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19. Juli 2008

Wie Lots Frau

"Verse auf Leben und Tod": Bei Amos Oz verpasst ein Schriftsteller das Leben / Von Hans-Dieter Fronz

  1. „Warum über all diese Personen schreiben?“: Amos Oz Foto: afp

Eine Dichterlesung in Tel Aviv. An einem schwülen Sommerabend hat sich im Kulturzentrum "Schunja Schor und die sieben Toten vom Steinbruch" zahlreiches Publikum eingefunden. Die Klimaanlage ist defekt, innerlich stöhnend fächelt man sich mit einer Zeitung oder dem zum Signieren mitgebrachten Buch Kühlung zu. Der Schriftsteller verspätet sich, führt sich aber witzig ein: Man hätte ja schon mal anfangen können. . .

Vorstellung, Lesung, Gespräch: das übliche Programm. Es sind die immergleichen Fragen, die der Schriftsteller bei solchen Veranstaltungen zu hören bekommt. Warum schreiben Sie? Wollen Sie Ihre Leser verändern? Stammt das Material für Ihre Geschichten aus Ihrer Phantasie oder aus dem wirklichen Leben? Der Schriftsteller antwortet geduldig und engagiert. "Mit warmen, strömenden Worten" versucht er, die Herzen der Zuhörer, der Frauen zumal, zu erobern. Doch so überzeugend die Antworten ausfallen, in Wahrheit kennt er sie so wenig wie seine Leser. So häuft er "Lüge auf Lüge".

Einen Abend und eine Nacht begleitet Amos Oz’ Roman "Verse auf Leben und Tod" einen Schriftsteller, der namenlos ist und dessen Biografie weitgehend im Dunkeln bleibt, weil es weniger um seine Person geht als um das Verhältnis von Schreiben und Wirklichkeit. So unauflöslich sind für diesen Schriftsteller Literatur und Leben miteinander verwoben, dass er im einen unmittelbar das andere findet. Das Leben wird ihm zur Fiktion, die Imagination aber zum Lebensersatz. Jede menschliche Begegnung verwandelt sich ihm unversehens in Literatur.

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Im Handumdrehen dichtete er der Kellnerin in dem Café, in dem er sich auf die Lesung einstimmte und deren schöne Beine ihn auf Gedanken brachten, eine Geschichte an. Und selbst in der Lesung geht er seinem "Gaunermetier" nach. Während eine schüchterne Person ausgewählte Passagen aus seinem Buch vorliest, lässt er mit vergeistigter Miene seine Blicke durchs Publikum schweifen, um es, wie wir lesen, "zu berauben". Was er jedem, auf dem sein Blick verweilt, entwendet, sind ein (spontan erfundener) Charakter und eine Biografie. So rekrutiert er das Personal für seinen nächsten Roman.

Gegen die Kraft seiner Imagination ist die Wirklichkeit chancenlos. Jener massige Mann im Publikum zum Beispiel, der so zornig die Augen rollt: ein Lehrer? Gewiss wird er gleich vehement seine Ablehnung der zeitgenössischen israelischen Literatur ausdrücken. Doch ohne dass er davon weiß, hat er bereits einen Namen und eine Geschichte erhalten und sich in einen Teil dessen verwandelt, wogegen er protestiert. Oder der Literaturexperte, der in die Lesung einführen soll und kein Ende findet: "Der Schriftsteller ist versucht, ihn zu einer zwanzig Jahre langen Witwerschaft zu verurteilen und ihm eine Tochter namens Aja zuzugesellen, die, nur um ihn zu ärgern, orthodox wird und einen Siedler aus Alon More heiratet."

So ist die Wirklichkeit für den Schriftsteller nichts anderes als Zündstoff und Nahrung für seine Phantasie. Und weil der Roman sich seiner Perspektive überlässt, weiß der Leser bald nicht mehr, was real ist und was vorgestellt. Selbst sein ausdauerndes Werben um Rahel, die etwas verklemmte Vorleserin, und die Liebesnacht mit ihr könnten – so lebendig und übrigens hoch amüsant in den komischen kleinen Verwicklungen und Missverständnissen der Roman davon erzählt – bloß ein Produkt seiner Imagination sein.

Der Schriftsteller weiß um das Problematische seiner Haltung zum Leben, und er zweifelt grundsätzlich am Sinn seines Tuns. "Warum über all diese Personen schreiben?" fragt er sich: "Sie existieren unabhängig davon, ob du über sie schreibst oder nicht." Irgendwie, so scheint es, entspringt sein Schreiben einem Fluchtimpuls: der "Unfähigkeit, zu berühren und berührt zu werden". Die Literatur ist sein Schutzschild und seine Waffe gegen das Leben, das ihm unter der schreibenden Hand sozusagen wegstirbt. "Wie Lots Frau: Um schreiben zu können, muss man zurückschauen. Und dieser Blick verwandelt einen selbst und die anderen in Salzsäulen."

Dass dieses Divertimento über Glanz und Elend der Literatur und ihre problematische Liaison mit dem Leben sporadisch in eine dunklere Tonart wechselt, hat also unmittelbar mit dem Thema zu tun. Denn wenn das Leben überm Schreiben erstirbt, dann spiegelt und reflektiert Literatur, indem sie den Tod zum Thema wählt, indirekt sich selbst. Beinahe gesetzmäßig führt der Schriftsteller die Gestalten seiner Imagination in existenzielle Grenzsituationen und – wenigstens in ihrer Vorstellung – in die Nähe des Todes. Eine seiner Figuren verfasst ein versponnenes Traktat über das Für und Wider des ewigen Lebens als Ausgang aus der Misere des Daseins.

Und dann schlingern auf dem Bewusstseinsstrom des Schriftstellers den Roman hindurch als melancholisches Treibgut Partikel aus Gedichten des (diesmal von Oz selbst erfundenen) jüdischen Dichters Zefanja Beit-Halachmi, dessen "Verse auf Leben und Tod" dem Roman den Titel geben und von dessen Tod er ganz am Schluss in seinem Hotelzimmer aus der Abendzeitung erfährt. Der Grundton dieses von Mirjam Pressler glänzend übersetzten, grandiosen kleinen Romans ist demgemäß Trauer: übers nicht gelebte Leben. Und wenn das im Akt des Schreibens selbst das Zeitliche segnende Leben eine Entsprechung in der verpassten Gelegenheit hat, dann ist der Schriftsteller auch darin fraglos Experte. Die hinreißend erzählte Liebesgeschichte mit der schüchternen Rachel – auch sie dürfte am Ende lediglich eine literarische Phantasie sein.

– Amos Oz: Verse auf Leben und Tod. Roman. Aus dem Hebräischen von Mirjam Pressler, Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2008. 122 Seiten, 16,80 Euro.

Autor: Von Hans-Dieter Fronz