Beseelte Weine

Weinbau nach den Lehren Rudolf Steiners

Jochen Schmid

Von Jochen Schmid

Mi, 02. März 2011 um 09:36 Uhr

Gastronomie

Jacob Duijn baut bei Bühl einen feinen Spätburgunder an – nach Rudolf Steiners Rat mit Biodynamik und Mist von trächtigen Kühen . Bis heute sind die Holländer nicht gerade bekannt für ihren Weinbau.

Käse und Tulpen, das ja; aber Spätburgunder? Da musste erst Jacob Duijn kommen. Er ist ein strohblonder Niederländer, spricht Wurzel aus wie "Wurschel" und ist in den Rebhängen über Bühl daheim. Dort, an den sanften Hügeln des Schwarzwalds, baut Jacob Duijn einen Wein an, der es in sich hat. Der den Kosmos in sich hat. Denn Duijn erzeugt einen Spätburgunder, der auf dem Mist der Anthroposophie gewachsen ist. Er reift nach den biodynamischen Vorgaben des Rudolf Steiner.

Wie es dazu kam? Jacob Duijn (56) ist als Winzer Autodidakt. Sein Vater war Chemiker in einer Salzfabrik, er selber lernte Kellner. Er landete bei Mövenpick in Hannover und legte den Grundstock seines Weinwissens in Seminaren der Mövenpick-Kellerei in Bursins über dem Genfersee. Als Sommelier arbeitete er unter anderem im Schlosshotel Bühler Höhe bei Baden-Baden und bei Eckart Witzigmann im Münchner "Aubergine". Dann wieder war er Weinvertreter, zum Schluss Verkaufsleiter für eine namhafte Bremer Weinhandelsfirma. 1994 endlich kaufte sich Duijn seinen ersten, steilen Weinberg auf dem Bühlertaler Engelsfelsen.

Und las sich in die Kunst des Weinbaus ein. Inzwischen bewirtschaften er und seine Lebensgefährtin Anne Seifried oberhalb von Bühl 6,6 Hektar Land und produzieren 20 000 Liter Rotwein im Jahr. So guten, dass die Fachwelt staunt und auch der Laie sich wundert. Schon 2005 erhielt Duijns Betrieb das Prädikat "Weingut des Jahres". Der aktuelle Gault-Millau führt ihn mit drei von fünf möglichen Trauben. Der renommierte "Eichelmann"-Weinguide goutierte seinen Wein 2009 und 2010 mit fünf von fünf möglichen Sternen. Die "Eichelmann"-Experten formulierten es so: "Es grenzt an ein Wunder, in welch kurzer Zeit Jacob Duijn es geschafft hat, Spätburgunder von solcher Klasse zu erzeugen." Er selbst sieht den Erfolg ganz bescheiden reifen: "Wir lernen jeden Tag etwas dazu."

Das Wundersame, das sich auf dem Weingut Duijn ereignet, hat einen Namen: Biodynamik. Über Biodynamik kann Duijn sich besoffen reden. Und so nähern wir uns dem wahren Geheimnis seiner Winzerkunst, das eigentlich gar keines ist. Was er da so erfolgreich anwendet, sind die Lehren Rudolf Steiners, des Begründers der Anthroposophie. 1924 hatte Steiner in Breslau eine Vorlesungsreihe abgehalten, den "Landwirtschaftlichen Kurs". Es ist das Manifest eines Landbaus, der den Boden nach kosmischen Rhythmen bewirtschaften will.

Ein galaktischer Schwindel! schimpfen heute die Kritiker. In Jacob Duijn aber fand die Biodynamik nach Rudolf Steiner 2004 einen neuen Jünger. Seit bald sieben Jahren vergräbt Duijn in seinen Weinbergen nach strengem Ritual "Hornmist"; dazu füllt er das Kuhhorn (bekommt er vom Metzger) mit den Hinterlassenschaften von (unbedingt!) trächtigen Kühen eines biodynamisch wirtschaftenden Hofes. Oder er verbuddelt "Hornkiesel", ein ins Horn der Kuh gefülltes pulverisiertes Bergkristall. Er brüht "Tees" aus Ackerschachtelhalm, Schafgarbe, Löwenzahn oder Kamille auf und versprüht sein "dynamisiertes Wasser" über den Weinberg.

Er sät und erntet (und mäht selbst das hohe Gras) nach dem Mondkalender der Maria Thun. Bei Duijn darf die Brennnessel wieder wachsen, weil sie den Weinberg "zur Ruhe bringt", und die Schnecke zurückkehren, weil sie den Weinberg "aufräumt". Und dereinst soll ("das wäre mein Traum") ein vom Pferd gezogener Pflug das Land zwischen seinen Reben zerfurchen, da freuen sich die Mikroorganismen noch einmal mehr. Was sagen die Winzerkollegen in Bühl darüber, Herr Duijn? "Der spinnt, der Duijn", zitiert er sie und lacht.

Derzeit, mitten im Winter, bringt er den Mist im Weinberg aus, den er mit Kamille, Schafgarbe, Eichenrinde, Baldrian und Brennnessel versetzt hat. Und er versprüht den Tee vom Ackerschachtelhalm. Das geschieht, "um den Mehltau in die Erde zu lenken". Denn da gehöre er hin und nicht auf die Blätter, sagt Duijn. Und dann werden natürlich die Reben beschnitten, in den sogenannten "Fruchttagen" und immer nach den Mondphasen. Es ist schon eine rechte Geheimwissenschaft, der biologische Landbau nach den anthroposophischen Vorgaben.

Was hat den Spinner von Bühl dazu gebracht, auf Steiner zu setzen und inzwischen dem Demeter-Verband der Biodynamiker anzugehören, Mitgliedsnummer 10478? Ein Erweckungserlebnis? Nichts da, meint er. Weise Freunde aus der Anthroposophenszene gaben und geben ihm die Tipps. Der Rest ist viel Arbeit, ein täglich neues Abenteuer im Weinberg und, so sieht er das, ein ständiger Demutsbeweis an unsere Lebensgrundlagen.

"Back to the roots" nennt Duijn seine Philosophie, "schuruck zu den Wurscheln", wie der Holländer sagt. Der Erfolg gibt ihm in seinen Augen recht: "Unsere Weine werden immer eleganter", mehr noch: "Sie sind sexy." Der Jahrgang 2010 legt noch einmal zu: "Das wird ein schöner Jahrgang, die Qualität geht nur nach oben." Das liegt an der zunehmenden Kräftigung von Boden und Rebe, der er sich verschrieben hat.

Als Esoteriker sieht sich Duijn nicht, auch nicht als Anthroposoph, noch nicht einmal als Grüner. Er will nur einen immer besseren Wein produzieren. Ab und an raunt es dann aber doch sehr biodynamisch durch sein Weinlaub. Man solle mal in Ruhe eine Flasche seines Spätburgunders kosten, meint Jacob Duijn, "dann fängt der Wein an zu erzählen, wie er sich fühlt und wie er ist." Wir haben das dann an einem "Jannin – Altschweier Sternenberg" des Jahrgangs 2006 ausprobiert. Und der Wein hat uns ziemlich schnell erzählt, dass er sich im Glase äußerst wohlfühlt und einer der besten Spätburgunder ist, den wir aus einem Anbaugebiet östlich des Rheins je getrunken haben.

Und was unternimmt Jacob Duijn am Geburtstag des großen Meisters? Klar, da muss ein Fass aufgemacht werden oder immerhin ein Fläschchen. Duijn trifft sich mit Gesinnungsgenossen zu einer privaten Weinprobe. Getrunken werden alte Sauvignon blancs und Sémillons von der Loire, kreiert vom Vorreiter der biodynamischen Bewegung, Nicolas Joly. Beseelte Weine. Rudolf Steiner selbst predigte übrigens lieber Wasser als Wein und warnte: "Wer hinaufkommen will in die höheren Gebiete des Daseins, der muss sich jeden Tropfens Alkohol enthalten." Trotzdem: Zum Wohlsein!

Informationen unter: http://www.weingut-duijn.com