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20. Juli 2012

Zwei Tobel und fünf Churfirsten

Rundweg durch die Naturschutzgebiete des Sipplinger Dreiecks.

  1. Zweimal Churfirsten am Bodensee: Blick zu den Schweizer Exemplaren (kleines Bild) und auf jene im Sipplinger Dreieck Foto: Rolf Müller

  2. Foto: Rolf Müller

Hier stimmt was nicht. In der Ferne sind der Säntis und rechts davon die Churfirsten klar zu sehen, doch auf dem Wanderwegweiser am Ortsrand von Sipplingen, fast am nördlichen Ende des Bodensees gelegen, steht "Churfirsten 0,8 km". Hat sich da jemand gründlich verschätzt, etwa um den Faktor 100? Keineswegs, denn nicht nur der Walensee, auch der Bodensee hat seine Churfirsten. Die lassen sich bei einer Rundwanderung durch die geologischen Sehenswürdigkeiten mehrerer Naturschutzgebiete am Nordufer des Überlinger Sees im Sipplinger Dreieck besuchen.

Start ist im kleinen Gewerbegebiet von Sipplingen, wo sich gebührenfreie Parkplätze finden – eine Seltenheit am Bodensee. Die Straße "Kleine Steige" geht man bis zum Waldrand, wo ein steiler Weg nach rechts zum Aussichtspunkt Zimmerwiese führt. Hier sehen wir zum ersten Mal die Schweizer Churfirsten in der Ferne. Die haben ihren Namen von der ehemaligen Reichsabtei Sankt Gallen erhalten, weil die Bergspitzen an die mittelalterlichen Darstellungen der sieben Kurfürsten erinnerten, die den deutschen Kaiser wählten. Wer alle Spitzen zählt, kann auch auf 13 kommen.

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Weiter geht’s an einer Grillstelle, einer Hütte und einem Umspannwerk vorbei Richtung Hödinger Tobel. Hier oben auf dem Sipplinger Berg befindet sich auch das Pumpspeicherwerk der Bodenseewasser-Versorgung. Wobei das Wort genau genommen die wahren Verhältnisse auf den Kopf stellt. Denn in Sipplingen wird nicht der Bodensee mit Wasser versorgt, sondern Stuttgart samt Mittlerem Neckar mit Bodenseewasser.

Wasser fließt auch durch den Hödinger Tobel, eine wildromantische Schlucht mit steilen Molasse-Wänden, die sich gut als Wolfsschlucht für den "Freischütz" eignen würde und den Vergleich mit der Maria-Schlucht auf dem gegenüberliegenden See-Ufer nicht scheuen muss – aber weitaus weniger stark besucht ist. Tobel – im Schwarzwald auch Dobel – bezeichnet ein trichterförmiges Tal oder eine Schlucht. Der Hödinger Tobel wurde nie wirtschaftlich genutzt und ist seit 1938 Naturschutzgebiet. Hier wachsen und blühen etliche geschützte Pflanzen, unter anderem Silberblatt, Leberblümchen und Türkenbund. Der schmale Pfad ist an einigen Stellen weggespült und durch Metallgitter und -treppen ersetzt. Trotzdem ist der Weg bei Regen eine ziemlich glatte Angelegenheit.

Durch Hödingen geht es weiter zum Schloss Spetzgart, in dem die Oberstufe des Internats Schloss Salem untergebracht ist. Direkt hinter dem Schloss steigt man hinunter in den Spetzgarter Tobel, eine 65 Meter tiefe Schlucht. Sie ist ein Relikt der Würmeiszeit. Die schwer zugängliche, feucht-kühle Schlucht dient seltenen nordalpinen Pflanzen wie Wald-Geißbart und der strauchigen Kronenwicke als Rückzugsgebiet. Am Ende des Spetzgarter Tobels ist man schon am Stadtrand von Überlingen. Unter der B 31 hindurch führt der Wanderweg zum Teilort Goldbach und ein zweites Mal unter der stark befahrenen Straße durch zwischen Reben in Richtung Gletschermühle. Bei diesem Naturdenkmal handelt es sich um einen recht großen, begehbaren Gletschertopf, der vor rund 20 000 Jahren von den Steinen geformt wurde, die das Gletscherwasser über Jahrtausende hinweg im Kreis herum gedreht hat.

Von der Gletschermühle aus steuert man die Süßenmühle an. Hier ist ein Abstecher nach links zum See möglich. An der Stelle, an der der Radweg mit einer Unterführung die Straßenseite der B 31 wechselt, gibt es im Verlauf eines Baches einen Durchgang unter der Bahn hindurch ans Ufer. Wer keine Badehose dabei hat, braucht deshalb auf eine Abkühlung nicht verzichten. Dieser einsame Abschnitt ist ein beliebter FKK-Strand. Zurück zur Süßenmühle und weiter an einem kleinen Wanderparkplatz vorbei befindet man sich jetzt auf dem Weg zu den Churfirsten. Von den einstmals sieben Sipplinger Churfirsten sind nur noch fünf erhalten, vor 100 Jahren sollen es sogar 18 gewesen sein. Mit ihrer Höhe von bis zu sieben Metern können sie natürlich mit ihren Schweizer Namensvettern nicht mithalten, dafür kann man sie mit weitaus weniger Kraxelei umrunden. Auch sie verdanken ihren Namen der Ähnlichkeit mit dem kaiserlichen Wahlgremium. Mit ihren "Mützen" sehen sie wie Kurfürsten aus. Diese Mützen bestehen aus einer Schicht härteren Sandsteins, der die darunter liegenden weichen Schichten erst einmal vor der Erosion bewahrt hat. Allerdings ist das kein Schutz für die Ewigkeit, wie der traurige Rest von Nummer sechs beweist. Irgendwann wird das Wasser den Kampf gegen den Sandstein gewinnen.

Von den Churfirsten sind es jene 0,8 Kilometer zurück zum Sportplatz und Gewerbegebiet von Sipplingen. Rund 15 Kilometer und 400 Höhenmeter beträgt der Rundweg, der sich mit einer guten Karte und dank guter Beschilderung beliebig verändern oder verlängern lässt – etwa bis zum Stadtgraben von Überlingen. Das wäre dann die Schlucht Nummer drei, die allerdings nicht von den Kräften der Natur geschaffen, sondern als mittelalterliche Verteidigungsanlage aus dem Felsen geschlagen wurde und heute als romantischer Stadtgarten dient.

SIPPLINGER DREIECK

Karte: Wander- und Freizeitkarte

Euregio Bodensee von GeoMap
Wanderführer: Ute und Peter Freier, Bodensee, Bruckmann Verlag, München
Anfahrt: A 98 bis Ausfahrt 13 (Stockach-West), B 31 Richtung Überlingen bis Sipplingen, links in die Rathausstraße und der Beschilderung Sportplatz folgen
GPS: 47° 47' 57'' N, 09° 06' 08'' E
Kontakt: Touristinfo Sipplingen,

Tel. 07551/9499370, http://www.sipplingen.de  

Autor: rm

Autor: Rolf Müller