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12. Juni 2010
All along the Watschtauer
"Der Sekretär": Thomas Gatzemeiers Sittenbild aus der DDR-Provinz der siebziger Jahre zeigt eine zerrissene Gesellschaft.
Vieles an diesem Buch ist erstaunlich. Nicht nur, dass sein Autor eigentlich ein Kunstmaler ist und eigens für seinen Debütroman "Der Sekretär" aufgrund einer "Bewerbungsphobie" einen Verlag gegründet hat. Es ist – obwohl in Eigeninitiative veröffentlicht – nicht nur ein ansehnliches Buch, sondern auch ein lesenswertes, zumal es eine Generation beschreibt und eine Epoche thematisiert, die bisher literarisch zu kurz gekommen ist. Thomas Gatzemeier lebt heute in Karlsruhe und Leipzig, wo er an der Hochschule für Grafik und Buchkunst Malerei studierte. 1985 wurde er aus der DDR ausgebürgert, seit 30 Jahren arbeitet der Maler als freischaffender Künstler, was ihn nicht daran hinderte zu schreiben. Schon 1983 entstanden erste Passagen, Gedichte und Erzählungen, die im "Sekretär" Verwendung fanden.
Etliche "gesamtdeutsche" Literatur beschäftigt sich mit der Zeit um Mauerbau und Mauerfall oder mit den Anfängen des ersten sozialistischen Arbeiter- und Bauernstaates auf deutschem Boden. Gatzemeier taucht ein in den Alltag Mitte der 70er – in die zementierten Verhältnisse, als zwei Generationen aufeinander prallten: zum einen die Nachkriegsgeborenen, die keineswegs völlig abgeschnitten hinter dem Eisernen Vorhang lebten, sondern ähnlich wie im Westen gegen die spießbürgerliche Gesellschaft rebellierten mit den bekannten Insignien: lange Haare, freizügige Klamotten, lärmige Pop-Musik. Zum anderen herrschten die Alten, nicht wenige waren ehemalige Nazis oder Profiteure des Hitler-Regimes, die meisten konnten mit den "Unangepassten" nichts anfangen.
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Protagonist und Namesgeber des Buches "Der Sekretät" – im Untertitel "Geschichte eines Opportunisten" – ist einer, der Karriere gemacht hat, genauer gesagt: zweimal, wobei die Niederlage der Nazis und der Untergang des Dritten Reiches mehr verhinderte. Sieghart Paul fristet im mittelsächsischen Döbeln ein bescheidenes Dasein, als Schlachter im örtlichen Fischladen, er träumt vom Aufstieg als Hundeführer in einer Wachkompanie. Und der Provinzjunge schafft es auch, patrouilliert um das KZ in Sachsenhausen, wo eine nagelneue schmucke Kaserne gebaut worden ist. Gatzemeier moralisiert nicht, umso schockierender die Willfährigkeit, mit der sein Protagonist agiert. Bei einem Fluchtversuch der KZ-Häftlinge geht im Geschosshagel Pauls Hund drauf, was ihn fast aus der Bahn wirft, das Tier ist ihm wichtiger als die Menschen, die er getötet hat. Der Vorfall samt seiner psychischen Verfassung danach bringt ihm sogar noch eine Beförderung ein – und eine Versetzung an die Ostfront. Reue plagt den Kriegsgefangenen nie, sondern nur, wie er als SS-Mann wieder aus der Sache rauskommt. Umso verlockender das Angebot der Sieger, als Kader im neugegründeten Staat zu reüssieren. Die SED nahm als erste Partei des Nachkriegsdeutschlands offiziell ehemalige NSDAP Mitglieder auf.
Zeitsprung: Eingebettet ist der Werdegang des Sieghart Paul, der in Döbeln schließlich zum 1. Sekretär der SED Kreisleitung befördert wird, in Geschichten aus dem DDR-Alltag Mitte der 70er. Wie eine Groteske wirkt Gatzemeiers Beschreibung des alljährlichen Freundschaftsempfangs von Sowjet-Militärs, weniger lustig die Enge der Gesellschaft und Spießigkeit der Obrigkeit. Lächerlich unbeholfen wirken Auszüge einer Stasiakte, die der ortsansässige Spitzel sich über einen der "Gammler" aus den Fingern saugt: Ein Stück über einen "Watschtauer" läuft bei den "Unangepaßten". Gatzemeier hat die Zitate aus seiner eigenen Akte übernommen. Ein Ich-Erzähler sorgt zeitweilig für zusätzliche Nähe, doch "Der Sekretär" ist keineswegs nur autobiografisch, Gatzemeiers umherschweifender Blick richtet sich auf Grüppchen und Charaktere. Vor dem Auge des Lesers entsteht ein opulentes Sittenbild der DDR in den 70er Jahren, das Bild einer zerrissenen, heterogenen Gesellschaft, was unterschiedliche Erzählebenen noch verstärken. Die Staatsgewalt lauert an jeder Ecke, Künstler, Intellektuelle, Proletarier müssen fürchten, dass Musikabende mit Tonbandaufnahmen oder Platten aus dem Westen Repressionen nach sich ziehen. Zwar sorgt Hendrix’ "All along the Watchtower" für Aufbruchstimmung, doch die wird im Keim erstickt, mündet in eine individuelle Katastrophe. Eine Art Implosion. Wenn man so will, eine Geschichte von unten: aus der Mitte der Gesellschaft der Ex-DDR.
– Thomas Gatzemeier: Der Sekretär – Die Geschichte eines Opportunisten. Soll und Haben Verlag, Karlsruhe 2010. 280 Seiten, 19,80 Euro.
Autor: Joachim Schneider
