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10. November 2010

Ein vergessenes Kapitel der Geschichte

"Die Dritte Welt im Zweiten Weltkrieg": Ausstellung in Freiburg.

Kaum eine Etappe der Zeitgeschichte scheint so gründlich erforscht zu sein wie der Zweite Weltkrieg, von der Zunft der Historiker mit hingebungsvoller Akribie durchleuchtet, durchgeknetet als Material, aufgefächert in thematische Facetten, zerlegt in Strukturen und Phänomene, dargestellt im Fokus verschiedener historischer Schulen, etwa im Blickwinkel von Personen- oder Militärgeschichte, von Ideen- oder Wirtschaftsgeschichte, von Gesellschafts- oder Nationalgeschichte. Das wirklich Irritierende der Freiburger Ausstellung "Die Dritte Welt im Zweiten Weltkrieg" liegt darin, wie schnell sich scheinbar Bekanntes verflüchtigt, wenn der Betrachter, dem Ausstellungskonzept folgend, die normative Kraft der Überlieferung aushöhlt und dem hinlänglich bekannten Faktengerüst der Historie eine neue, veränderte Perspektive abtrotzt. Diese neue Perspektive verwandelt den Gegenstand selbst, bis in seinen historischen Kernbereich, ja bis in seinen Datenbestand hinein.

1. September 1939, 8. Mai 1945 – dieses festgezurrte Datenkorsett kann nur ernst meinen, wer den Zweiten Weltkrieg als europäischen Krieg oder als einen Krieg in Europa begreift. Die Freiburger Ausstellung insistiert auf der globalen Dimension dieses Krieges, indem sie die Peripherie, die Kolonien, eben: die sogenannte Dritte Welt ins Zentrum der Präsentation rückt. Mit der veränderten Prämisse ergibt sich sofort eine Korrektur von Geschichts-Schreibung: So haben afrikanische Historiker mit einiger Berechtigung vorgeschlagen, die Besetzung Äthiopiens durch italienische Kolonialtruppen ab Oktober 1935 als Auftakt zum Zweiten Weltkrieg zu werten. Mit den Kriegserklärungen vom September 1939 sind die britischen und französischen Kolonien von Beginn an in das Kriegsgeschehen involviert, als Rohstofflager, Nahrungsmittelproduzent, Rekrutierungsbasis und vor allem als Versuchsgelände der Militärstrategen, als Schlachtfeld, vermint, verwüstet, verstrahlt. Vor diesem Hintergrund scheint es kaum plausibel, dass erst der japanische Angriff auf die US-Pazifikflotte in Pearl Harbour am 7. Dezember 1941 den Krieg als Weltkrieg entfesselt habe.

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Die Ausstellung im Centre Culturel Français widmet sich den Regionen Südostasien, Indochina, Ozeanien, Südamerika und Karibik, die Ausstellung im Freiburger Kommunalen Kino konzentriert sich auf den Maghreb, die französischen und britischen Kolonien in West-, Zentral- und Ostafrika sowie auf den Nahen Osten. Es ist kein Gemeinplatz, wenn im Prolog der Ausstellung von einem "vergessenen Kapitel der Geschichte" die Rede ist. Oft zwangsrekrutiert, im Kollektiv der Armee diskriminiert, rassistischen Übergriffen ausgeliefert, nach Kriegsende um Sold, Dokumente, Entlassungsprämien und Haftentschädigungen betrogen, haben Millionen Soldaten aus der Dritten Welt im Zweiten Weltkrieg gegen die faschistischen Achsenmächte gekämpft. Ihr Schicksal ist – wie das der Kolonien generell – von der offiziellen Geschichtsschreibung der Sieger konsequent ausgeblendet worden – Unterlassungssünde und Geschichtsklitterung in einem, nachweisbar noch im Material der Statistiken und in den Kolonnen der Opferzahlen.

Man könnte der Ausstellung eine gewisse Textlastigkeit vorwerfen, würde der Parcours der Schautafeln nicht immer wieder, dramaturgisch wie didaktisch klug arrangiert, durch Videosequenzen und vor allem durch "Hörstationen" unterbrochen, an denen Zeitzeugen zu Wort kommen, individuelle Schicksale in der Masse der Betroffenen, konkrete Gesichter in der Phalanx der Opfer, unverwechselbare Stimmen in der Partitur einer kollektiven Misere. Gerade diese "Hörstationen" dokumentieren den besonderen Fall innerhalb des ungreifbaren Allgemeinen der Geschichte, sie geben den Opfern einen Namen und ein Gesicht – und damit einen Rest von verlorener Würde.

In der Textrubrik "Verdrehte Geschichte" werden die gröbsten Irrtümer, die übelsten Entgleisungen angesichts des Themas als Zitatbrocken aufgespießt – an diesem Detail zeigt sich der Impetus der Ausstellung womöglich am genauesten: Es gilt, Überlieferung zu korrigieren, festsitzende Überzeugungen zu durchlöchern, falsche Urteile zu unterlaufen, kurz: den erprobten europazentrierten Blick auf eine historische Epoche zu überwinden. So gesehen, überführt die Ausstellung die offizielle Überlieferung als lückenhaft, wenn nicht lügenhaft – als Dokumentation bewusst "verdrehter Geschichte". Und zeigt, dass Erinnerung billig nicht zu haben ist, sie will, immer wieder, erkämpft und verteidigt sein.

– "Die Dritte Welt im Zweiten Weltkrieg": Wanderausstellung im Centre Culturel Français Freiburg und im Freiburger Kommunalen Kino. Bis 22. Januar 2011.

Weitere Infos:       http://www.3www2.de

Autor: Hartmut Buchholz