Zur Navigation Zum Artikel

Wenn Sie sich diesen Artikel vorlesen lassen wollen benutzen Sie den Accesskey + v, zum beenden können Sie den Accesskey + z benutzen.

16. August 2014 00:00 Uhr

Beim Siegesdenkmal

Afghan-Eck in Freiburg: Wie im Wohnzimmer

Shahlah und Mir Azizullah Hares bereiten seit fast 30 Jahren im Afghan-Eck in Freiburg frische Speisen zu. Viele Gäste kommen schon seit 29 Jahren jede Woche in das Restaurant.

  1. Shahlah und Mir Azizullah Hares Foto: M. Fritsch

Vor einigen Wochen kamen zwei Streifenpolizisten vorbei. Was das hier sei? Ein afghanischer Spezialitätenladen und Bistro? Ob sie wohl gerade erst aufgemacht hätten, wollten die Beamten wissen. Die Frage zog schallendes Gelächter in dem gemütlichen Gastraum nach sich. Immerhin kommen einige der Gäste schon seit 29 Jahren jede Woche zum Essen hierher ins Afghan-Eck, das etwas versteckt in einem Innenhof am Freiburger Siegesdenkmal liegt.

Für Shahlah und Mir Azizullah Hares, die den Imbiss betreiben, war das nicht die erste Begegnung mit der Polizei. Schon als sie vor knapp 30 Jahren ihren Laden eröffneten, stand die Polizei auf der Matte. "Damals kannte hier noch niemand so große Säcke Reis", erzählt Shahlah Hares. "Die haben sie dann aufgemacht und durchwühlt. Und auch unsere Mantus haben sie aufgemacht und nach Drogen oder so durchsucht." Shahlah Hares lacht herzlich, wenn sie die Geschichte erzählt. Ihre Mantus, das sind afghanische Maultaschen, die mit Lammhackfleisch gefüllt sind. Inzwischen werden sie nur mehr zum Verspeisen geöffnet. Drogen vermutet schon lange niemand mehr darin.

Werbung


Gemeinsam mit ihrem Mann bereitet Shahlah Hares jeden Morgen Mantus und Polani, Ashak und Samosa zu. Hinter den klingenden Namen verstecken sich verschiedene Teiggerichte. Die Familienrezepte dazu haben die beiden aus Afghanistan mitgebracht. Mir Azizullah Hares, der Mathematik- und Physiklehrer an der deutschen Schule in Kabul war, kam 1980 als Stipendiat nach Deutschland. Kurz darauf kam seine Frau mit dem gemeinsamen Sohn nach. Kabul war inzwischen durch den Einmarsch sowjetischer Truppen zu gefährlich geworden. Shahlah Hares, die Tiermedizin studierte und nebenbei mit Analphabeten arbeitete, wurde mehrmals bedroht. Gegen Kaution bekam sie eine Ausreiseerlaubnis. Aber an Rückkehr war nicht zu denken. Nach den Sowjets kamen die Taliban, das Land zerfiel zunehmend. "Dabei war Afghanistan wirklich schön", betont Shahlah Hares. "Die Frauen waren frei und auch die Leute, die dort jetzt im Nachthemd auf den Straßen rumrennen, gab es damals nicht." Die beiden mussten alles zurücklassen. Seit die Taliban kamen, haben sie auch von ihren Familien nichts mehr gehört.

Da es für sie schwierig war, in Deutschland eine angemessene Stelle zu finden, sie aber auch nicht von Sozialleistungen abhängig sein wollten, entschied sich das Ehepaar, einen Laden mit afghanischen Spezialitäten zu eröffnen. Das war 1986. Bis zur Erweiterung im Jahr 2000 kochten sie auswärts und brachten das Essen dann in den kleinen Stehimbiss. Heute haben sie einen großen Gastraum und eine eigene Küche. Gemeinsam mit ihren Kindern, die immer helfen, wenn Studium und Beruf ihnen etwas Freiraum lassen, sind sie sechs Tage die Woche in dem kleinen Bistro. Ab 8 Uhr morgens bereiten die Hares jeden Tag frisch das Essen vor. Zu den Mantus und Polanis gibt es Reis mit Rosinen, Karotten und Safran, Auberginen-, Linsen- und Bohnengemüse, Lamm und Hühnchen. "Außer den Fleischgerichten ist bei uns alles vegan. Hier kann jeder etwas finden." Mir Azizullah Hares freut sich, dass seine traditionellen Gerichte den modernen Wünschen entgegenkommen. Um 11.30 Uhr öffnet das Afghan-Eck. Bis zum Ladenschluss um 19 Uhr ist meistens alles ausverkauft. Bis dahin herrscht in dem orientalisch geschmückten Gastraum fast Wohnzimmeratmosphäre. Die meisten Gäste kennen die Wirte beim Namen. "Unsere Gäste sind hier wie eine große Familie", sagt Mir Azizullah Hares. Und ein bisschen fühlt man sich im Afghan-Eck auch wie im Wohnzimmer.

POLANI SELBER BACKEN
Für den Teig Mehl und Chapatimehl mischen. Die Hefe in etwas warmem Wasser auflösen und mit einer Prise Salz zu dem Mehl geben. Das Mehl mit etwas Wasser zu einem festen Teig verkneten und eine Stunde gehen lassen. Für die Füllungen Lauch und Koriander fein hacken, mit Chili, Salz und Olivenöl vermischen. Dann die Kartoffeln kochen, schälen und grob stampfen. Mit Chili und Salz vermischen.

Den Teig in acht Portionen teilen und mit der Nudelmaschine auswalzen. Jeweils eine Hälfte der Teigfladen wird mit einer der beiden Füllungen belegt und der Fladen dann zugeklappt und die Enden zusammengedrückt. Die gefüllten Polani in der Pfanne ausbacken, nach Belieben zum Schluss etwas Margarine oder Butter in die Pfanne geben.

Zu den Poulani passen verschiedene Chutneys, Joghurt oder Gemüse.

Afghan-Eck, Habsburger Str. 133 a, 79104 Freiburg,
geöffnet Montag bis Samstag 11.30–19 Uhr

Autor: Manuel Fritsch