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31. August 2013

Altlasten in der Erinnerung

Kurt Paulus forscht mit dem Projekt "Zeitzeugen Grenzach-Wyhlen" auch über Gefahren im Boden.

  1. Ein Bild von 1966: Die Feuerwehr versorgt Wyhlener Bürger mit Trinkwasser. Foto: Privat

  2. Kurt Paulus Foto: Jannik Schall

GRENZACH-WYHLEN. Dass die BASF die Altlasten in der Kesslergrube umspunden möchte, mag nicht jedem gefallen, zumal die Roche ihren Teil komplett entsorgen möchte. Wie Dokumente, die der Historiker Kurt Paulus zugespielt bekommen hat, zeigen, ist der Streit um Altlasten und die Risiken der Chemie keineswegs neu: Bereits 1966 kam es zu einem Trinkwasserproblem, in dessen Folge Haushalte in Wyhlen über Monate von der Feuerwehr mit Trinkwasser versorgt wurden. Und Ende der 70er Jahre zeigte sich die Politik entschlossen, den Giftmüll im Hirschacker und in der Kesslergrube zu entfernen. Paulus sucht nun Zeitzeugen.

"Verseuchte Erde, Gestank, Gasmasken. Gespenstische Szenen spielten sich ab [...] in der Gemeinde Grenzach-Wyhlen". So beginnt eine Radio-Reportage, die Kurt Paulus auf 1979 datiert und die auf seiner Webseite abgerufen werden kann. Die Hirschacker- und Kesslergrube werden mit drastischen Worten beschrieben, die Risiken als "unberechenbar" eingestuft. Die Rede ist von einem "Querschnitt durch die Giftliste aller erster Garnitur". Aufgebrachte Bürger kommen in den Tondokumenten zu Wort und beschweren sich über die Verwaltung, die Jahrzehntelang tatenlos zugesehen hätte. "Wenn die Fische schon verrecken, dann verrecken wir auch bald am Trinkwasser", empört sich in dem Tondokument Hermann Rusch, der in der Kiesgrube Kaiser im Hirschackerareal als Grubenaufsicht beschäftigt war. Auch für die Kesslergrube war er von der Gemeinde als Aufsicht angestellt und berichtet von geschlossenen Textilsäcken mit weißem Pulver, die in die Kesslergrube eingebracht worden seien. Sei ein Sack aufgeplatzt, habe das Pulver angefangen zu brennen. Ratten, die mit dem Pulver in Kontakt gekommen seien, hätten ihr Fell verloren. Seine Warnungen habe die Verwaltung ignoriert, sagt er im Radio.

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Die Frau des ehemaligen Feuerwehrkommandanten Hans Lederer stellte Paulus das alte Logbuch ihres Mannes zur Verfügung. Fein säuberlich ist dort notiert, was viele Jahre zuvor zwischen dem 9. Juli und dem 8. Oktober 1966 geschah: Trinkwasserausgabe in Wyhlen. Die Unterlagen deuten darauf hin, dass die Bevölkerung monatelang von der Feuerwehr mit Wasser versorgt wurde – die genauen Hintergründe sind Paulus allerdings noch unklar. Vielleicht hat es auch gar nichts mit der Chemie zu tun.

Die Tondokumente und Fotografien sind Teil von Paulus’ Projekt "Zeitzeugen Grenzach-Wyhlen". Er möchte die Geschichten der Einwohner in Form von alten Fotografien und Dokumenten, aber auch Video-Interviews festhalten. Nach einer gründlichen Analyse stellt er die Ergebnisse im Internet der Öffentlichkeit zur Verfügung. Ob Industriegeschichte, Vereinsleben oder Privates – es sind nicht immer die ganz großen Themen, die ihn beschäftigen. Denn das Projekt ist bewusst sehr lokal ausgerichtet. "Ich bin sehr überrascht, wie gut es läuft", sagt Paulus, der viel Zeit investiert. Dabei übernimmt er keineswegs die Rolle des neugierigen Rechercheurs, sondern eher die des geduldigen Zuhörers, der allenfalls durch kleine Impulse bestimmte Themen zur Sprache bringt. Meistens kommen die Menschen von selbst zu ihm, manchmal findet er sogar morgens eine Plastiktüte mit alten Dokumenten vor der Tür, die in der Nacht jemand anonym abgelegt hat.

So kam es auch, dass eines Tages nach einem Anruf eine alte Kassette mit Radio-Mitschnitten bei ihm landete – mit den obengenannten Inhalten. Fotos und Dokumente folgten, manches davon konnte Paulus noch nicht vollständig auswerten. Fest steht jedoch: Ende der 70er Jahre war die Altlastensanierung ein großes Thema. Hunderte von Giftfässern wurden aus der Hirschackergrube entfernt. Ministerpräsident Lothar Späth sagte bei einem Besuch höchstpersönlich: "Der Dreck muss raus, koste was es wolle".

Das ist es, worauf Paulus aufmerksam machen möchte: Das Problem der Altlasten ist heute immer noch nicht gelöst. Er selbst engagiert sich zwar nicht in der Bürgerinitiative, fordert aber ebenfalls eine Entsorgung der Altlasten.

Info: Paulus hofft auf Hinweise von Bürgern, um die Geschichte der Altlasten genauer zu beleuchten. Die Internetseite mit Bild- und Tonmaterial ist auf http://www.zeitzeugengw.de zu finden. Kontakt: Tel. 0173/6627227.

Autor: Jannik Schall