung des früheren Ökonomiegebäudes an der Ostseite des Wohntrakts, dessen älteste Bauteile vermutlich aus dem 13. Jahrhundert stammen. Wo einst Ziegen und Schweine gehalten sowie Heu, Stroh und Kartoffeln gelagert wurden – am Boden ist eine Abflussrinne für den Dung zu erkennen – sind nun Fahrräder, Brennholz und alles, was im Wohnhaus keinen Platz, untergebracht. An der nach Norden gerichteten Außenwand der Scheune sitzt eine Wandplakette aus hellem Sandstein mit der Jahreszahl 1746. Scheune und Wohnhaus umgeben einen Innenhof und wer das Ensemble besichtigt hat, kommt zum Schluss: Mit viel Liebe zum Detail ist hier inmitten des bunten Haslacher Stadtteillebens eine ruhige Oase entstanden. "Es ist einzigartig schön, in diesem Gebäude zu wohnen, und es berührt mich, auf die Spuren der einstigen Bewohner zu stoßen und ihr zweifelsohne hartes Leben nachzuvollziehen", erzählt Daniela Herzog.
Autor: Silvia Faller


