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03. August 2012

Reise

Im österreichischen Reingers dreht sich alles um Hanf

Mit der vielfältigen Nutzpflanze Hanf werden in Reingers nicht nur Touristen geködert. Auch Karpfen im Dorfteich können der Versuchung kaum widerstehen.

  1. Im Labyrinth: Mit der vielfältigen Nutzpflanze Hanf werden in Reingers nicht nur Touristen geködert. Auch Karpfen im Dorfteich können der Versuchung kaum widerstehen. Foto: Martin Cyris

  2. Foto: Martin Cyris

  3. Foto: Fotolia.com/Dmytro Sukharevskyy 

  4. Guten Appetit: Wolfgang und Renate Uitz mit einer Hanftorte Foto: Martin Cyris

  5. Fotogen: die Wasserburg in Heidenreichstein Foto: Martin Cyris

Grabesstille in Reingers. Kein Hahn kräht. Die Kirchturmglocke steht auf Standby. Ein Ort, um sich richtig wegzubeamen. Um die Systeme herunterzufahren und tief ein- und wieder auszuatmen. Gesunde Landluft, versteht sich.

Reingers ist ein Dorf in Niederösterreich. Genauer gesagt im nördlichen Waldviertel, dicht an der Grenze zu Tschechien. Die ist seit einigen Jahren offen. "50 Jahre waren wir mit dem Rücken zur Wand", sagt Bürgermeister Christian Schlosser.

Als Erstbesucher fühlt man sich an jene Zeiten erinnert, als der Eiserne Vorhang das Dorf an den Rand des Geschehens rückte. Derart abgelegen und weltfern wirkt die Gegend. Und verträumt. Wie geschaffen für eine Verschnaufpause und Nichtstun.

Und für eine Auszeit am Dorfteich. Harald Pleha fläzt in einem Klappstuhl, die Nase gen Wasser gerichtet. Der gelbrote Stoff der Rückenlehne ist ausgeblichen. Pleha hat sein Kinn auf Zeige- und Mittelfinger abgelegt. Er scheint wegzunicken. Plötzlich ertönt ein Piepston. Pleha schreckt auf. Schnurstracks bringt er sich in die Vertikale und greift nach der Angelrute, die das Signal ausgesendet hat. "Ein toller Biss", frohlockt er hellwach.

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Gefühlvoll kurbelt er an der Angelrolle und zieht einen fetten Karpfen aus dem Wasser. Schon der dritte heute. Sein Geheimnis? Fischköder aus gepresstem Hanfsamen. "Die san ganz deppert danach", verrät Pleha. Der Produkttext auf der Packung übertreibt also nicht: "Sehr starke Lockwirkung. Unwiderstehlich für alle karpfenartigen Fische".

In Reingers werden auch Touristen mit Hanf (botanischer Name: Cannabis sativa) geködert. Lange Zeit litt das Dorf, rund 150 Kilometer nordwestlich von Wien gelegen, unter Nachwuchssorgen bei den Besuchern. Übernachtungsgäste waren in der Mehrzahl deutsche Vertriebene aus Mähren, die nach der Grenzöffnung die Heimatdörfer auf tschechischer Seite besuchten. Vor ein paar Jahren kam der damalige Dorfschultes auf die Idee, den Hanf zum Thema zu machen. Reingers wurde zum Hanfdorf deklariert. Ziel: Gästezahlen erhöhen. Ein zündender Gedanke, denn touristisch gesehen ist das nördliche Waldviertel eher ein Hänfling.

Eine ständige Hanfausstellung wurde installiert. Sie zeigt die lange Geschichte und die erstaunlich vielfältigen Verwendungsmöglichkeiten der Pflanze. Im angegliederten Geschäft werden Produkte aus Hanf angeboten: Hanfkäse, Hanfschokolade, Hanf-T-Shirts, Hanftaschen, Hanfcremes und so weiter.

In jedem Sommer wird in Reingers bei einem Hanffest eine Hanfprinzessin gekürt. Sie erhält nicht etwa ein Krönchen, sondern ein maßgeschneidertes Hanfdirndl. Fast zeitgleich wird ein Hanflabyrinth gepflanzt. Zuständig dafür ist Astrid Pleha, die auch über Shop und Ausstellung wacht. Im Gemeindeprospekt wird sie die Hanftante genannt. Dass sie mal zur überzeugten Hanfverfechterin werden würde, hätte sich die gelernte Verkäuferin nicht träumen lassen. Bis sie mal in der Ausstellung aushelfen sollte.

An langen Winterabenden informierte sich Pleha über die Pflanze – und war fasziniert von deren Eigenschaften. Aber auch stutzig über die Reduzierung des Hanf auf eine Droge. Seitdem googelt sie regelmäßig im Internet nach Erzeugnissen und Herstellern, um neue Produkte in den Hanfshop zu stellen. "Es wird geschätzt, dass es weltweit zirka 50 000 verschiedene Produkte aus Hanf gibt", sagt Pleha.

Sie fungiert außerdem als Geschäftsführerin des Campingplatzes von Reingers. Das Betriebsgebäude ist im Stil einer traditionellen Hoarstubn gebaut worden. In solchen Haarstuben wurde in früheren Zeiten die Hanffaser, also das Haar, getrocknet und verarbeitet.

Ein österreichisches Provinznest auf dem Hanftrip – das lässt aufhorchen. Doch es ist kein künstlicher Werbegag, die Ernennung zum Hanfdorf hat einen realen Hintergrund: Hanf ist eine uralte Kulturpflanze und blickt im Waldviertel auf eine lange Tradition zurück. Als Lieferant für Textilfasern und als Nahrungsmittel. Doch die heutigen Anbauflächen sind stark geschrumpft. Grund ist das jahrzehntelange, umstrittene Anbauverbot. Seit 1996 darf in der Europäischen Union wieder so genannter Nutzhanf kultiviert werden. Mit hohen Hürden: Bauern erhalten, wenn überhaupt, nur geringe Subventionen. Und das, obwohl die überragenden Eigenschaften als Ökorohstoff für Nahrung, Medizin und Werkstoffe seit langem bekannt sind.

Hanf ist ein ausgesprochen umweltfreundliches und nachhaltiges Produkt. Doch Anbau und Produktion werden kontrolliert, als habe man es mit dem Leibhaftigen zu tun. Dabei sind die Bedenken gerade in Reingers unnötig. "Ich pass’ schon auf, dass der richtige Hanf angebaut wird", sagt Christian Schlosser mit einem Augenzwinkern. Im Hauptberuf ist der Bürgermeister übrigens Polizist.

"Das Leben wird mit Hanf nicht leichter", sagt Marianne Houschko, "in der ganzen Diskussion um Hanf ist viel Unwissen und Hysterie im Spiel." Houschko ist Betriebsleiterin einer Hanfmanufaktur im benachbarten Heidenreichstein. Auch sie entspricht in keiner Weise dem Klischee einer dauerbekifften Hanfaktivistin. In dem Unternehmen werden die drei bis vier Millimeter großen Hanfsamen, auch Hanfnüsse genannt, weiterverarbeitet. Etwa zu Hanfnussöl.

Durch die strengen Auflagen hat der Hanf seine berauschende Wirkung auf die Landwirte verloren. Erst recht, weil der Nutzhanf jene Stoffe, um die sich alle Kifferträume drehen, nur in geringsten Mengen enthält: die Cannabinoide. Allen voran das Tetrahydrocannabiol, kurz THC.

Und dennoch muss sich Wolfgang Uitz, der Dorfwirt, permanent der Fragen von ulkigen Gästen erwehren. Etwa, ob man von der Hanftorte, die im Dorfgasthof stilecht mit einem Cannabisblatt auf der Serviette serviert wird, high werde. "Wennst 72 Kilo davon isst, spürst was", ist seine Standardantwort. Oder, ob das Hanfbier, das Uitz ausschenkt, nicht ein Rauschgift sei. "Kloar", entgegnet dann Uitz, "wennst zu viel davon trinkst, host du an Rausch und deine Frau a Gift." Wobei Gift im Dialekt für Wut und Ärger steht.

Das mit den 72 Kilogramm hat übrigens mal ein Experte ausgerechnet, um Bedenken von hysterischen Zeitgenossen zu zerstreuen. Was nicht immer auf Anhieb gelingt. Noch heute belustigt man sich in Reingers an der Geschichte einer Touristin aus Stuttgart, die ihrem Enkel als Mitbringsel Hanfbonbons schenkte. Knallbunt und legal. Der Gymnasiast zeigte die Teile stolz im Klassenzimmer herum – und wurde wenig später zum Rektor der Sindelfinger Schule zitiert. Dabei enthielten die Bonbons als einzigen Suchtstoff Zucker.

Vermutlich war der Schulleiter noch nie im Waldviertel, geschweige denn hat er sich dort über Nutzhanf informiert. Dann hätte er sich ganz entspannt nicht nur an den sattgrünen Hanffeldern und den typischen, teilweise uralten Bauernhäusern erfreuen können. Sondern auch an den Burgen und Schlössern, etwa der fotogenen Wasserburg in Heidenreichstein. Oder er hätte seine Nerven beim Angeln an einem der allgegenwärtigen Fischteiche beruhigen können. Oder bei der Oldtimer-Traktor-Weltmeisterschaft, die jährlich Tausende Besucher nach Reingers lockt.

Bei dem Rennen kämpfen internationale Teams mit getunten Treckern volle 24 Stunden lang um den ersten Platz. Der Sieger erhält aber weder ein Krönchen noch ein maßgeschneidertes Dirndl – sondern das Goldene Hanfblatt von Reingers.

Reingers

Anreise: Über die A 8 über München nach Salzburg. In Österreich über die A 1 nach Linz, weiter auf der A 7 bis Gallneukirchen. Auf der B 310 bis Freistadt, auf der B 38/41 nach Schrems, dort auf die B 5 Richtung Tschechien.
Übernachten: Im Gasthaus Uitz gibt es nicht nur Hanftorte und Hanfbier, sondern auch Hanfgemüse, Hanf-Cordon-Bleu und Karpfen in Hanfpanade. (Internet: http://www.uitz.co.at
Camping: Der Campingplatz liegtidyllisch am Waldrand in der Nähe des Müllerteichs (http://www.reingers.at
Internet: http://www.niederoesterreich.at www.waldviertel.at, http://www.hanfdorf.at  

Autor: cyri

Autor: Martin Cyris (Text und Fotos)