Interview

32 Jahre Bürgermeister von Gundelfingen - Reinhard Bentler blickt zurück

Max Schuler

Von Max Schuler

Mi, 24. Dezember 2014

Gundelfingen

Reinhard Bentler hat drei Jahrzehnte lang Gundelfingen geprägt, zum Jahresende geht er in den Ruhestand. Max Schuler traf den scheidenden Bürgerneister zum großen BZ-Interview.

GUNDELFINGEN. Vor 32 Jahren wählten die Gundelfinger Reinhard Bentler zu ihrem Bürgermeister – seither saß er an der Spitze des Rathauses. In seiner Amtszeit hat sich die Gemeinde weiterentwickelt und im Schatten von Freiburg behauptet. Im Interview mit Max Schuler spricht Bentler über seine größten Leistungen, über Partyerlebnisse und Drohanrufe – und lüftet das Geheimnis um seinen Friseur.

BZ: Sie haben Jura studiert und wollten nicht in den öffentlichen Dienst. Warum sind Sie dann im Landratsamt Breisgau-Hochschwarzwald gelandet?
Bentler: Ich habe in Stuttgart mein zweites Examen gemacht und wollte dort in einer Anwaltskanzlei arbeiten. Da rief bei meiner Frau ein Ministerialdirigent an und sagte, es gäbe eine schöne Stelle im Baudezernat im Landratsamt in Freiburg. Meine Frau hat gesagt: Ja, die nimmt er auf jeden Fall.

BZ:
Also hat Ihre Frau die Entscheidung getroffen.
Bentler: Ja. Meine Frau kommt zwar aus Bremerhaven, sie hatte aber in Freiburg studiert und wollte da nicht weg. Stuttgart war etwas Schlimmes für sie.

BZ:
Später sind Sie Bürgermeister von Gundelfingen geworden und waren es mehr als drei Jahrzehnte lang. Hätte man die Altersgrenze für Bürgermeister früher hochgesetzt, wären Sie dann nochmal zur Wahl angetreten?
Bentler: Acht Jahre wären zu lange gewesen. Aber für vier Jahre hätte ich kandidiert. Ich bin physisch und psychisch fit.

BZ:
Glauben Sie, Sie hätten die Wahl gegen Raphael Walz gewonnen?
Bentler: Der hätte sich gar nicht beworben (lacht). Ich bin wahrscheinlich der Bürgermeister, der in Baden Württemberg am häufigsten gewählt wurde: vier Mal in Gundelfingen und vier Mal in Heuweiler. Nur einmal waren Gegenkandidaten vorhanden. Ich verstehe mich aber sehr gut mit Herrn Walz. Die Leute sagen ja auch, ich sei bei meiner ersten Kandidatur genau so jung gewesen wie er und hatte auch eine ähnliche Figur, obwohl ich damals vier Jahre älter war.

BZ:
Was sind die drei Projekte Ihrer Amtszeit, auf die Sie besonders stolz sind?
Bentler: Das größte Projekt war die Ortsmitte mit 500 Arbeitsplätzen. Dazu zähle ich Rathaus, "Sonne"-Platz, die Geschäftshäuser, das Seniorenzentrum das Kultur- und Vereinshaus und das Jugendhaus. Vor 32 Jahren hatte Gundelfingen kein Zentrum. Wenn man von Freiburg rein kam, hat man den Ort überhaupt nicht gespürt. Damals war Gundelfingen bestimmt durch eine hässliche Straße. Viele Autos, rechts und links alte Buden. Wir mussten die Ortsmitte aufbauen trotz der konkurrierenden Innenstadt Freiburgs und den vielen Märkten rund um Gundelfingen.

BZ:
Was waren weitere wichtige Projekte in Ihrer Amtszeit?
Bentler: Wichtig waren die kleinen Neubaugebiete für Familien. Es gab viele Freiflächen im Innenbereich. Die haben wir mit Bebauungsplänen ausgefüllt. Das größte war Nägelesee-Süd.


BZ:
Viel Platz gibt es jetzt nicht mehr.
Bentler: Im Innenbereich ist fast alles ausgenutzt. Die nächste Erweiterung müsste dann tatsächlich in den Außenbereich gehen, das wäre Nägelesee-Nord. Doch das ist umstritten im Gemeinderat. Das wird keine leichte Aufgabe für meinen Nachfolger.

BZ:
Das dritte wichtige Projekt?
Bentler: Ich habe mich immer dafür eingesetzt, dass die regionalen Grünzüge um Gundelfingen herum erhalten bleiben. Wenn Gundelfingen noch mehr mit Freiburg zusammenwächst, dann verliert es eines Tages seine Identität. Ich bin für Wachstum, aber auch für Grünzäsuren. Die Landschaft muss erhalten bleiben.

BZ:
Fahren Sie in Ihrem Leben noch mit der Straßenbahn durch Gundelfingen?
Bentler: Nein, das glaube ich nicht.

BZ: Wieso?
Bentler: Ich glaube, dass so viele Projekte beim ZRF anstehen, dass es finanziell vorerst nicht machbar ist. Man muss auch sicherstellen, dass es eine Lösung wie in der Freiburger Kaiser-Joseph-Straße gibt. Sprich, ohne Barrieren. Zähringen ist für mich ein Negativbeispiel, weil dort die Straßenbahn den Stadtteil zerschneidet.

BZ: Trauen Sie Ihrem Nachfolger eine Straßenbahnverlängerung zu?
Bentler: Ja, wenn er das will. Bei den Förderprogrammen eine Lösung wie in der Kaiser-Josef-Straße durchzusetzen, erfordert Fachkenntnis und Autorität. Ich finde es für einen Bürgermeister im Übrigen besser, wenn er sich fachlich auskennt und sich nicht nur als Moderator versteht.

BZ:
Sie wurden in Ihrer Amtszeit auch angefeindet. Wegen der Bauarbeiten auf dem "Sonne"-areal sollen Sie Polizeischutz beantragt haben.
Bentler: Als klar wurde, dass dort Bauplätze ausgewiesen werden, wusste ich sofort: Das gibt nur Ärger. Die "Sonne" lag 13 Jahre brach. Ein Kauf durch die Gemeinde schied wegen des exorbitant hohen Preises aus, es musste etwas geschehen. Ich wusste, da muss man jetzt durch. Dass die Auseinandersetzungen so heftig werden würden, hätte ich allerdings nicht gedacht.

BZ:
Wie lief das denn ab?
Bentler: Ich achte die Menschen sehr, die sich für die alte "Sonne" eingesetzt haben. Aber es gab eben auch Menschen, bei denen ich nicht wusste, ob sie die Grenzen erkennen. Ich bin in den Bürgerversammlungen aus einer bestimmten Richtung immer sehr stark angegriffen worden. Ich meine, dass ich mit Menschen umgehen kann, aber da habe ich sofort eine Wand gespürt. Ich bin nachts angerufen worden und einmal war Hundegebell im Hintergrund zu hören. Mit verstellter Stimme hat mich jemand beschimpft. Ich glaube zu wissen, wer es war.

BZ: Was haben Sie gesagt?
Bentler: Ich habe einen Fehler gemacht und gesagt, dass die Polizei eine Fangschaltung eingerichtet hat, was allerdings erst zwei Tage später der Fall war. Seitdem war zwar Ruhe. Deswegen haben wir die Person letztlich aber auch nie gekriegt.

BZ: Sie sagen, ein Bürgermeister müsse mit Autorität auftreten. Das haben Sie getan, als Sie dem Grundstück der evangelischen Freikirche für die Flüchtlingsunterbringung eine Absage erteilten. Warum haben Sie sich diesen Alleingang kurz vor Ende der Amtszeit angetan?
Bentler: Ich hatte mit dem Pastor abgesprochen, dass ich das machen werde. Er wollte das Heim nicht direkt vor seiner Kirche sondern am Rand, das wollten aber die Fraktionssprecher nicht. Ich habe alle Entscheidungen immer sehr durchdacht. Ich denke viel, manchmal zu viel. Bei der Sache hatte ich allerdings schon innerlich abgeschaltet, weil ich ja nicht mehr lange Bürgermeister bin. Das war ein Fehler. Ich dachte, das wird akzeptiert und dass wir uns dann andere Standorte anschauen. Ich hätte diese Sache besser dem Gemeinderat überlassen.

BZ: Hat sich die Akzeptanz für kommunalpolitische Entscheidungen gewandelt. Sind die Bürger heute kritischer?
Bentler: Ich bin froh, dass ich in den ersten 25 Jahren zusammen mit dem Gemeinderat gestalten konnte, wie ich mir das vorgestellt hatte. Heute wäre das vermutlich nicht mehr so einfach. Wir haben zum Beispiel verschiedene alte Gebäude abgebrochen, um Plätze zu schaffen. Wahrscheinlich würde es heute jedes mal eine Riesendiskussion geben.
BZ: Der Widerstand ist größer geworden?
Bentler: Ja. Bürgerbeteiligung ist auf der einen Seite gut und wichtig, wie man zum Beispiel beim neu gegründeten Bürgertreff sieht. Sie beinhaltet aber die Gefahr, dass Menschen nur ihre eigenen Interessen sehen. Ich finde die repräsentative Demokratie daher sehr gut, weil der Gemeinderat das Ganze im Blick und auch mehr Abstand zu den Dingen hat.

"Die Tausendjahrfeier
war ein Riesending."

BZ: Ein Kandidat, der nicht Bürgermeister wurde, sagte, er ist darüber gestolpert, dass er im Aufsichtsrat der Raiffeisenbank sitzt und diese Verflechtung wollen die Bürger nicht. Sie sind der Vorsitzende des Aufsichtsrats. Wie sehen Sie das?
Bentler: Die Raiffeisenbank ist eine Genossenschaftsbank, die vom Gundelfinger Bürgermeister vor 111 Jahren gegründet wurde, daher war es klar, dass ich als Bürgermeister in den Aufsichtsrat kam. Das ist ein Ehrenamt mit einer kleinen Entschädigung. Es war unglücklich, dass dieses Thema in den Wahlkampf gelangte. Das tut man meines Erachtens nicht.

BZ: Sie sehen keine Klüngelei am Werk?
Bentler: Ich vertrete nur Interessen der Genossen gegenüber dem Vorstand. Wir hatten beispielsweise in der Finanzkrise keine krummen Anlagen und auch keine Filiale in Luxemburg. Das haben wir nicht gemacht, wir sind bei den heimischen, seriösen Geschäften geblieben. Diese Diskussion macht es meinem Nachfolger unnötig schwer, das Amt jetzt anzutreten.

BZ: Was erwarten Sie von Ihrem Nachfolger Herr Walz?
Bentler: Ich hoffe, dass er sich das Vertrauen, das ihm bei der Wahl geschenkt wurde, bewahrt. Es wird nicht leicht. Ein Bürgermeister muss oft Nein sagen und auch viele enttäuschen. Die Wohnungsnot in Gundelfingen ist sehr groß. Das Schaffen von Wohnraum für Familien aber auch für Flüchtlinge ist eine schwere Aufgabe. Eine zweite wichtige Aufgabe ist die Stärkung der Ortsmitte. Sie ist ein kleines Pflänzlein gegenüber der Innenstadt von Freiburg und den großen Märkten. Ich sehe es auch kritisch, im Gundelfinger Gewerbegebiet wieder Fachmärkte anzusiedeln.

BZ: Weil das Kaufkraft abzieht?
Bentler: Ja, das ist eine Befürchtung.

BZ: Heuweiler hat ein neues Gemeindehaus bekommen. Benötigt der Ort auch einen eigenen Bürgermeister?
Bentler: Es gibt Bestrebungen, dass es einen eigenen Bürgermeister gibt, aber ich vermute auch, dass mein Nachfolger das gerne machen würde. Ich bin aber Vorsitzender der Wahlkommission, deswegen darf ich mich persönlich dazu nicht äußern. Bis Ende Juli 2015 bin ich jedenfalls dort noch Bürgermeister.

BZ: In Gundelfingen wird ja viel gefeiert. Ist Ihnen ein Partyerlebnis besonders in Erinnerung geblieben?
Bentler: Ja, die 1000-Jahr-Feier mit 120 historischen Gruppen aus halb Deutschland: Das war ein Riesending. Das zweite große Fest war die Einweihung des "Sonne"-Platzes. Da haben die Baugenossenschaften die Handwerker und die ganze Gemeinde eingeladen. Alle durften kostenlos trinken. Am Ende kam halb Freiburg. So viel Freibier wurde in Deutschland wohl noch nie ausgegeben.

BZ: Wie hoch war die Rechnung?
Bentler: Einige Tausender. Da die Vereine mitgeholfen hatten, hielt es sich noch einigermaßen im Rahmen.

BZ: Was machen Sie im Ruhestand?
Bentler: Ich habe viele Angebote ehrenamtlich tätig zu werden zum Beispiel im Verein Badischer Heimat, im sozialen Bereich und im Bereich der Stiftungen

BZ: Wollen Sie das überhaupt?
Bentler: Bedingt. Ich könnte mir auch vorstellen, ein Leben unabhängig davon aufzubauen. Meine Pension ist ja nicht schlecht. Ich gehöre nicht zu den Rentnern, die ständig reisen müssen. Ich könnte mir vorstellen, Bergtouren zu machen oder im Schwarzwald Mountainbiketouren. Ich könnte aber auch meine Erfahrungen, die ich im Baurecht gesammelt habe nutzen, um als Kommunalberater tätig zu werden.

BZ: Gestatten Sie mir noch eine persönliche Frage. Ich habe ein Wahlplakat von 1982 gesehen. Ihre Frisur ist auffallend ähnlich. Besuchen Sie seit 32 Jahren den gleichen Friseur?
Bentler: Ja. Ich gehe immer zu der gleichen Person. Es ist meine Frau. Sie schneidet mir die Haare, seit wir uns kennen. Ich war seit 40 Jahren nicht mehr beim Friseur. Das darf ich eigentlich nicht sagen, bei den vielen Friseuren im Ort.