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30. März 2009 09:33 Uhr

Zecken-Impfung: Fragen & Antworten

Schon an die Zecken-Impfung gedacht? Wenn nicht, dann wird es langsam Zeit, sich zumindest Gedanken zu machen. Um Ihnen die Entscheidung zu erleichtern, noch einmal die wichtigsten Fakten über die Zeckengefahr im Wald.

  1. Durch Haut und Haar: Eine blutdürstige Zecke bei ihrem Raubzug. Foto: yx

Wie groß ist die Gefahr, sich eine FSME-Infektion einzufangen?
Genau weiß das keiner. Allein schon deshalb, weil noch nie jemand errechnet hat, wie wahrscheinlich es überhaupt ist, aus dem Wald eine Zecke mit nach Hause zu bringen. Da aber bei gestandenen Waldarbeitern pro Arbeitstag durchaus mehrere Zeckenstiche zusammenkommen können, ist die Gefahr nicht zu unterschätzen. Bekannt ist zudem, dass in Südbaden etwa ein bis fünf Prozent der Zecken FSME-Viren zu ihren Untermietern zählen. Da sie die Erreger in ihren Speicheldrüsen tragen, dürften die Viren fast bei jedem Stich auch sofort den menschlichen Körper entern. Demnach wäre schätzungsweise bis zu jeder zwanzigste Zeckenstich infektiös. Zum Glück verläuft allerdings ein Teil der FSME-Infektionen symptomlos. Deshalb dürfte eher nach jedem hundertsten bis tausendstem Zeckenstich mit einer Frühsommer-Meningo-Enzephalitis zu rechnen sein. Achtung: Nur 60 bis 70 Prozent der FSME-Patienten erinnern sich an einen Zeckenstich.

Wie oft droht die Borreliose?

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Borrelien sind weniger infektiös als FSME-Erreger. Das liegt unter anderem an ihrem Aufenthaltsort. Weil sich die Bakterien im Darm der Zecken einnisten, gelangen sie nicht so schnell in den menschlichen Körper – um sich mit Borrelien zu infizieren, muss die Zecke 16 bis 24 Stunden auf der Haut sitzen und Blut saugen. Obwohl jede vierte Zecke die Bakterien in sich trägt, führt deshalb nur rund jeder dreißigste Stich zur Infektion. Mit einer Borreliose ist nur bei jedem hundersten Zeckenopfer zu rechnen.

Woran erkennt man eine Infektion?
Nach drei bis 32 Tagen entwickelt sich bei neun von zehn Borrelien-Infizierten an der Einstichstelle ein roter Fleck: Dieser breitet sich langsam aus und blasst oft in der Mitte wieder ab: Dieses Erythema migrans (siehe Bild) ist ein Alarmzeichen, das einen sofort veranlassen sollte, zum Arzt zu gehen. Eine FSME-Infektion macht sich erst durch die Krankheitssymptome bemerkbar. Bereits zehn Tage nach dem Zeckenstich sollten Kopfschmerzen, Fieber und Krankheitsgefühl ein Warnzeichen sein. Nach einer Woche verschwinden die Symptome wieder, um wenige Tage später zurückzukehren. Den Fieberanstieg begleitet bei 50 Prozent der Patienten eine Hirnhaut- und bei 40 Prozent eine Hirnentzündung. Eine Therapie gegen das Virus selbst gibt es nicht, lindern und entschärfen lassen sich nur die Symptome. Manchmal ist sogar der Einsatz von Beatmungsgeräten wegen einer Lähmung der Atemmuskulatur notwendig. Während die Hirnhautentzündung in der Regel folgenlos ausheilt, sieht die Prognose für die Hirnentzündung düster aus: Jeder fünfte Erkrankte muss mit Langzeitschäden wie Lähmungen rechnen. Einer von hundert FSME-Infizierten stirbt.

Was tun bei einem Zeckenstich?
Die in der Haut sitzende Zecke sollte möglichst rasch entfernt werden, da die Übertragungswahrscheinlichkeit der Borrelien mit der Dauer des Saugaktes zunimmt. Als Werkzeug empfehlen sich Pinzette, Zeckenzange oder -karte. Besondere technische Finesse ist nicht nötig, Drehen ist out, Ziehen reicht. Dies sollte allerdings vorsichtig geschehen. Wird die Zecke zerquetscht, können noch einmal Bakterien in die Wunde gelangen. Dieselbe Gefahr droht beim Griff zu Öl, Klebstoff, Nagellack oder anderen chemischen Hilfsmitteln – Finger weg. Die passive Impfung, das Spritzen von FSME-Antikörpern nach dem Zeckenstich, ist glücklicherweise vom Markt. Ob eine aktive Impfung nach Zeckenstich etwas bringt, ist nicht gesichert. Für Borrelien ist ein Impfstoff vorerst nicht in Sicht. Achtung: Oft übertragen die millimetergroßen Nymphen, die Jungtiere, die Erreger. Sie werden leicht übersehen.

Wie gut schützt die Impfung?

Wer das normale Impfschema einhält, ist in mehr als 97 Prozent der Fälle vor einer FSME-Infektion nach einem Zeckenstich geschützt. Dieses Schema besteht aus drei Impfungen, wobei die zweite Impfung ein bis drei Monate nach der ersten und die dritte wiederum neun bis zwölf Monate nach der zweiten erfolgt. Bereits 14 Tage nach dem zweiten Termin kann man davon ausgehen, dass eine Schutzwirkung von 90 Prozent besteht. Für ganz Eilige gibt es auch die Schnellimmunisierung. Dabei folgt die zweite Impfung ein oder zwei Wochen nach der ersten und eine weitere 21 Tage später. Nach einer solchen Schnellimmunisierung dürften mehr als 90 Prozent der Geimpften geschützt sein. Nach drei Jahren lässt der Schutz nach und muss aufgefrischt werden. Anschließend reicht Menschen, die jünger als 50 sind, ein Impfabstand von fünf Jahren. Bei älteren Personen sind drei Jahre zu empfehlen. Die Schnellimmunisierung muss nach zwölf bis 18 Monaten erneuert werden. Wichtig: Sinn macht die Zeckenimpfung zu jedem Zeitpunkt. Wer erst im Sommer zum Arzt geht, ist zumindest im Spätsommer geschützt.

Sollte man auch Kinder impfen?
Bei Kindern sind die Krankheitsverläufe je nach Alter weniger schwer. Auch Komplikationen sind sehr viel seltener als bei Erwachsenen. Weil es bei unter Sechsjährigen kaum schwere FSME-Verläufe gibt, empfiehlt die Uniklinik die Impfung in der Regel nicht vor dem Alter von sechs Jahren.

Wie gefährlich sind Borrelien?
"Im Vergleich zur FSME wird die Borrelieninfektion oft überschätzt", sagt Sebastian Rauer, Oberarzt in der Neurologie der Uniklinik Freiburg. Der Grund ist die gute Behandelbarkeit der Borreliose. Denn die Bakterien sind immer mit Antibiotika zu besiegen – Resistenzen sind nicht bekannt. Selbst wenn erste schwere neurologische Symptome auftreten wie eine Lähmung der Gesichtsmuskeln, heilen diese unter der Therapie meistens ab. Die Krankheit selbst verläuft sehr unterschiedlich: Etwa jeder sechste Patient beginnt sich plötzlich Tage bis Wochen nach dem Auftauchen des Erythema migrans schlapp und krank zu fühlen. Außerdem plagen ihn Schmerzen in Gelenken und Gliedern, alles Symptome, die innerhalb der nächsten Wochen verschwinden. Besonders gefürchtet ist die Neuroborreliose, mit der jeder dreißigste Infizierte zu kämpfen hat: Eine Entzündung von Nerven, Gehirn und Gehirnhäuten, die mit beißenden nächtlichen Schmerzen, Lähmungen und Sensibilitätsstörungen einhergehen kann. Wird nicht behandelt, können bleibende Nervenschäden entstehen. Bei weniger als einem Prozent wird auch der Herzmuskel angegriffen.

Gibt es eine chronische Borreliose?
Vorausgesetzt, es werden Antibiotika eingesetzt, nur sehr selten. Wenn in den akuten Stadien allerdings nicht behandelt wird, kann sich die Krankheit nach Monaten bis Jahren zurückmelden. Klassische Symptome der chronischen Borreliose sind Schwellungen und Schmerzen in den Knien und anderen großen Gelenken oder sehr selten Lähmungen von Armen und Beinen, Blasen- und Gleichgewichtsstörungen oder pergamentartige bläuliche Hautveränderungen.
Nicht selten wird aber von Patienten über das Krankheitsbild der chronischen Neuroborreliose oder das sogenannte Post-Borreliose-Syndrom ohne die oben genannten typischen Symptome geklagt. Dahinter verbergen sich unspezifische Beschwerden wie das chronische Erschöpfungssyndrom, Gelenk- und Gliederschmerzen in Ruhe oder bei leichter Belastung, Sensibilitätsstörungen und Kribbelgefühle in den Gliedern mit starken Schwankungen. Nur: "Dieses Krankheitsbild existiert im eigentlichen Sinne gar nicht", so der Neurologe Rauer. Denn ein Zusammenhang zwischen diesen unspezifischen Symptomen und der Borrelieninfektion sei nur in den seltensten Fällen feststellbar. Die meisten Patienten ließen sich einfach von ihrem erhöhten Borrelien-Antikörper-Gehalt im Blut in die Irre führen, so der Mediziner. "Ein solch erhöhter Titer (Maßeinheit für Antikörper) weist zwar tatsächlich darauf hin, dass sich unser Immunsystem irgendwann mit den Bakterien auseinandergesetzt hat; nur bedeutet er nicht viel." Denn: Ein positiver Borrelien-Antikörpertiter ist je nach Gebiet bei fünf bis 25 Prozent der Bevölkerung messbar, oft ohne dass die Betroffenen ihre Infektion bemerkt hätten. "Deshalb ist der Labortest ohne Aussagekraft und lenkt meist von den eigentlichen Krankheitsursachen ab", so Rauer. Manchmal sogar mit gefährlichen Folgen. Denn die eigentlich segensreiche Antibiotikatherapie wird oft zu lang und zu häufig durchgeführt. Mit dem Ergebnis, dass es den Betroffenen zwar dank Placeboeffekt und antientzündlicher Wirkung der Pillen vorübergehend etwas besser geht, sie aber nun unter Therapie-Nebenwirkungen wie chronischem Durchfall oder Pilzinfektionen leiden.

Informationsveranstaltung: "Borreliose und FSME – Wie viel Panik ist gerechtfertigt?",
Vortrag von Professor Sebastian Rauer am Mittwoch, 1. April, 19.30 Uhr, im Hörsaal der Universitäts-Frauenklinik in der Hugstetter Straße 55 in Freiburg.

Autor: mich