Zur Navigation Zum Artikel

Wenn Sie sich diesen Artikel vorlesen lassen wollen benutzen Sie den Accesskey + v, zum beenden können Sie den Accesskey + z benutzen.

29. September 2008

Baptisten stolz auf alte Wurzeln

Die heutige evangelische Freikirche hat in Gundelfingen eine lange Tradition / Erster Beleg aus dem Revolutionsjahr 1849

  1. Offene Türen: Pastor Stefan Jung und Kirchenälteste Binninger Foto: Kiefer

GUNDELFINGEN Die Kirchengeschichte der evangelischen-freikirchlichen Gemeinde Gundelfingen stand im Mittelpunkt eines weiteren Vortrags zur 1000-Jahr-Feier der Gemeinde Gundelfingen. Pastor Stefan Jung referierte über die Geschichte der in der Gemeinde ansässigen Baptisten-Gemeinde. Zahlreiche Gundelfinger Bürger kamen zu dem Vortrag, der vom Bildungswerk Bruder Klaus organisiert wurde.

Als Freikirche sind die Baptisten vom Staat unabhängig. "Wir sind evangelisch, das heißt, wir teilen die Glaubensbasis vieler protestantischer Kirchen", erklärte Pastor Jung. Neben Glaubenstaufe, persönlicher Gottesbeziehung und Gewissensfreiheit gelten für die Baptisten die Begriffe bibeltreu, missionarisch und weltoffen. Die Gundelfinger Gemeinde ist eine von rund 900 evangelisch-freikirchlichen Gemeinden in Deutschland, die mit zusammen rund 88 000 Mitgliedern die größte Freikirche in der Bundesrepublik sind, weltweit nach den Pfingstlern die zweitgrößte. Die Glaubensgemeinschaft der Baptisten entstand 1607 in Holland. Johann Gerhard Oncken gründete 1834 in Hamburg die ersten deutsche Gemeinde, nachdem er die Baptisten in England kennengelernt hatte.

Werbung


"In Gundelfingen wurden schon im 30-jährigen Krieg sogenannte Andersgläubige hier aufgenommen", berichtete Pastor Jung. "Sie galten als fleißige Bürger, die stets Erneuerungen einführten." Zum ersten Mal schriftlich erwähnt wurden die Baptisten in Gundelfingen 1849. Und das auch nur, weil damals die Frau von Georg Klaiber durch einen Schlaganfall gelähmt war. Ärztliche Hilfe brachte nichts. Also wandte sich der besorgte Ehemann im Gebet zum Herrn. "Bald wurde im Dorf bekannt, dass in meiner Wohnung Versammlungen abgehalten wurden", schrieb Klaiber in einem Brief, der in den Archiven der evangelisch-freikirchlichen Gemeinde heute noch aufbewahrt wird. Selbst preußische Soldaten fanden sich zum Gebet ein. Jedoch waren zur damaligen Zeit, als die badische Revolution von Preußen niedergeschlagen wurde, Versammlungen nicht gern gesehen. Gehässigkeiten, Beschimpfungen und Nachstellungen musste Georg Klaiber über sich ergehen lassen. "Doch obwohl der Feind auch in Zukunft nicht schlief, so wusste der liebe Herr sein Reich zu bauen." Die kleine Gemeinde wuchs und wuchs, die ersten Taufen Erwachsener wurden vollzogen.

Die kleine Schar in Gundelfingen wurde vom Prediger Lorders von der Baptistengemeinde aus dem Elsass betreut. Er hielt wöchentliche Andachten, zu denen Nachbarn und Verwandte eingeladen wurden. Am 9. Mai 1870 schrieb er aus der "lieblichsten Station Gundelfingen" an Johann Gerhard Oncken: "In Beisein von mindestens 600 Menschen konnten wir an sechs bekehrten Seelen die schriftgemäße Taufe vollziehen." Dieser Gottesdienst in freier Natur bereitete dem katholischen und evangelischen Predigern das Unangenehme, ihre Kirchen leer zu finden, schrieb Lorders.

20 Jahre kümmerte sich der Prediger Lordes um die Gundelfinger Hausgemeinde die mittlerweile auch 40 Gemeindemitglieder angewachsen war. Am 1. April 1877 fand die Gemeindegründung statt. Der erste Prediger wurde eingestellt: Bruder Fritz aus Backnang. Im Jahr 1891 wurde ein Bauplatz gekauft. 1892 wurde dann unter großen finanziellen und zeitlichen Opfern die Kapelle in der Vörstetter Straße gebaut. 1927 errichteten die Gemeinde eine Predigerwohnung über dem Gottesdienstraum. Nach 1945, als viele Flüchtlinge aus dem Osten kamen, wuchs die Gemeinde Gundelfingen auf 220 Mitglieder an. Ein neues Gemeindezentrum musste gebaut werden, weil die alte Kapelle viel zu klein geworden war. 1975 wurde auf dem Nebengrundstück ein neues Zentrum für rund 230 Gottesdienstbesucher errichtet. Erst zehn Jahre später wurde die alte Kapelle abgerissen. "Alle Bauangelegenheiten wurden stets mit viel Elan, Einsatz und großen finanziellen Opfern der Gemeindemitgliedern angegangen", wusste Pastor Jung zu berichten. Doch man brauchte immer mehr Platz: 2000 wurde der Verkündigungsbereich vergrößert, ein Jahr später musste im Pastorat das Obergeschoss für weitere Räume ausgebaut werden.

Seit Ende 2006 werden nun die Gottesdienste mit einem Beamer ins Foyer übertragen, weil es im Verkündigungsraum kein Platz mehr gibt. Inzwischen zählt die Gemeinde 295 Mitglieder. Dabei gelten als Mitglieder jene, die die "Glaubenstaufe" empfangen haben. Da die Baptisten erst ab dem 14. Lebensjahr taufen, werden Kinder von Mitgliedern oder Freunde, die zu den Gottesdiensten kommen, nicht zur Gemeinde gezählt.

Autor: Andrea steinhart