Gemalte Grundbücher

Herbert M. Hurka

Von Herbert M. Hurka

Mi, 28. März 2018

Kunst

KUNST IN KÜRZE: Aboriginekunst in der Galerie Artkelch, Ingo Glass in der Stiftung für Konkrete Kunst und Angelika Ecker-Pippig/Sabine K Braun in der Galerie Claeys.

Galerie Artkelch
Jerusalems Klagemauer, das Petrusgrab im Vatikan oder die Kaaba in Mekka: Heilige Orte sind streng ausgegrenzt aus der geschäftigen Alltagswelt. Dem magischen Denken der Naturvölker hingegen läge nichts ferner, als das Leben in Heiliges und Profanes aufzuspalten. Eine Vorstellung davon, wie die australischen Aborigines ihr mythisches Weltverständnis in Bildern ausdrücken, vermittelt die Ausstellung "Ngura Ninti – Knowing Country" in der Freiburger Galerie Artkelch.

Anhand der Werke von 18 Vertretern und Vertreterinnen der Aboriginekunst sowie dem ausliegenden Textmaterial lässt sich ein fundiertes Verständnis des mythischen Universums der australischen Urbevölkerung gewinnen. Ganz gleich, womit diese Bilder das Auge affizieren – mit ihrer Farbenpracht, den mäandernden Formen oder rätselhaften Zeichen: Nie handelt es sich um Kunst um ihrer selbst willen, denn jedes Detail ist von kosmischer Tragweite. Entsprechend geregelt ist nicht nur, wer was malen darf, sondern auch der Gebrauch der Symbole oder die Kartographierung der heiligen Territorien, in der sich ein Jahrhunderte alter Widerstand gegen die britische Kolonisierung manifestiert.

Dass Kunstwerken jedoch der Status von Grundbüchern zukommt, dürfte in der Kolonialgeschichte einzigartig sein. 1976 nämlich erkannte die australische Regierung nicht zuletzt aufgrund ebensolcher Bilder den Rechtsanspruch der Aborigines auf angestammte Gebiete an. Wie überall auf der Welt, so zeigt sich auch hier, dass heilige Orte immer auch politischen Sprengstoff bergen.

Stiftung Phleps
Ein absolutes Gegenmodell zu der mythischen Welttotalen der Aborigines formuliert sich in der Konkreten Kunst durch deren programmatische Zurückweisung jedweder Dinglichkeit sowie in der Reduktion auf geometrische Grundfiguren.

Mit Ingo Glass präsentiert die Stiftung Roland Phleps einen Protagonisten des Genres. Allein der Ausstellungstitel "Drei Formen, Drei Farben" bezeichnet das ganze künstlerische Projekt. Der im rumänischen Temeschburg geborene und in Budapest lebende Künstler kombiniert seine drei Grundformen zu Skulpturen und Wandobjekten. Die Statik der dogmatischen Form-Farb-Kopplung von Kreis und Rot, Quadrat und Blau, Dreieck und Gelb bricht auf in den gegen Unendlich strebenden Variationsmöglichkeiten, die ein reduktionistisches System naturgemäß auswirft.

Einmal in Bewegung gesetzt, ist es, als variierte sich diese modulare Struktur von selbst weiter zu immer neuen, überraschenden Kompositionen. So verblüffen die Werke dieses freigesetzten künstlerischen Prozesses insbesondere durch ihre Schwerelosigkeit. Ein nach dem Prinzip eines Steckbaukastens auf den Spitzen sich treffendes Dreieckspaar oder Halbkreise, die in den leeren Fenstern ausgeschnittener Quadrate balancieren, vermitteln eine Idee vom Reiz der Immaterialität, die der Geometrie trotz oder gerade wegen ihrer Strenge eine besondere Aura verleiht.

Galerie Claeys
Ebenfalls bekannt aus dem Geometrieunterricht zeichnen sich Trapez, Raute oder Rhombus durch ihre klare Präzision aus. Angelika Ecker-Pippig, die zusammen mit Sabine K Braun die Ausstellung "Two different figures" in der Galerie Claeys bestreitet, baut ihre Bilder aus solchen geometrischen Figuren auf. Die zu Farbfeldern intensivierten Rauten und Dreiecke zentrieren sich wie bunte Kaleidoskopsplitter, während Trapeze sich achsensymmetrisch zu abstrakten Architekturen auftürmen. Mit "Pink in center" oder "The big orange" zitiert sich nur eine kleine Auswahl der Farbadjektive, die in den Bildtiteln über die Intentionen der Künstlerin informieren. Nicht zuletzt daraus nämlich erklären sich die dualistischen Anordnungen, die wie aus zwei selbständigen Bildern montiert sind und zwei Paletten zeigen: Beispielsweise grenzen sich kühle Türkis- und Hellblaumischungen ab von einem warmen Kolorit aus braunen, orangen und roten Farbtönen.

Allerdings verfolgen diese Antithesen kein didaktisches Programm, sondern spiegeln Stimmungen wider, sodass die unpersönliche Geometrie sich emotional auflädt. Ergänzt werden die farbstarken Tafelbilder von den filigranen Papierobjekten Sabine K Brauns. Von der Decke hängende luftige Raster schließen sich entweder zu sphärischen Kugelformen oder öffnen sich blütenartig in den Raum.

Galerie Artkelch, Freiburg, Günterstalstr. 57. Bis 11. April, Mi bis Fr 11-18, Sa 10-14 Uhr.
Stiftung für Konkrete Kunst
Roland Phleps, Freiburg, Pochgasse 71-73. Bis 29. April, So 11–13.30 Uhr.
Galerie Claeys,
Freiburg, Kirchstr. 37. Bis 4. Mai, Do, Fr 15–18 Uhr, 24. März bis 7. April geschlossen.