Frühere Stoffdrucker werden Sänger

Barbara Ruda

Von Barbara Ruda

Fr, 24. August 2018

Lörrach

Die Musikgruppe Spätzünder engagiert sich sozial / Repertoire besteht aus 156 Liedern / Beginn mit Besuchen in Seniorenheim.

LÖRRACH. Seit 20 Jahren singen die Spätzünder ehrenamtlich in Altenheimen und Pflegeeinrichtungen in der Stadt und im Kreis mit den Bewohnern, und auch bei anderen Anlässen wie Kaffeenachmittagen von Kirchengemeinden bereiten sie Menschen mit ihrer Musik Freude.

Entwickelt hat sich das aus einer Idee von Uwe Kimmler, Gerhard Kamenisch und Heinz Bau. Als die Drei bei der KBC in den Ruhestand gingen, wollten sie sich im sozialen Bereich engagieren. Über die Diakonie machten sie sich schlau, wo sie gebraucht würden – und landeten erst einmal an einem Herrenstammtisch im Margaretenheim. "Weil die Männer dort sich einfach nicht von selbst unterhielten", blickt Uwe Kimmler zurück.

Die KBC-Pensionäre setzten sich also dazu und begannen zu erzählen, etwa über ihre Berufserfahrungen. Irgendwann war alles berichtet. Da drehte das Trio den Spieß um und forderte die anderen auf: "Jetzt seid ihr dran." Die Gesprächsrunde funktionierte.

Als Uwe Kimmler im Margaretenheim seine ehemalige Klavierlehrerin Maria Feldmann wieder traf, fand er, man solle dort doch mal etwas mit Musik probieren. Und so entwickelten sich aus den Herrenstammtisch-Plauderern "Drei Mann und ein Klavier". Nebenbei gründeten die ehemaligen Arbeitskollegen auch noch eine Rollstuhlgruppe und fuhren fortan bis zu 15 Rollstuhlfahrer spazieren – je nach Wetter in Parks oder auch mal in Kaufhäuser. "Das geht auch schon 18 Jahre", blickt Gerhard Kamenisch zurück. "Und zwar alle 14 Tage. Singen tun wir jede Woche." Mehrmals mittlerweile, und das Einsatzgebiet reicht bis nach Rheinweiler und Zell im Wiesental.

Filmkomödie inspiriert Septett als Namensgeber

Das ehrenamtliche Engagement kostet die Herren viel Zeit. Zwischenzeitlich zum Septett vergrößert brauchten sie einen neuen Namen. Die Wahl fiel auf Spätzünder – nach der gleichnamigen Filmkomödie aus dem Jahr 2010. "So haben wir es uns nie vorgestellt", sinnieren Kamenisch und Kimmler. Ute Hammler, die jetzige Seniorenbeauftragte der Stadt, gab letztendlich den Anstoß, dass die Spätzünder über die Stadtgrenzen hinaus bekannt wurden. Sie schlug die Sänger nämlich für den BELA-Preis vor, was für Bürgerliches Engagement für Lebensqualität im Alter steht. Eines Tages bekam Uwe Kimmler einen Anruf aus Stuttgart, das die Spätzünder einen Preis in der Kategorie Musik für kleinere Gruppen gewonnen hatten. In der Folge traten sie mehr als 100-mal pro Jahr auf.

Ihr Repertoire besteht aus 96 alten Volksliedern und etwa 60 Schlagern, sie singen in zwei Blöcken. "Die Lieder passen genau für Senioren. Sie können mitsingen, mitsummen oder mitschunkeln." Die Spätzünder erfüllen auch Wünsche, zum Beispiel, wenn jemand am Geburtstag ein bestimmtes Lied hören möchte. Immer wieder kommen auch neue dazu – Renner wie "Der Wilde Westen", wie Uwe Kimmler erklärt. Bei den Volksliedern gebe es ganz bestimmte, die die Senioren immer wieder hören möchten. "Lilly Marlen" sei so eines.

Bei ihren Auftritten gebe es viel Spaß, aber auch Momente, die etwas weh täten, so Kamenisch. Aber dann werde wieder gewunken und gelacht. "Man kriegt immer etwas zurück." Auch Leute mit Demenz wachen auf und sind plötzlich voller Leben, wenn sie bestimmte Musik hören, denn die Musik ist das, was ganz zuletzt verloren geht. Die Spätzünder erinnern sich an eine Dame im Margaretenheim, die auf einer Liege lag und sich nicht bewegte. "Nicht einmal ein Augenzwinkern", präzisiert Uwe Kimmler. Als Lilly Marlen angestimmt wurde, klopfte sie dann aber den Takt mit einem Finger mit. Gerhard Kamenisch sagt: "Sie konnte sich nur nicht artikulieren." Die Spätzünder sind nach eigenen Angaben relativ robust, lassen die Einzelschicksale nicht zu sehr an sich herankommen. Anderseits werde ihnen immer wieder bewusst, dass sie zufrieden sein können. "Wir sind ja noch gut drauf."

Üben nur zweimal jährlich, aber den ganzen Tag lang

Üben müssen die sieben Männer, zu denen neben dem Gründungstrio Theo Birk, Reiner Bauer (Gitarre), Horst Bachmann und als jüngster Neuzugang Hans Kammerer (Bass) gehören, nur noch zwei Mal im Jahr – dann aber einen ganzen Tag. In der Wohnresidenz am Engelplatz trifft man sich dazu, und ein paar Frauen freuen sich, dabei zuzuhören und zu stricken.

Für ihre Auftritte berechnen die Sänger lediglich die Fahrkosten. Von diesem Geld gehen sie einmal im Jahr mit ihren Ehefrauen essen. Weil sie immer so lange auf sie verzichten müssen, wie Kamenisch und Kimmler erklären. So ein Mahl gab es im Juli auch zur Feier des 20-jährigen Bestehens im Stettemer Weinkeller. Dieses Jahr sind die Spätzünder ausgebucht, und für das Jahr 2019 stehen auch schon Termine im Kalender.