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02. April 2015

Überleben im Schafspelz

Warum sich Zivilisation in Island ohne wuselige Wollwesen schlecht vorstellen lässt.

  1. Liebeserklärung in Buchform: Caroline Kerstin Mende mit Buch und zwei ihrer Schafe Foto: Örn Þórarinsson

Wer das isländische Hochland auf der holprigen Sprengisandur-Piste durchquert oder in der Einöde des Ódáðahraun – in der sogenannten Missetäterwüste – unterwegs ist, dem kann es passieren, dass er stundenlang keiner Menschenseele begegnet. Die Landschaften sind unwirklich. Und oft atemberaubend schön. Viele Reisende beschleicht das Gefühl, auf einem anderen Planeten zu sein. Absolute Stille, unendliche Weiten, Einsamkeit. Wie Vorboten der Zivilisation wirken dann drei wuschelige Wollbüsche, die urplötzlich zwischen bizarr geformten Lavafelsen auftauchen und – kaum, dass sie der vermeintlichen Gefahr gewahr werden – flink auf ihren seltsam dürren Beinchen davonwuseln.

Schafe hatten für die Entwicklung der Zivilisation auf der Vulkaninsel im Nordatlantik eine enorme Bedeutung. Und noch immer stammt ein Fünftel des Gesamtertrages der isländischen Landwirtschaft aus der Schafzucht. Grund genug für die deutschstämmige Autorin und Islandkennerin Caroline Kerstin Mende, diesen genügsam-sympathischen Geschöpfen ein ebenso faktenreiches wie reichbebildertes Buch zu widmen, an dem Islandfreunde und Schafliebhaber gleichermaßen Freude haben werden.

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476 000 "wintergefütterte" Schafe wurden Ende 2013 in Island gezählt – hätte die Erhebung ein paar Monate früher stattgefunden, wäre man auf mehr als eine Million Exemplare gekommen. Was erahnbar macht, womit die Züchter den Großteil ihrer Einnahmen erzielen. Isländisches Lammfleisch gilt bei Einheimischen und Touristen als Delikatesse. Butterzarte Filets, Keulen oder Koteletts werden bis in die USA oder nach Hongkong exportiert. Die Isländer selbst verwerten sämtliche Einzelteile der Tiere, wobei es traditionelle Gerichte gibt – wie zum Beispiel gesengter Schafskopf –, die sicherlich nicht jedermanns Geschmack treffen. Wer allerdings schon mal Hákarl, den berühmt-berüchtigten isländischen Gammelhai probiert hat, den wird auch Súrsasir Pungar, eine gern zum beliebten Schaffest Anfang Februar gereichte Hodensülze, nicht schrecken. Auf Schafmilchprodukte freilich werden die Festgäste vergebens warten – sie spielen so gut wie keine Rolle mehr. Dem war nicht immer so.

Der Herbstabtrieb ist ein

gesellschaftliches Ereignis

Ab dem späten Mittelalter bis weit ins 19. Jahrhundert hinein war die Rinderhaltung wegen des deutlich kälteren Klimas schwierig. Was blieb den Nachfahren der Wikinger anderes übrig, als Käse, Butter und Skyr aus der Milch ihrer Wolllieferanten zu machen? Den pragmatisch veranlagten Isländern von heute jedoch, scheint die mühselige Schafmilchproduktion zu aufwändig zu sein.

Jahrhundertelang waren es Schafe, die den Menschen am äußersten Rand der bewohnbaren Welt das Überleben sicherten. Früher wurden sämtliche Kleidungsstücke aus wärmender Schafwolle, aus Schaffell oder aus Schafleder gefertigt. Zwar sind die Zeiten vorbei, in denen Jung und Alt, Kind, Mann oder Frau jede freie Minute für das Stricken von Handschuhen, Socken oder Pullovern nutzten. Gleichwohl erfreuen sich Strickwaren aus hochwertiger Islandwolle gerade auch in Deutschland großer Beliebtheit.

Die grimmigen Wintermonate verbringen die meisten Schafe im geschützten Stall. Den kurzen nordischen Sommer jedoch genießen viele ein ursprünglich-raues Wildschafleben auf abgelegenen, unberührten Gebirgs- und Hochlandweiden. Anfang bis Mitte September werden sie wieder in bewohntes Gebiet zurückgetrieben. Dieser Herbstabtrieb ist noch immer ein gesellschaftliches Ereignis ersten Ranges. Ohne trittsichere Islandpferde und ausdauernde Border Collies wäre das Einsammeln der oft weit versprengten Tiere ein aussichtsloses Unterfangen. In großen Herden geht es schließlich in einen der 170 Sammelpferche, wo die jeweiligen Besitzer mit großen Bohei versuchen, ihre Tiere auszusortieren.

Caroline Kerstin Mende beschreibt das alles sachkundig und mit ansteckender Liebe zu den Tieren und zu Land und Leuten. Seit vielen Jahren lebt sie mit Hund, Pferden und Schafen im Skagafjörður im dünn besiedelten Norden der Insel, wo sie auf ihrem kleinen Hof Workshops rund um das Thema Islandschaf anbietet.

Übrigens: Wer ihr Buch "Das Islandschaf – (eierlegende) Wollmilchsau" ganz genau gelesen hat, den nimmt es nicht mehr Wunder, weshalb diese wuseligen Wollwesen fast immer zu dritt unterwegs sind...

Caroline Kerstin Mende, Das Islandschaf – (eierlegende) Wollmilchsau, Verlag Alpha Umi, 60 Seiten, 8,90 Euro. Das Buch ist im Buchhandel erhältlich oder kann per E-Mail an schaf@verlag-alpha-umi.de bestellt werden (zuzüglich 2 Euro Versand).

Autor: Karlheinz Schiedel