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22. Juni 2011

Zwischenmenschliche Wundertüte

Die Goldbachs treten als Bereitschaftpflegefamilie an, wenn Kinder in ihren Herkunftsfamilien in Not geraten.

  1. Gut, wenn jemand zum Spielen da ist. Foto: Kunz

All you need is love, ist in schiefen Buchstaben an den Schuppen hinten im Garten gepinselt. Der gute, alte Beatles-Song – "Liebe ist alles, was du brauchst" – könnte auch als Motto der jungen, vierköpfigen Familie Goldbach stehen, die den verwunschenen Garten und die benachbarte Wohnung bevölkert. Oft zu fünft oder zu sechst. Bei den Goldbachs nämlich wird seit einigen Jahren reichlich Liebe auch an Dritte verteilt. Mutter Sylvia, Vater Sönke und die Töchter Marie (11) und Kim (1) gehören zu den derzeit acht Familien, die in Freiburg als Bereitschaftspflegefamilien Kinder und Jugendliche in Notlagen für einige Zeit bei sich aufnehmen.

Vor vier Jahren hatten Industriedesignerin Sylvia Goldbach, 38 Jahre, und Erzieher Sönke Goldbach, 42 Jahre, überlegt, dass ein Pflegekind gut in ihr Leben und ihre Familie passen könnte. Der Blick für andere, zumal solche, die ein glückloseres Schicksal haben, zieht sich so ein bisschen als roter Faden auch durch die Familienbiografie der Goldbachs. Mutter, Vater und Tochter Marie hatten zum Beispiel eine kurze und eindrucksvolle Zeit in einem Waisendorf nahe Mombasa zugebracht. Bei der Rückkehr allerdings hatten sie die Frage im Gepäck, ob nicht auch hier in Freiburg, in der ganz alltäglichen Umgebung Hilfe geleistet werden könnte. Mittun, das war für die Eltern schon in jungen Jahren selbstverständlich, engagiert in kleinen sozialen Projekten, im Workcamp in Indien, bei der Abschlussarbeit über Kinder, die in Litauen auf Müllkippen leben. Im Kontrast dazu: die eigene ebenso lebhafte wie zufriedene kleine Familie, die 2007 an Weihnachten zusammensaß – "und plötzlich war der Gedanke da, dass hier doch Platz wäre für noch jemanden, ein Kind, das Unterstützung braucht, zum Beispiel."

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"Hier wär’ noch

Platz für ein Kind, das

Unterstützung braucht."

Sönke Goldbach, Vater
IDamals war die eigene Tochter Marie sieben Jahre alt – "und wir waren gerade in so einer Art Familienplanungsphase", erzählt Sönke Goldbach. Nachfragen beim Jugendamt, viel lesen, und schließlich zu vorbereitenden Veranstaltungen gehen. Dort nämlich beginnt nicht nur die Vernetzung mit anderen Familien, die Ähnliches vorhaben. Es ist auch nochmal eine gut begleitete Phase der Klärung. "Es zeigte sich da", sagt Sylvia Goldbach, "dass die Bereitschaftspflege viel besser zu uns passt." Die oft sehr kurzfristige Inobhutnahme dauerte bislang zwischen drei Wochen und drei Monaten, eine Jugendliche blieb – eine Ausnahme – ein Jahr lang bei den Goldbachs. In deren Familienprofil ist vermerkt, dass Kinder und Jugendliche zwischen 2 und 14 Jahren bei ihnen Aufnahme finden können. Einzige Einschränkung: "Um Marie ein bisschen abzuschirmen, haben wir gebeten, dass keine Kinder mit akuter Gewalterfahrung zu uns kommen."

Wohl aber können Kinder auch gleich zu mehreren kommen. Zwillinge, auch schon mal drei Geschwisterkinder – und die wurden prompt krank und steckten die Goldbachs natürlich gleich mit an. "Das ist nicht anders als in jeder anderen sechsköpfigen Familie", kommentiert Sönke Goldbach seinen vergnügt vorgetragenen Bericht, "das kommt vor." Was nicht so oft vorkommt, ist die Arbeits- und Rollenteilung in der Familie: Sönke Goldbach war lange Zeit ganz zu Hause, dann mit einer halben Stelle wieder in "seinem" Waldkindergarten in Waldkirch. Ehefrau Sylvia: "Ich war lange nur abends für die Kinder zuständig oder am Wochenende." Ganz wichtig, das betonen beide, "dass gut und klar geregelt ist, wie die Zuständigkeiten verteilt sind. Das spart Kraft und Nerven." Ein Lerneffekt aus der zusätzlichen Beanspruchung durch Kinder in schwierigen Lebenslagen sei, dass man seine eigenen Grenzen erkennen lerne. Und die Abgrenzung.

Marie ist mit ihren elf Jahren völlig unbefangen, was die Pflegekinder angeht: "Jedes Kind war irgendwie okay." Bleiben eigene Wünsche wegen der Zusatzkinder auf der Strecke? "Nein! Wobei man einfach wissen muss, dass es denen oft nicht so gut geht." Empathie, eine gute Balance zwischen Neugier und Gelassenheit, die immerwährende Option auf einen Rückzug: "Wenn ich mag, spielen wir zusammen."

Spielen, reden, in der neuen Umgebung ankommen: Das fällt oft leichter, wenn schon Kinder da sind. Eine Jugendliche blieb ihr bis heute als Freundin. Deren Vater starb, während die Goldbachs sie als Pflegefamilie betreuten. "Wir sind jeden Tag mit ihr ins Hospiz zu ihrem Vater gegangen und haben den Sterbeprozess begleitet." Auch in weniger gravierenden Lebenslagen lernt die Pflegefamilie in kurzer Zeit nicht nur das Kind kennen, sondern eben auch die Herkunftsfamilie, Lehrer, Ärzte: "Man gerät jedes Mal in eine ganz neue Welt, die man verstehen muss." Sönke Goldbach spricht von "zwischenmenschlicher Wundertüte" – und der Gelegenheit, vom eigenen glücklichen Leben etwas abzugeben: "Aber man muss mit seiner Familie im Reinen sein. Ein Pflegekind braucht, dass das Leben stimmig ist."

Autor: Julia Littmann