Die Macht des Wassers

Andrea Steinhart

Von Andrea Steinhart

Sa, 29. Januar 2011

Gundelfingen

Ein neues Regenwassernutzungsprojekt wird in Indien mit Hilfe der Gundelfinger Initiative "Wasser ist Leben" erfolgreich umgesetzt.

GUNDELFINGEN/VELHOLI/MUMBAI. Es ist erst neun Uhr morgens. Das Thermometer in Velholi/Indien steigt im Minutentakt. Ajit Gokhale und seine Leute sind mit ihrer Arbeit längst nicht fertig. Entlang der alten Staudamm-Mauer muss die Erde noch über einen Meter tief ausgegraben werden. Alles natürlich in Handarbeit. Finanziert wird das segensreiche Projekt vom Gundelfinger Verein "Indienhilfe - Wasser ist Leben".

30 Männer hacken, buddeln und kauen Betel. Schwester Barbara von den "Helpers of Mary" schaut zu und strahlt vor Glück über den stetig vorschreitenden Baufortschritt des neuen Damms, der das Leben im Hilfszentrum Mukta Jeevan nun wieder möglich macht. Wassermangel wird in Indien zunehmend ein Problem. Die Dürreperioden werden immer ausgeprägter.

"Kommt dann nach neun Monaten Trockenheit der ersehnte Monsun, stürzt das Regenwasser sintflutartigen von den Bergen ins Tal herab", erzählt Schwester Barbara. Die verkrustete Erde kann nichts aufnehmen. Im Gegenteil, das Wasser reißt die vorhandene Erde und die Steine mit sich. Die alten, dünnen Staumauern in Velholi konnten das Wasser schon längst nicht mehr halten. Die Trinkwasserbrunnen sind über Monate hinweg ausgetrocknet. "Der eindringliche Hilferuf kam vor einigen Monaten", erzählt Gerda Geretschläger vom Gundelfinger Verein "Indienhilfe – Wasser ist Leben".

Das 1987 als Leprakrankenhaus gegründete Mukta Jeevan liegt 90 Meilen von Mumbai entfernt im Vorland eines Küstengebirges. In dem inzwischen multifunktionalen Hilfszentrum werden HIV-infizierte Kinder und Frauen gepflegt, alte Frauen und Männer beherbergt und Leprakranke versorgt. Über 200 Bedürftige leben hier. Jahrelang wurde das 26 Hektar große Gelände von einem nahe gelegenen Kanal gespeist. Das Ackerland war fruchtbar. Obst, Gemüse und Reis gab es für die Kranken zur Genüge. Doch nun wird das Wasser in Mukta Jeevan immer knapper, weil Mumbai dem Umland mehr und mehr das Wasser abzieht. "Viele Bauern ringsherum haben wegen der anhaltenden Dürre das geplagte Hinterland bereits verlassen und sind weggezogen", sagt Schwester Barbara. "Wir mussten etwas tun."

Dank der finanziellen Hilfe aus Deutschland von rund 40 000 Euro kann nun das modellhafte Regenwassernutzungs-Projekt des Wasserspezialisten Ajit Gokhale umgesetzt werden. In drei kaskadenähnlichen Rückhaltebecken, jeweils durch Staumauern getrennt, wird das Wasser daran gehindert, unkontrolliert ins Tal zu fließen. Die Ventile in den Staumauern, die nach Ende der Regenzeit geschlossen werden, halten das Wasser zurück. "Durch das langsame Versickern wird nun auch wieder der Grundwasserspiegel steigen", versichert der Botaniker Ajit Gokhale. Die Technik des Staudammprojekts, die von ihm entwickelt wurde, erläuterte er sehr detailliert der interessierten Gruppe aus Gundelfingen.

Durch Bildung raus aus dem Leben im Müll

Helfen konnte der Verein "Indienhilfe – Wasser ist Leben" auch im Slum Malwani, das sich im Nordosten der Wirtschaftsmetropole Mumbai gebildet hat und täglich weiter wächst. Mit dem Wirtschaftsaufschwung kommen nämlich auch immer mehr Wanderarbeiter und Bauern aus allen Regionen Indiens in die Stadt. Zusammengepfercht unter Plastikplanen, Pappe oder Brettern, ohne fließendes Wasser und ohne Toiletten, leben hier viele hunderttausende Migranten aus armen ländlichen Gebieten.

Die Frauen und Kinder sammeln den Müll, sortieren ihn und verkaufen das Wiederverwertbare. Um zumindest den Kindern zu helfen, sind die Mary-Schwestern seit 1997 im Slum tätig. Sie organisieren für die "Müllkinder" eine Vorschule, Förderklassen und einen Kindergarten. "Über 250 Kinder kommen täglich in unsere Schule", verdeutlicht Schwester Ajita.

Damit alle Mädchen und Jungen in dem 20 Quadratmeter großen Raum unterkommen, haben die Marys den Unterricht in drei Schichten eingeteilt. Die Kinder sitzen auf dem Boden, ihre Hefte halten sie im Schoß. Es herrscht eine bedrückende Enge. Mit finanzieller Hilfe aus Gundelfingen konnte nun das Gebäude in mehrmonatiger Umbauphase um ein weiteres Stockwerk erweitert werden. Das wurde jetzt feierlich eingeweiht. Eine Einzelspende ermöglichte zudem den Kauf von Computern, so dass die Kinder täglich neben den zwei Förderstunden in Hindi, Englisch, Mathematik, Geschichte, Religion und Singen auch in der Anwendung von PCs unterrichtet werden. "Die Eltern können zwar selbst weder lesen noch schreiben – wissen aber mittlerweile, wie wichtig Bildung für ihre Kinder ist und schicken sie deshalb zu uns", weiß die leitende Schwester Ajita. "Nur mit Bildung kommen die Kinder raus aus dem Müll." Außer Wissen erhalten die Kinder Schulkleidung, Bleistifte, Papier, hin und wieder ein Stück Obst und täglich eine kleine Mahlzeit – für viele ist das sogar die einzige am Tag. Der neue Raum im Obergeschoss wird auch für Weiterbildung der Slumfrauen genutzt, die dort über Familienplanung, Bürgerrechte und Hygiene von den Schwestern aufgeklärt werden.

Dass eine Gesellschaft keine Aussicht auf Erfolg hat, wenn ihre Frauen nicht ausgebildet sind, wissen die "Helpers of Mary" nur zu genau. Daher lehren sie zum Beispiel den jungen Frauen aus den Slums das Nähen. Sieben Monate lang werden sie täglich unterrichtet. Am Ende erhalten sie ein Zertifikat und eine fußbetriebene Singer-Nähmaschine. Auch Lela (32), Mutter von drei kleinen Jungen, hat den Nähkurs erfolgreich besucht. Ihr Mann hat schon lange keine Arbeit mehr. Mit der Nähmaschine kann sie nun Flickarbeiten erledigen oder auf Bestellung arbeiten. Für eine Bluse bekommt sie 40 Rupien (70 Cent). "Mit meinem Verdienst kann ich das Essen für meine Familie kaufen. Nun habe ich keine Angst mehr vor dem nächsten Tag", sagt Lela dankbar. 7500 Euro für 75 Nähmaschinen und die dazugehörigen Schulungsgebühren übergab die Gundelfinger Gruppe der Ordensleitung. Das Geld wurde von einer Freiburger Frauengruppe und mehreren Breisgauer Firmen gespendet.

Einen Informationsabend über die Arbeit des Vereins gibt es am 26. Februar, um 20 Uhr im Gundelfinger Rathausfoyer. Projektmitarbeiterinnen berichten dabei über die aktuellen Projekte und Oliver Müller, Leiter der Caritas international, wird zum Thema referieren "Indien – zwischen Tradition und Umbruch – macht Entwicklungshilfe dort noch Sinn?"

Hinweise: Der Verein "Indienhilfe – Wasser ist Leben" ist unter 0761 – 52406, oder unter gerda.geretschlaeger@gmx.de zu erreichen. Spenden, mit der die Arbeit der Helpers of Mary unterstützt wird, können bei der Raiffeisenbank Gundelfingen, BLZ 680 642 22, Kontonummer: 30 30 300 einbezahlt werden.