BZ-Interview

Telefonhotline aus Glottertal hilft Menschen mit Konflikten am Arbeitsplatz

Holger Schindler

Von Holger Schindler

Do, 15. November 2018 um 16:13 Uhr

Beruf & Karriere

Wenn Menschen im Südwesten Stress mit Arbeitskollegen haben oder gemobbt werden, wählen sie eine Nummer und landen im beschaulichen Glottertal. Dort bekommen sie eine kostenlose Erstberatung.

Seit zehn Jahren gibt es die Konflikthotline Baden-Württemberg, die Menschen am Telefon kostenlose Beratung anbietet, wenn sie an ihrem Arbeitsplatz unter Konflikten zu leiden haben. Was viele nicht wissen: Die landesweit tätige Einrichtung hat ihren Sitz in Glottertal. Von den vielen ehrenamtlichen Mitarbeitern stammen etliche aus dem Raum Freiburg. Arbeit gibt es mehr als genug für sie. Holger Schindler hat mit Eva Gehring, der Leiterin der Einrichtung, gesprochen.

BZ: Wieso ist die Konflikthotline ausgerechnet in Glottertal ansässig?
Gehring: Als vor mehr als zehn Jahren die Überlegungen konkret wurden, eine telefonische Erstberatung einzurichten, die Menschen bei Konflikten am Arbeitsplatz unterstützt, hat Professor Jörg Michael Herrmann, damals Chefarzt der psychosomatischen Rehaklinik Glotterbad in Glottertal, zu den Mitinitiatoren gehört. Als es um den Sitz ging, waren damals natürlich auch zentralere Standorte im Gespräch, etwa Stuttgart, doch da für eine Telefonhotline die Erreichbarkeit nicht gar so wichtig ist, konnten wir letztlich in Räumen der Klinik Glotterbad unterkommen, die auch auf das Thema spezialisiert ist. Deren heutiger Chefarzt Werner Geigges arbeitet eng mit uns zusammen und unterstützt uns als fachlicher Berater.

"Was kränkt, macht krank. Und Konflikte am Arbeitsplatz spielen dabei eine sehr große Rolle." Eva Gehring
BZ: Was muss man sich unter Konflikten am Arbeitsplatz vorstellen – und warum ist eine Einrichtung wie Ihre Hotline notwendig?
Gehring: Wir wissen heute: Was kränkt, macht krank. Und Konflikte am Arbeitsplatz spielen dabei eine sehr große Rolle. Bei etwa einem Drittel der Patienten, die stationär in psychosomatischen Fachkliniken behandelt werden, spielen Konflikte bei der Arbeit eine Rolle. Und für viele hat sich die Situation im Job in den vergangenen Jahren diesbezüglich zugespitzt – durch den raschen Wandel und die Arbeitsverdichtung. Mitarbeiter müssen neue Aufgaben übernehmen, neue Methoden lernen, sich neues Wissen aneignen, neue IT-Systeme nutzen und nicht selten wird von ihnen auch ein Umzug erwartet, wenn sie ihre Stelle behalten wollen. Solcher Druck kann krank machen – und die Folgen sind für die Betroffenen, aber auch für die Arbeitgeber und die Gesellschaft insgesamt, gravierend. Von daher lohnt sich die Prävention und Intervention, um diese Folgen zu linden.

BZ: Welche Lösungen können Sie Anrufern anbieten?
Gehring: Einfache Lösungen gibt es oftmals leider nicht. Aber für Menschen kann es schon eine große Hilfe sein, wenn sie ihre Situation einfach einmal mit jemandem besprechen können und dabei auch einmal eine andere Perspektive im Hinblick auf ihre Lage kennenlernen. Oft gibt es bereits hilfreiche Ressourcen, die den Betroffenen davor noch gar nicht bewusst waren, die sie aber nutzen können. Wir bieten ja lediglich eine Erstberatung. Falls nötig helfen wir mit, Betroffene an weitere spezialisierte Hilfs- und Beratungseinrichtungen zu vermitteln. Darunter fallen etwa spezialisierte Mediziner und Kliniken, Therapieangebote, Selbsthilfegruppen sowie Rechtsberatung, aber etwa auch Coaching und Supervision. Außer der Hotline bieten wir auch Seminare in Betrieben und Coachings an, um Konflikten vorzubeugen.

"Das Spektrum an Konflikten im Job geht weit über Mobbing hinaus." Eva Gehring
BZ: Wie hängt Mobbing mit Konflikten am Arbeitsplatz zusammen?
Gehring: Jeder Fall von Mobbing am Arbeitsplatz ist auch ein Konflikt – und zwar ein bereits sehr hoch eskalierter. Doch das Spektrum an Konflikten im Job geht weit über Mobbing hinaus. Konflikte können wie gesagt auch rein strukturell bedingt sein, etwa wenn ein Arbeitsplatzabbau droht. Von 2008 bis 2013 hieß unsere Einrichtung noch Mobbing-Hotline Baden-Württemberg, aber das war zu eng gefasst. Unser Ziel ist, Betroffenen möglichst schon dann zu helfen, wenn Konflikte sich noch nicht zu stark hochgeschaukelt haben. Wir arbeiten übrigens eng mit den Mobbing-Beratungstelefonen Freiburg-Südbaden, Mannheim und Stuttgart zusammen. Deren Mitarbeiter übernehmen teilweise auch Anrufe, die bei uns eingehen.
BZ: Sie setzen bei Ihrer Arbeit auch stark auf ehrenamtliche Helfer. Wer kann bei Ihnen mitmachen?
Gehring: Wir sind eine kleine Einrichtung mit nur 2,6 Vollzeitstellen, die sich derzeit fünf bezahlte Kräfte teilen. Dazu kommen derzeit etwa 50 ehrenamtliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die wir ausgebildet haben und die stundenweise nun für die Konflikthotline im Einsatz sind. Davon stammen etliche hier aus dem Raum Freiburg. Das Schöne ist, dass sie ihren Dienst von daheim aus erledigen können, weil wir die Anrufe auf ihren Anschluss weiterleiten. Von unseren Ehrenamtlichen haben viele einen einschlägigen Hintergrund und kommen beispielsweise aus Betriebsräten und Personalabteilungen oder haben Vorerfahrung als Coach oder Therapeut. Wer Interesse hat, kann sich gerne bei uns melden – und dann unsere interne Ausbildung absolvieren, wenn wir sie wieder anbieten.

Eva Gehring (58) ist Sozialpädagogin und systemische Therapeutin. Seit dreieinhalb Jahren leitet sie die Konflikthotline.

Die Konflikthotline

Die Konflikthotline Baden-Württemberg versteht sich als Fachstelle für die Beratung und Fortbildung, wenn es um Konflikte im Arbeitskontext geht. Organisiert ist die 2008 gegründete Einrichtung mit Sitz in Glottertal als eingetragener Verein. Zu den Mitgliedern, welche die Arbeit des Vereins tragen, gehören unter anderem die Deutsche Rentenversicherung und deren Reha-Zentren, die Krankenkasse AOK, der Deutsche Gewerkschaftsbund, die Unfallkasse Baden-Württemberg der gesetzlichen Unfallversicherung, der Landesverband Süd der Betriebskrankenkassen, die Kirchen und verschiedene Kliniken. Ein wesentliche Teil der Finanzierung kommt vom Land über das Wirtschaftsministerium in Stuttgart. Zu den Leistungen der Fachstelle gehören neben Coachingangeboten und Fortbildungsseminaren insbesondere die kostenlose Beratungs-Hotline für jedermann unter Tel. 0180/26622464. Erreichbar ist die Hotline montags von 10 bis 19, dienstags von 12 bis 19, mittwochs von 19 bis 21, Donnerstag von 12 bis 19 und freitags von 10 bis 14 Uhr. Weitere Infos online unter http://www.konflikthotline-bw.de