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13. Juli 2010

Sich verbeugen vor den Opfern

Stolpersteine gedenken den Friesenheimer Nazi-Opfern.

  1. „Hier wohnte : Gunter Demnig macht mit den Stolpersteinen die Verbrechen der Nazis greifbar. Foto: Wolfgang Künstle

FRIESENHEIM. Im Schatten des Gebäudes Friesenheimer Hauptstraße 58, heute Sanitär Hertenstein, hat der Künstler Gunter Demnig den letzten von insgesamt acht "Stolpersteinen" gesetzt. Das ist die symbolische Rückkehr für die neun jüdischen Bürger Friesenheims, deren Deportation 1940 den Zusammenbruch der jüdischen Gemeinde unter dem Zwang der nationalsozialistischen Herrschaft besiegelte.

Gunter Demnig wollte keine großen Worte verlieren, während er den Betonkubus mit der Messingplatte oben in die Asphaltdecke einließ. Er forderte die einzigen jüngeren Menschen, die dem Ritual beiwohnen, auf, aus dem Leben der deportierten Mitbürger zu lesen. Die ehemaligen Schüler der Klasse R10 der Friesenheimer Realschule hatten mit Lehrer Martin Buttenmüller und Ekkehard Klem vom historischen Verein Mittelbaden die Spuren jüdischen Lebens in Friesenheim gesucht und waren auf erschütternde Details der Deportation nach Gurs gestossen. Aus dem entstandenen Büchlein "Geschichte der Juden in Friesenheim" lasen die ehemaligen Schüler nun mit Ekkehard Klem. Die Erschütterung war manchem Jugendlichen anzuspüren. Eingeladen worden war Gunter Demnig auf Initiative der Gemeinderatsfraktion Grüne Liste Umweltschutz (GLU) . 2008 hatte der Gemeinderat die Stolpersteine beschlossen. Die Gemeinde beschäftigt sich aktiv mit dem Erinnern an die Deportation; ein Gedenkstein wurde 2007 gesetzt, hier wurde nun an die Einzelschicksale gedacht.

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Martin Buttenmüller, Vorsitzender des historischen Vereins Schutten, ermöglichte mit seinen Nachforschungen das Setzen dreier Stolpersteine in Schuttern. Zwar habe es dort keine Juden gegeben, sagte er, Opfer der NS-Diktatur seien aber Behinderte und Kranke geworden. Sie wurden im Schloss Grafeneck auf der Schwäbischen Alb getötet, den Angehörigen wurden Trostbriefe zugesandt. Ermordet wurden Erich Breger, Maria Enz und Karolin Breger. Erich Breger hatte eine Hirnhautentzündung, er litt danach unter epileptischen Anfällen und wurde deshalb von den Nazis umgebracht.

Gunter Demnig hat inzwischen über 25 000 Stolpersteine in 571 Städten und Gemeinden gesetzt. Sie werden ins Trottoir eingelassen – vor Häusern, in dem Menschen wohnten, die von den Nationalsozialisten verfolgt, verschleppt und ermordet wurden. Dazu zählen Juden, politisch Verfolgte, Zigeuner, Homosexuelle, Zeugen Jehovas und Opfer der Euthanasie. Auf dem Stein steht "Hier wohnte..." und die Jahreszahlen von Geburt/Einzug und der Deportation. Jeder neue Stein stelle ihm die Zahl der Opfer vor Augen, sagt der Künstler. Über die Stolpersteine stürze man nicht mit den Füßen, sondern mit dem Kopf, vielleicht mit dem Herzen. Und, so fügte er hinzu: "Man verbeugt sich beim Lesen vor den Opfern."

Die Liste der Friesenheimer Opfer der Gewaltherrschaft: Delphine und Maria Haberer, Bahnhofstraße 13 (kein Stolperstein); Blandina und Hugo Greilsheimer, Friesenheimer Hauptstraße 38; Brunhilde und Alfred Levi, Friesenheimer Hauptstraße 87/89; Miriam und Joseph Herschel Greilsheimer, Friesenheimer Hauptstraße 95; Ludwig Greilsheimer, Bärengasse 1; Flora Agatha Greilsheimer, Lahrgasse 14 (heute Synagogengasse).

Info: "Geschichte der Juden in Friesenheim" von Ekkehard Klem und Schülern aus Friesenheim. Bezug über die Gemeinde Friesenheim oder historischen Verein.



Autor: Stefan Pöhler