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30. November 2015 14:54 Uhr

Medizin

Erkältungszeit: Kombi-Präparate sind besser als ihr Ruf

Herbst und Winter ist Erkältungszeit. Dementsprechend sind Kombinationspräparate gegen Fieber, Schnupfen und Gliederschmerzen in den Apotheken viel gefragt. Was taugen sie?

  1. Gegen eine Erkältung ist kein Kraut gewachsen, doch die Symptome können gelindert werden. Foto: dpa

Unter Experten werden sie weniger geschätzt, sie gelten dort als Schrotschuss-Therapie: ungenau, überteuert und teilweise sogar riskant. Es gibt allerdings Studien, die das Gegenteil zeigen – und auch die praktische Anwendung regt zum Umdenken an. Ein Teil der umstrittenen Mittel scheint reif für eine Image-Korrektur.

Lieber einen heißen Tee?

Grippostad, Aspirin Complex, Doregrippin oder Erkältungssirup von Wick – für viele Patienten gehören sie zu den treuen Begleitern im Kampf gegen die Erkältung. Glaubt man der Stiftung Warentest, sollte man sich das Geld allerdings lieber sparen und stattdessen heißen Tee trinken. Im Dezember 2013 urteilten die Verbraucherschützer, dass die Kombis "nicht sinnvoll" zusammengesetzt und "überteuert" seien. Im Februar 2014 kommt der Pharma-Experte Peter Sawicki im Spiegel zu einem ähnlichen Resümee, einige der Mittel hielt er sogar – wegen potentieller Nebenwirkungen – für "bedenklich".

Ludger Klimek, Professor am Wiesbadener Zentrum für Rhinologie und Allergologie, wundert sich über solche pauschalen Negativ-Statements. Er empfiehlt eine differenziertere Betrachtung der Präparate. Die Ursache könne man beim Schnupfen, der durch unterschiedlichste Viren ausgelöst wird, ohnehin nicht therapieren. "Also geht es bei ihm im Wesentlichen darum, eine symptomlindernde, also abschwellende und entzündungshemmende Wirkung zu erzielen", so der HNO-Mediziner. "Und da kann man mit der richtigen Wirkstoffkombination schon einiges erreichen." So könne man etwa Ibuprofen oder Paracetamol durchaus sinnvoll mit Phenylephrin oder Pseudoephedrin kombinieren. Die eine Substanzgruppe senke das Fieber und hemme Entzündungen im Körper, die andere schwelle die Schleimhäute ab.

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Für die letztgenannten Wirkstoffe bietet die Verarbeitung in einem Kombi-Präparat, das als Saft oder Tablette eingenommen wird, überdies eine deutliche Erweiterung ihres Wirkungsradius. Denn sie gelangen dadurch über Verdauungstrakt und Blutkreislauf auch in die versteckten Winkel der Atemwege. Die abschwellenden Nasensprays schaffen das nicht, ihre Wirkung bleibt auf die äußeren Bereiche beschränkt – dort, wo der Sprühnebel hinkommt.

Das Nebenwirkungsrisiko halten die Forscher für vertretbar

Aktuelle Studien bestätigen das Multi-Wirkprinzip der Kombis. So hat ein Forscherteam der Cochrane-Collaboration, ein internationales Netzwerk unabhängiger Wissenschaftler, 27 klinische Arbeiten dazu gefunden. Dabei haben sich vor allem die Dreier-Kombis aus Schmerzmittel und einem abschwellendem Wirkstoff sowie einem entzündungshemmenden Antihistamin nach vorne gespielt. Aber auch andere Kombinationen zeigten, dass sie die Dauer und Schwere der Erkrankung günstig beeinflussen können. Das Nebenwirkungsrisiko befanden die Forscher bei allen untersuchten Präparaten als vertretbar.

Ron Eccles forscht an der walisischen Cardiff University bereits seit fast 30 Jahren an Erkältungen. Er hält die Kombis ebenfalls für eine "sinnvolle Therapieoption". So betonen zwar Skeptiker immer wieder, dass man sie im Unterschied zu Einzelpräparaten nicht steuern könnte. Sie würden Patienten auch dann noch mit einem Schmerzmittel fluten, wenn dieser nur noch huste und schniefe. Doch Eccles sieht das anders. Die Erkältung sei generell "eine Erkrankung mit mehreren Symptomen, und zwar vom Anfang bis zum Ende". In vier von fünf Fällen führe sie zu Husten und Schnupfen, in drei von fünf zu Hals- und Kopfschmerzen, und in jedem dritten Fall komme noch Fieber hinzu. Die Wahrscheinlichkeit, dass nur eines dieser Symptome auftauche, sei ausgesprochen gering.

Vielschichtige Symptomatik – ein Argument für die Kombis

Auch Klimek sieht die vielschichtige Symptomatik als Hauptargument für die Kombis. "Man könnte natürlich auch den Patienten mit einer prall gefüllten Tüte aus der Apotheke gehen lassen", so der HNO-Arzt. "Doch würde er dann all die Mittel auch tatsächlich so einnehmen, wie es vorgesehen ist?" Im Alltag zeige sich, dass sich Patienten bei einem Präparat meist an die Dosierungsvorgaben hielten, bei mehreren sei das schwierig.

Dennoch ist auch Klimek zufolge nicht alles Gold auf dem Kombi-Markt: "Da gibt es vieles, das nur als Marketing-Gag zugemischt wird, aber medizinisch keinen Nutzen bringt" – Koffein und Vitamin C zum Beispiel. Auch Kombinationen mit dem Hustenstiller Dextromethorphan seien problematisch. Denn dieser unterdrücke den Hustenreiz. Das könne sinnvoll sein für die Nachtruhe, verhindere aber auch das entschleimende Abhusten.

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Autor: Jörg Zittlau