Vor dem Bürgerentscheid

Wohnungsnot hat in Freiburg Tradition

Simone Lutz

Von Simone Lutz

Sa, 05. Januar 2019 um 11:01 Uhr

Freiburg

Wer heutzutage eine Wohnung in Freiburg sucht, findet kaum eine bezahlbare. Historisch gesehen ist das allerdings keine große Überraschung. Doch die Ursachen sind unterschiedlich.

Ende Februar werden die Freiburgerinnen und Freiburger abstimmen: Soll das Dietenbachgebiet unbebaut bleiben? Es geht, auch wenn die Frage andersherum formuliert ist, um den Bau von rund 6000 Wohnungen. Wer heute eine Wohnung sucht, findet kaum eine bezahlbare. Historisch gesehen ist das allerdings keine große Überraschung: Mit Wohnungsknappheit hatte Freiburg schon oft zu kämpfen.

Ein Blick zurück

Schon nach dem Zweiten Weltkrieg ist Wohnungsnot ein Thema. Ende 1944 wohnen noch 64.000 Einwohner in der zerstörten Stadt, bis 1960 sind es bereits mehr als 141.000. Deshalb nehmen die Stadtplaner Mitte der 60er Jahre die damaligen Neubaugebiete Landwasser und Weingarten in Angriff. Im Westen der Stadt bauen vor allem Baugenossenschaften wie Familienheim, Gagfah und neue Heimat, in Weingarten engagiert sich die Siedlungsgesellschaft, die Vorläuferin der heutigen Freiburger Stadtbau.

Auch in Betzenhausen entstehen Wohnungen. Zwischen 600 und 1000 Wohneinheiten jährlich baut die Stadt, die Bauten privater Investoren nicht mitgerechnet.

Das führt dazu, dass sich die Lage Ende der 70er Jahre bessert.

Statt auf neue Baugebiete setzt man auf Innenentwicklung. St. Georgen wächst, zwischen Zähringen und Herdern schließen sich die Baulücken, ebenso in Lehen und im Stühlinger. Doch auf mittlere Sicht reicht das nicht. Erst mit den neuen Baugebieten Vauban und Rieselfeld entspannt sich in den 90ern die Lage auf dem Wohnungsmarkt.

Familien nicht ans Umland verlieren

Ein Zeitsprung ins Jahr 2000. Der damalige OB Rolf Böhme lässt den neuen Flächennutzungsplan erstellen, der bis zum Jahr 2010 gelten soll. 263 Hektar neue Flächen sollen ausgewiesen werden, ein Aufschrei geht durch die Stadt: Freiburg verliere seine Identität, fürchten Viele. Die Stadtplaner argumentieren, die Bevölkerung steige bis zum Jahr 2010 leicht an, und um die Familien nicht ans Umland zu verlieren, sollten 70 Prozent der Wohnbauflächen für Familienhäuser bereitgestellt werden.

"Wir haben nun genügend Flächen bis 2020." Dieter Salomon


Diese Pläne kassiert Böhmes Nachfolger Dieter Salomon ein. Nun sollen nur noch 130 bis 180 Hektar entwickelt werden, weil, so die Prognosen, Freiburg schrumpfen werde. Die Stadt könne den Bedarf an Flächen für Wohnen und Gewerbe bis zum Jahr 2020 mit vorhandenen Baulücken sowie größeren unbebauten Grundstücken im Zentrum und in den Stadtteilen decken, meint 2003 Norbert Schröder-Klings, damals Leiter der "Projektgruppe Integrierte Stadtentwicklung".

Zwei Jahre später wird der Flächennutzungsplan beschlossen. "Wir haben nun genügend Flächen bis 2020", freut sich OB Salomon. "Nicht Wachstum um jeden Preis, sondern Innenentwicklung und Nachhaltigkeit bei geringem Flächenverbrauch" sei die Zielvorgabe. Flächenbevorratung, also Kauf von Grundstücken, bevor sie zu Bauland werden, gibt es nicht.

Theoretisch stehen im Jahr 2010 rund 208 Hektar Innenentwicklungspotenzial zur Verfügung. Praktisch ist es sehr schwierig, die Flächen zu bebauen. Viele Eigentümer haben kein Interesse daran, Nachbarn protestieren gegen dichtere Bebauung.

2013 beschließt der Gemeinderat das Handlungsprogramm Wohnen

Die wichtigsten Punkte: Vorbereitungen für einen neuen Stadtteil; gezielt Baurecht für mögliche Wohnbauflächen in der Stadt schaffen; Innenentwicklung mit neuen Wohnungen; Zweckentfremdungsverbot, Milieuschutz und erweiterter Kündigungsschutz; Erwerb von Flächen für langfristige Vorratshaltung. Ein Perspektivplan listet auf, wo überall Nachverdichtung und Neubauten möglich wären.

Parallel dazu entwickelt sich Freiburg zur "Schwarmstadt", Mieten und Immobilienpreise gehen durch die Decke, Familien ziehen ins Umland, Durchschnittsverdiener geben einen Großteil ihres Einkommens fürs Wohnen aus, Besserverdiener verdrängen Geringverdiener.

Mit Innenentwicklung allein sei dem nicht beizukommen, räumt die Rathausspitze ein und schwenkt um. Die Prognosen hätten sich geändert. Zum ersten Mal wird 2013 über die Bebauung der Dietenbach-Niederungen oder alternativ St. Georgen-West diskutiert, fünf Jahre später beschließt der Gemeinderat einen neuen Stadtteil in Dietenbach. Am 24. Februar wird die Bürgerschaft entscheiden, ob er gebaut wird.

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