"Erhoffe mir einen bunten Blumenstrauß"

Ralf Staub

Von Ralf Staub

Sa, 12. Januar 2013

Grenzach-Wyhlen

BZ-INTERVIEW mit Markus John und Frank Eiselt, die zum Thema Zimmermann-Ansiedlung und Nutzung des BASF-Areals ein Internetforum eröffnet haben.

GRENZACH-WYHLEN. Die Zukunft des BASF-Areals und damit eng verbunden die Frage der Ansiedlung des Sonderabfallentsorgers Zimmermann sind zentrale Themen für die Entwicklung der Gemeinde. Die öffentliche Anhörung zum Zimmermann-Antrag läuft noch, parallel dazu haben Markus John und Frank Eiselt ein Internetforum eingerichtet, in dem Befürworter und Gegner Argumente austauschen und sich informieren können. Ralf Staub hat die Beiden nach ihren Motiven befragt.

BZ: Herr John, Herr Eiselt, vor wenigen Wochen hat es eine Bürgerversammlung gegeben zum Thema Zimmermann-Ansiedlung, anschließend eine Gemeinderatssitzung, bei der sich die Grenzach-Wyhlener zu den Plänen für das BASF-Areal äußern konnten. Warum legen Sie jetzt ein Internetforum auf?
Markus John: Die Idee zu einem allgemeinen Internetforum für unsere Gemeinde entstand schon vor einiger Zeit. Wir wollten einfach den Bürgern und Bürgerinnen eine zusätzliche Möglichkeit geben, sich zu aktuellen Themen in der Gemeinde zu äußern, quasi rund um die Uhr und wenn es einem gerade passt.
Frank Eiselt: Ein Forum bietet die Chance, dass mündige Bürger durch Äußerungen ihrer subjektiven Meinung Schritt für Schritt eine vielseitige Entscheidungsbasis als Gesamtbild kreieren. Gerade bei einem so richtungsweisenden Entscheid mit all seinen komplexen Auswirkungen und Wechselwirkungen bietet sich daher dieses Instrument an. Der Zeitpunkt ist der neuen Dynamik im Fall Zimmermann nach der offiziellen öffentlichen Bekanntmachung geschuldet. Gerade auch der Hinweis unseres Bürgermeisters , differenziert hinzuschauen’ gab mir den letzten Anstoß mich für ein Forum zu engagieren. Im Forum sollen einzig die Buchstaben Schwarz und Weiß sein – bei den Inhalten erhoffe ich mir einen bunten Blumenstrauß.

BZ: Das Internet nimmt zwar an Bedeutung zu, gleichwohl wird es auch in Grenzach-Wyhlen sicher nicht von allen Bürgerinnen und Bürgern genutzt. Welche Zielgruppe oder Zielgruppen haben Sie im Auge?
John: Mit der Zeitung, auf dem Marktplatz oder Bürgerveranstaltungen im Haus der Begegnung erreichen Sie auch nicht jeden, außerdem würden wir da gar nicht alle hineinpassen. Laut Forschungsgruppe Wahlen sind 76 Prozent der Deutschen online, bei den über 60-jährigen immerhin schon 43 Prozent. Ein allgemein zugängliches Forum hat den Vorteil, dass man nicht Mitglied in einem sozialen Netzwerk wie Facebook sein muss, was für viele eine Hemmschwelle ist. Ob das Forum angenommen oder missbraucht wird, wird man sehen, es ist zum jetzigen Zeitpunkt ein Experiment oder moderner Kompromiss.
Eiselt: Zielgruppe sind Bürger, die bereit sind, pro oder kontra ihre Meinung öffentlich zu äußern. Also gewissermaßen sind die Zielgruppe , Mutbürger’. Dabei ist es zunächst mal, egal ob es sich um Informationen, Meinungen oder Interessen handelt. An Wutbürgern sind wir weniger interessiert. Also die Beiträge sollten so sachlich wie möglich und nur so emotional wie nötig sein. Eine große Zielgruppe sind vor allem auch Leute, die nicht nur gegen etwas sind, sondern sich für Alternativen zumindest gedanklich engagieren.

BZ: Herr John, Sie persönlich haben sich ja bereits öffentlich mit großen Bedenken gegenüber der Ansiedlung eines Sonderabfallentsorgers geäußert, ist das Forum nicht von vorneherein eine Plattform ausschließlich für Gegner?

John: Nein, hoffentlich nicht. Ziel des Forums ist es gerade auch den Befürwortern die Möglichkeit zu geben, sich zu äußern. Außerdem besteht weiterhin Informationsbedarf. Im Forum können Fragen gestellt werden, die dann hoffentlich ein Leser beantworten kann. Die letzte Veranstaltung im Haus der Begegnung war voll von Skeptikern einer Zimmermann-Ansiedlung, hat aber eben nur einen Bruchteil der Bürger umfasst. Was denkt die Mehrheit der Schweigenden? Ist sie einfach nicht informiert, eher dafür oder dagegen? Es ist schwierig sich als Befürworter zu organisieren, wie viele gibt es?

Zum ersten Teil Ihrer Frage, mein persönliches Interesse hat sich letztlich der Mehrheitsmeinung unterzuordnen, die gilt es zu finden. Ich hoffe daher, dass es zumindest zu einer offiziellen Bürgerbefragung kommen wird. Davor muss man aber transparent alle Vor- und Nachteile auf den Tisch legen. Das Industriegebiet in Grenzach ist Resultat eines historischen Entwicklungsprozesses, der, wie es aussieht, seinen Höhepunkt schon lange überschritten hat. Wir haben dadurch aber als Gemeinde nicht nur Wohlstand erlangt, sondern auch Altlasten geerbt. Außerdem würde man heutzutage ein Industriegebiet sicher nicht in eigentlich bester Ortslage an den Strand setzten. Während der Verband der chemischen Industrie letztes Jahr etwa zwei Prozent mehr Beschäftigte verzeichnete, wurden in Grenzach in den letzten Jahren massiv Stellen abgebaut. Der Standort erscheint nicht mehr attraktiv für die klassische Chemie. Zimmermann hingegen hat eine steile Wachstumskurve und würde sicher immer wieder gerne erweitern – mit allen Vor- und Nachteilen. Am Bestandsschutz bestehender Firmen rüttelt niemand, falls diese aber abziehen, sollte meiner Meinung nach zunächst die Sanierung des Untergrunds in einen Zustand der alle Nutzungsarten zulässt durchgeführt werden. Danach die Umnutzung als Industrie- oder Gewerbegebiet, falls es die Umgehungsstraße dann real gibt; oder als Wohnbebauung, Landesgartenschau, vieles ist denkbar. Man sollte hier schrittweise vorgehen und erst Projekte wie die Umgehungsstraße oder die Sanierung abschließen, bevor man den nächsten Schritt tut, sonst entstehen faule Kompromisse und es geht wieder zu Lasten kommender Generationen.

BZ: Welche Erkenntnisse erwarten Sie aus dem Forum und in welcher Form werden Sie diese in den politischen und behördlichen Abwägungsprozess einbringen?
John: Wir sind an neuen Themen, Fragen zu bestehenden Themen und Diskussionsbeiträgen pro und kontra interessiert. Aktuell sicher an Meinungen und Informationen zur Zimmermannansiedlung. Dann gibt es aber auch andere wichtige Themen wie die Zukunft des Industrieareals oder die Umgehungsstraße. Falls das Forum mit sinnvollen Inhalten gefüllt wird, können sich alle interessierten Bürger selbst daraus informieren, das ist das Ziel.
Eiselt: Zunächst ist es spannend zu sehen, ob das Forum überhaupt angenommen wird. Wir sind beide nicht Mitglied einer politischen Partei, jedoch daran interessiert, dafür zu sorgen, dass es genug Raum gibt für eine Betrachtung verschiedener Entwicklungsszenarien in Grenzach-Wyhlen. Ob dies als lose Diskussionsgruppe, Interessengemeinschaft oder Bürgerinitiative stattfinden wird, wird sich noch zeigen.

BZ: Das Forum ist seit wenigen Tagen freigeschaltet, haben Sie schon erste Reaktionen erhalten?
John: Die zwei Umfragen werden gut angenommen, auch etwa 20 bis 25 Prozent Befürworter einer Zimmermann-Ansiedlung gibt es dort aktuell. Die Hemmschwelle, einen Kommentar abzugeben, scheint allerdings hoch zu sein, aber auch das kommt in Gang. Wir haben einige Startkommentare abgegeben, wollen uns aber eigentlich zurückhalten. Uns, und hoffentlich die Bürger von Grenzach-Wyhlen auch, interessiert jedoch die Meinung vieler, unsere eigene Meinung kennen wir ja. Ich wünsche mir dabei, dass sich zynische oder satirische Einträge in Grenzen halten. Wenn also beim Lesen der Blutdruck steigt, sollte man sich vielleicht eine entspannendere Lektüre suchen.
Eiselt: Viele Leute wollen sich nicht gleich zu Beginn öffentlich äußern, gerade deshalb ist zu Beginn jeder Kommentar wichtig damit das Forum die berühmte Eigendynamik entwickelt. Die Umfragen sind zwar methodisch etwas problematisch, machen aber sicher auch Spaß. Und das ist ja das eigentliche Ziel, dass wir gemeinsam nachdenken und gemeinsam lachen, zumindest am Ende.

Zur Person: Markus John lebt seit 2001 in Grenzach und ist bei einem Pharmakonzern in Basel beschäftigt, Frank Eiselt wohnt seit 2005 in Wyhlen und ist IT-Manager.

Das Internetforum zur Thema Zimmermannansiedlung ist zu erreichen unter forum-grenzach-wyhlen.de