Kälteeinbruch in Grenzach-Wyhlen

Eine Eisnacht vernichtet die ganze Ernte

Ralf H. Dorweiler

Von Ralf H. Dorweiler

Fr, 21. April 2017 um 06:45 Uhr

Grenzach-Wyhlen

Der Frost der Nacht auf Donnerstag war zu viel für das Obst auf dem Rührberg. Alexander Drechsle vom gleichnamigen Obsthof und Landwirt Wilhelm Deschler rechnen mit "Totalschaden". Beide sehen sogar die Existenz ihrer Höfe bedroht.

Der Frost der Nacht auf Donnerstag war zu viel für das Obst auf dem Rührberg. Alexander Drechsle vom gleichnamigen Obsthof und Landwirt Wilhelm Deschler rechnen mit einem "Totalschaden". Beide sehen sogar die Existenz ihrer Höfe bedroht.

Auf 9,4 Hektar Land baut Alexander Drechsle Obst an, etwa 15 000 Bäume hat er. Die vergangenen Nächte haben er und seine Frau Katja nur wenig geschlafen. Immer wieder haben sie aufs Thermometer geschaut. "Bis zwei Grad minus können die Blüten und frühen Früchte überstehen", sagt Drechsle. In der Nacht auf Donnerstag waren es gegen Mitternacht nur -0,5 Grad, aber gegen frühen Morgen zeigte das Thermometer nur noch -4,9 Grad Celsius an. "Zu kalt", sagt Drechsle frustriert.

Eine Rundfahrt bei Sonnenaufgang gibt ihm die traurige Gewissheit: "Der Ausfall beträgt 100 Prozent." Die Aprikosen, die schon als fast einen Zentimeter große Früchte erkennbar sind, sehen glasig aus. Bei Druck dringt Wasser aus dem Pflanzengewebe. Die Äpfel sind noch nicht so weit, sondern im späten Blütenstadium. Die Stempel der Apfelblüten sind normalerweise weiß und gelb. Über Nacht haben sie sich braun verfärbt. Drechsle geht nicht davon aus, dass es eine Ernte geben wird.

"Es ist mehr als unsere Arbeit, es ist unser Leben" Katja Drechsel
Eine Versicherung gegen Frostschäden gebe es nicht, sagt Drechsle. Man könne sich gegen Hagel absichern, was er aber nicht in Form einer Versicherung tut, sondern mit seinen Hagelnetzen. "Die haben uns in den vergangenen drei Jahren die Ernte gerettet", sagt er im Gespräch.

Wie es jetzt weitergehen soll, war bei ihm und seiner Frau Thema des ganzen Morgens. Sie haben ernsthaft überlegt, den Hof zu schließen, dann aber beschlossen: "Wir machen weiter!" Denn, so Katja Drechsle: "Es ist mehr als unsere Arbeit, es ist unser Leben."

Alexander Drechsles Vater hat den landwirtschaftlichen Mischbetrieb, der sich seit vielen Generationen im Familienbesitz befindet, zu einem Obsthof umgestaltet, der Sohn ihn übernommen und ausgebaut. Einige der neuen Bäume sollten in diesem Jahr zum ersten Mal einen Ertrag abwerfen. "Der Vater hat gesagt, dass es 1977 einmal einen ähnlichen Fall gegeben haben soll, da war auch vieles so spät erfroren", weiß Drechsle.

Finanziell sei man jetzt auf Unterstützung angewiesen. Zwar hat der Obsthof mit der Abfüllung von Säften und der Produktion von Obstseccos, Schnäpsen und Marmelade noch ein zweites Standbein und auch noch Lagerbestände, die man weiter im Hofladen verkaufen will, aber "zum ersten Mal seit 25 Jahren wird es kein Obst zum Selberpflücken geben", sagt Drechsle bedauernd.

Er hofft wegen des gewaltigen Ausfalls darauf, dass das Land vielleicht ein Unterstützungsprogramm ins Leben ruft. Aber auch die Familie wird sie unterstützen müssen und mit der Bank wird ein ernsthaftes Gespräch nicht ausbleiben. "Und wir hoffen, dass unsere Kunden Verständnis haben und wiederkommen."

"Es ist nichts mehr da, was noch erfrieren kann" Alexander Drechsle
Gegen Mittag ist der in der Nacht gefallene Schnee weggetaut. Drechsle fährt zum anderen Obstlandwirt vom Rührberg, Wilhelm Deschler. Wo in Deschlers Garten Schatten ist, liegt noch Schnee. Der Landwirt, der neben dem Milchvieh auf rund vier Hektar Steinobst anbaut, hat sich die Bescherung noch nicht angeschaut. "Ich habe mich nicht getraut", sagt er. Sein Thermometer zeigte am Morgen auch minus vier Grad Celsius an. "Das ist bei dem Stadium der Blüten zu kalt", sagte er aus Erfahrung.

"Den Schaden bezahlt mir niemand", weiß er und fügt hinzu: "Wir stehen vor der Wand." An Unterstützungsprogramme durch das Land glaubt er nicht. Die Winzer hätten die bessere Lobby, Obstbauern überließe man öfter sich selbst.

Alexander Drechsle hat mit Kollegen telefoniert. Es sehe so aus, als sei die Lage in der Umgebung ähnlich, meint er. Man habe die ganze Zeit gedacht, es werde ein sehr gutes Jahr für die Obstbauern, jetzt sei alles in einer Nacht zunichte gemacht. Und in der Nacht auf Freitag solle es sogar noch kälter werden. "Wir werden wohl durchschlafen", sagt Katja Drechsle. "Auf das Thermometer brauchen wir ja nicht mehr zu schauen." Ihr Mann ergänzt: "Es ist nichts mehr da, was noch erfrieren kann".