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05. Oktober 2012

Das Picknick ist angerichtet

Mit dem Genussrucksack am Kaiserstuhl.

  1. Wasser, Wein und Aussicht: Der Genussplatz am Kleinterrassenpfad bei Schelingen ist für die Freunde aus dem Nahen Osten der schönste Platz in ganz Deutschland. Foto: Manuela Müller

  2. Alles drin fürs Vesper und die Weinverkostung: Genussrucksack vom Weingut Schätzle Foto: Manuela Müller

Der Wind aus Richtung Vogesen zerzaust die Haare. Er will die Wurst, den Käse und die Eier davontragen. Die fast leere Weinflasche dient als Gewicht: Wir beschweren damit die Essensbox. Derweil glitzert die Sonne auf den Weingläsern. In grünen Wellen schmiegen sich die Reben an die Hänge des Kaiserstuhls. Ein Seufzen entfährt unseren Freunden aus dem Nahen Osten. Sie sitzen am Tisch des ersten Genussplatzes mit Infotafel, Fernrohr und Aussicht. Aussicht auf Badberg, Totenkopf, Oberbergen und einen Teil des Rheintals. Das ist der schönste Platz in ganz Deutschland, meinen die Freunde. Sie nippen beseelt am Grauburgunder. Die Kinder schnuppern eifrig an Gräsern, Kräutern und Blüten.

Wir sind satt. Um die Verpflegung mussten wir uns heute aber nicht selbst kümmern. Das Vesper mit Wein, Wasser und Traubensaft hat uns Friederike Schätzle gepackt – in einen Genussrucksack. Mit dem wandern wir hinter dem Weingut Schätzle in Vogtsburg-Schelingen den Berg rauf, immer den Kleinterrassenpfad entlang, knappe drei Kilometer.

Die Sonne wärmt uns beim Aufstieg den Rücken. Den Kindern ist es zu steil und zu langweilig. Das ändert sich ab der nächsten Infotafel: Orchideen fühlen sich im Kaiserstuhl sehr wohl, steht da. Die Freunde staunen. Orchideen, die wild am Weinberg wachsen? Das wollen sie mit eigenen Augen sehen. Der Blick wandert auf Boden und Böschung. Orchideen erkennen wir keine. Aber schon nach zwei Metern jauchzen die Kinder: Schnell, eine Riesenheuschrecke! Sie ist so groß wie eine Maus und tarnt sich in ihrer schillernden Braungrünmischung am Wegrand. Eine Ödlandschrecke, lesen wir später auf einer der letzten Infotafeln der Genusswanderung um den Kirchberg.

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Andere Tiere wie die Smaragdeidechse oder der Bienenfresser machen sich heute rar. Egal, auch das Grünzeug ist unterhaltsam: Schulung des Geruchssinns steht auf dem Programm. Wer findet die Blätter des Wilden Rukola, wie riecht der Wilde Dost? Genau hinschauen, im Pflanzenführer blättern, an Blättern reiben! Die Mütter bekommen Margeriten ins Haar gesteckt. Und dann die entscheidende Entdeckung, der Beweis für die weitgereisten Freunde: eine Hummel-Ragwurz, einfach so im Gras. Ganz einsam zwischen grünen Halmen steht die wilde Orchidee am Wegrand und streckt uns ihre hummelig-pelzigen Köpfe entgegen. Die Blütezeit ist eigentlich schon längst vorbei. Aber der Ostseite des Kirchbergs schenkt die Sonne eben besonders viel Aufmerksamkeit. Und damit auch dem Wein.

Grauburgunder am ersten Genussplatz, Weißburgunder und Wasser für den Weg, Traubensaft für die Kinder, Spätburgunder am zweiten Genussplatz. Dort machen wir wieder Pause. Auf einer abgesenkten Terrasse sitzend, ein Glas Rotwein in der Hand und sattsehen. Nochmal so richtig Grün – bevor für uns der Winter beginnt und die Freunde in die heimatliche Hitze zurückkehren. Unter uns schlummert Schelingen, auf dem Forstweg tuckert ein Schmalspurschlepper, über uns kreisen Mäusebussarde. Hier könnten wir eine Weile bleiben. Schließlich ist das der zweitschönste Platz in ganz Deutschland, finden die Freunde. Doch der Regen droht.

Der Rucksack ist jetzt leicht, der Magen voll, das Gesicht warm, der Geist beschwingt. Und auch der Wind hat sich mittlerweile vom Kirchberg verabschiedet. Er ist im Elsass beschäftigt und treibt die Wolken zu einer dunkelgrauen Wand zusammen, die er Richtung Kaiserstuhl bläst. Über und unter der Wolkenwand versucht uns die Sonne ihre Kraft zu zeigen: gelb, rosa, pink. Wir haben aber gerade nur Augen für den Boden.

Schwarze Augitkristalle glitzern am Wegrand. Der Kirchberg zeigt uns ein hübsches Marmormuster aus Weiß, Braun und Schwarz: Kalkstreifen, Lössablagerungen, Vulkangestein, und dazwischen schillert es manchmal rot und blau. Vor etwa 15 Millionen Jahren versiegten die Lavaströme des großen Vulkans. Übrig blieb der fruchtbare Kaiserstuhl, wo Wein und Obst besonders gut gedeihen.

Nochmal kurz die Mauern aus Vulkangestein betastet, an Wildkräutern gerochen. Ein paar Schneckenhäuser verschwinden in Kinderhosentaschen. Aber dann geht es zügig bergab und gen Westen. Den Ortsrand von Schelingen streifen wir nur kurz. Unterhalb des Kirchbergs wandern wir zurück zum Weingut. Dort gibt es gesunden Nachtisch für uns: Tafeltrauben aus dem Schaurebgarten von Familie Schätzle. Zum Selberpflücken und Vergleichen. Und für die Reben: das nötige Wasser, das jetzt reichlich von oben kommt.

KAISERSTUHLWANDERUNG MIT GENUSSRUCKSACK



Was: Weinwandern mit dem Genussrucksack mit Wein, Wasser, Brot, Käse, Wurst, Ei, Obst

Wo: Vogtsburg-Schelingen

Weingut Schätzle, Heinrich-Kling-

Straße 38, Tel. 07662/94610,

http://www.weingutschaetzle.de oder

Köpfers Gasthaus zur Sonne,

Mitteldorf 5, Tel. 07662/276,

http://www.sonne-schelingen.de

Wann: nach Anmeldung spätestens am Vortag bis 12 Uhr

Wieviel: für zwei Erwachsene 30 Euro, für vier Erwachsene 50 Euro, 25 Euro Pfand für Genussrucksack, pro
Rucksack sind zwei Kinder inklusive  

Autor: manu

Autor: Manuela Müller