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29. Oktober 2010 15:59 Uhr

NABU-Experiment

Streitfrage: Wann sollen Vögel gefüttert werden?

Wann dürfen Futterhäuschen für Vögel gefüllt werden? Nur im Winter oder auch im Sommer? Um diese Fragen zu klären, hat der NABU Grafenhausen ein Experiment durchgeführt. Ihr Ergebnis ist eindeutig: Gut gemeint, ist noch lange nicht von Vorteil.

  1. Fehlende Nährstoffe können bei der Sommerfütterung zu Krankheiten führen. Foto: Wilfried Dieckmann

"Reichliche und verständnisvolle Beschickung des Vogelfutterplatzes ist eine gute Tat, welchem dem Menschen nicht bloß zur Ehre gereicht und ihm Freude, sondern zugleich großen Vorteil bringt", so die Aussage über Winterfütterungstipps im Kalender vom "Bund für Vogelschutz" aus dem Jahr 1900. "Oft aber wird die Fütterung ungeschickt betrieben und den gefiederten Gästen durch sie Krankheit und Tod gebracht", wusste der Kalender vor über 100 Jahren zu berichten. "Ratschläge, die auch heute noch Gültigkeit haben", so die Meinung von vielen Naturschützern. Die Ornithologen weisen darauf hin, dass man den Vögeln bei milden Temperaturen durch die tägliche Gabe von diversen Körnern letztendlich keinen guten Dienst erweist.

Es gibt aber auch Befürworter einer Ganzjahresfütterung: Sie beziehen sich unter anderem auf Forschungsergebnisse aus Nachbarländern wie Großbritannien, aus denen hervorgeht, dass eine ganzjährige Vogelfütterung den Tieren nur nutzt und nicht schadet. Ein weiteres Argument der Befürworter ist, dass es vor allem für Kinder und Jugendliche ein unvergleichliches Erlebnis darstellt, heimische Wildvögel an einem Futterplatz aus nächster Nähe beobachten zu können. Diese Erlebnisse seien wichtig, um ein Interesse an den ökologischen Zusammenhängen zu entwickeln. Deshalb haben solche Beobachtungen am Futterplatz einen hohen pädagogischen Wert.

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Großer Andrang

Die verschiedenen Aussagen von Experten tragen für den Laien nicht unbedingt zur Klärung des Problems, soll ich im Sommer füttern oder soll ich nicht, bei. NABU Mitglieder in Grafenhausen wollten es in diesem Jahr selbst einmal wissen. Immerhin handelte es sich quasi um die "eigenen" Meisen und Spatzen, die in angebotenen Nisthilfen direkt vor der Gartenterrasse geschlüpft und aufgewachsen waren. Also gut, das Vogelhäuschen wurde nach der Frostperiode nicht abgebaut, sondern weiterhin mit noch übrig gebliebenen, leckeren Sonnenblumenkernen gefüllt. Und dies nahezu täglich. Damit aber das Vogelfutter bei Regenwetter nicht nass wurde, gab es nahe der Hauswand, durch den Balkon geschützt, eine zweite Futterstelle. Und weil der Andrang dort zeitweise recht groß war, wurde noch eine dritte Fütterungsstelle angeboten. Zur Freude der NABU-Aktiven wurden auch alle Futterplätze gut angenommen, obwohl das Nahrungsangebot in der freien Natur üppig vorhanden war.

Was von den Menschen gut gemeint ist, kann für die Vögel aber erhebliche Nachteile mit sich bringen. Wird das ganze Jahr über Futter angeboten, füttern nämlich die Altvögel ihre Jungtiere lieber mit den bereitgestellten Körnern, anstatt natürliche Futterquellen in Anspruch zu nehmen. Die Folge kann somit ein Mangel an tierischem Eiweiß bei den Jungvögeln sein. Die Konsequenz birgt sowohl für den immer hungrigen Nachwuchs als auch für die Altvögel ungeahnte Gefahren: Fehlende Nährstoffe führen zu Krankheiten und Mangelerscheinungen, und bei dem Versuch der Altvögel, die Versorgung entsprechend auszugleichen, kann es im schlimmsten Fall sogar zu Kannibalismus und nach Expertenmeinung unter Umständen auch zum Tod der Jungen kommen. Des Weiteren können die derart verwöhnten und deshalb unachtsamen Vögel freilich auch leicht das Opfer von ungebetenen vierbeinigen Gästen werden. Vor lauter Gier, als Erste an den Fressnapf zu kommen, hatten selbst die sonst so vorsichtigen Altvögel das Heranschleichen der Nachbarskatze nicht bemerkt.

Keine Sommerfütterung mehr

Nach dem sommerlichen Fütterungs-Experiment in Grafenhausen kann zumindest bestätigt werden, dass Vögel in eine Art Abhängigkeit gebracht werden, weil diese Form der Nahrungssuche natürlich äußerst bequem und komfortabel ist. Das Fazit: Im kommenden Jahr wird es somit keine Sommerfütterung mehr geben.

Einheimische Sträucher wie Weißdorn und Eberesche bieten vielen Insekten einen Lebensraum, wovon wiederum die Vögel profitieren. Ein Komposthaufen und Mauern aus Natursteinen machen einen Garten nicht nur für Piepmätze attraktiv. Salamander, Eidechsen, Igel und Grillen fühlen sich ebenfalls wohl. Abgerundet wird der vogelfreundliche Garten durch einen Reisighaufen und Laub, das die Vögel als Nistmaterial verwenden können.

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Autor: Wilfried Dieckmann