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26. November 2012

"Nur die Traube ist übrig geblieben"

BZ-INTERVIEW mit Sebastian S. Kurtenacker, der im neuen Jahresheft des Geschichtsvereins Grenzachs Wappen untersucht hat.

  1. Der Historiker Sebastian S. Kurtenacker hat ein Faible für die Geschichte von Grenzachs Wappen. Foto: Privat

  2. Das Wappen Grenzach-Wyhlens Foto: Privat

  3. Grenzachs Wappen bis 1978 Foto: Privat

GRENZACH-WYHLEN. Am Dienstag, 27. November, stellt der Verein für Heimatgeschichte um 19.30 Uhr im evangelischen Gemeindehaus das 160 Seiten umfassende Jahresheft vor. Darin geht es unter anderem um den ehemaligen Bürgermeister Fritz Philipp, die sogenannte "Polenbuche" und die Geschichte des Grenzacher Wappens. Ralf H. Dorweiler sprach mit Sebastian S. Kurtenacker, der den Artikel über die Wappen geschrieben hat.

BZ: Herr Kurtenacker, wie kommt man als junger Mann auf die Idee, sich die Geschichte der Ortswappen seiner Gemeinde genauer anzuschauen?
Sebastian S. Kurtenacker: Die Idee dazu kam eigentlich von Kurt Paulus, der die Akte der Gemeinde Grenzach bezüglich des Grenzacher Wappens im Rathaus durchgeackert und teilweise transkribiert hat. Helmut Bauckner und Oliver Uthe, Leiter des Kreisarchivs Lörrach, haben mich gebeten, die umfangreichen Materialien und Texte von Kurt Paulus in eine kürzere Form zu bringen, um den Artikel im Jahresheft abzudrucken. Man kam wohl auf mich, da ich schon viel mit Akten in verschiedenen Archiven zu tun hatte. Als Historiker habe ich sozusagen Routine im Umgang mit alten Dokumenten. Ich bin Kurt Paulus sehr dankbar, dass ich seine immense Vorarbeit für den Artikel nutzen durfte – ein gutes Autorengespann.

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BZ: Gab es denn bei der Arbeit besondere Herausforderungen?
Kurtenacker: Oh ja. Es gibt eine ungefähr fünf Zentimeter dicke Akte, bei der es von der Gemeinde Grenzach an das frühere Ministerium des Inneren und wieder zurück darum ging, dass ein ordentliches Wappen gefunden werden sollte, das den heraldischen Richtlinien entspricht. Dieses Hin und Her ging von 1811 bis 1978. In dieser Zeit gab es 39 verschiedene Siegel und Wappenentwürfe. Eine Herausforderung war es, die Wappen alle in Kontext zu bringen. Außerdem hatte irgendwann einmal jemand die Akte in der Hand, der viele Seiten wild durcheinandergebracht hat. Das musste alles in Ordnung gebracht werden.

BZ: 39 Entwürfe gab es also. Ist das viel oder wenig?
Kurtenacker: Sehr viel! Jede Gemeinde hat normalerweise ein Gemeindesiegel und ein Gemeindewappen. Wappen sind Anfang des 12. Jahrhunderts während der Kreuzzüge aufgekommen, um sein Gegenüber zu erkennen. Die ersten waren ganz schlicht. In der Schlacht hat man dann gesehen, das ist einer von uns, auf den soll ich nicht draufhauen. Im 19. Jahrhundert wuchs das Bedürfnis bei Gemeinden nach einem eigenen Wappen – so auch in Grenzach. Das älteste, das Kurt Paulus gefunden hat, ist ein Gemeindesiegel von 1811, das das badische Wappen mit Krone, die Bezeichnung "GREN ZACH" als Umschrift und unter dem Wappen das Hexagramm führte. Seit spätestens 1811 war also der Winzerstern Bestandteil. Lange Zeit war auch das Rebmesser Teil des Wappens. Beide führten dann später zu Verwirrungen.

BZ: Können Sie das genauer erklären?
Kurtenacker: Der Winzerstern wurde natürlich zur Zeit der Nazis gerne mit dem Davidstern verwechselt. So schrieb 1935 der Kreisjägermeister von der NSDAP an die Gemeinde Grenzach, dass doch die Änderung des Wappens bezüglich des "Davidsterns" und der "Sowjetsichel" angebracht sei. Auf dem Schreiben hat der Bürgermeister mit Bleistift notiert: "Blödsinn! Herr Kreisleiter. 1. Hexagramm, 2. Rebmesser". Alle Bestrebungen von Behördenseite aus, den Winzerstern und das Rebmesser zu entfernen, schlugen bis zum Ende des Krieges fehl. Vom Generallandesarchiv Karlsruhe wurden immer wieder Entwürfe für Wappen von Grenzach angefordert und auch vorgeschlagen. Die Grenzacher haben aber immer gesagt: "Gefällt uns nicht." Man wollte sein altes Wappen behalten. Herten hatte übrigens das gleiche Problem. Die haben auch einen Winzerstern im Wappen und verteidigten ihn erfolgreich. 1939 kam dann ein Entwurf, der allen gefiel. Darin tauchte zum ersten Mal die Traube mit auf. Es blieb aber nur beim Entwurf.

BZ: Wie kam es zum heutigen Wappen?
Kurtenacker: Beim Zusammenschluss der Gemeinden Grenzach und Wyhlen 1975 kam die Debatte über das Grenzach-Wyhlener Wappen erneut auf. Am 10. Januar 1978 wurde das heute bestehende Wappen angenommen – der Wyhlener Bär, der auf dem Rhein spaziert, und die Grenzacher Trauben frisst, wie ein alter Grenzacher witzelte. Somit ist vom alten Grenzacher Wappen nur die Traube übrig geblieben. Der so lange verteidigte Winzerstern und das Rebmesser sind nun weg. Offiziell hat es ein Grenzacher Wappen nie gegeben. Es gab immer nur geduldete Entwürfe, die nie der Wappenkunde entsprochen hatten. Die ziemlich ziselierten Stempel, die bis 1978 verwendet wurden, entsprachen übrigens einem Entwurf von 1939. Sie liegen heute im Gemeindearchiv.

Das Jahresheft kostet 10 Euro. Es ist etwa auf dem Weihnachtsmarkt erhältlich. Vereinsmitglieder bekommen es kostenlos.

Autor: dor