Extremsport

Ein Gundelfinger Läuferpärchen mag es extrem

Anja Ihme

Von Anja Ihme

Sa, 08. August 2015 um 16:21 Uhr

Gundelfingen

Auf Extremstrecken unterwegs: Ob Wüsten oder Gebirge, dem Gundelfinger Läuferpärchen Brigid Wefelnberg und Jürgen Nübling ist kein Pfad zu steil und kein Weg zu weit.

Sie läuft am liebsten durch heiße Wüsten, er am liebsten über hohe Berge – eigentlich wären sich die beiden also nie über den Weg gelaufen. Und doch führte an dieser Liaison eigentlich kein Weg vorbei. Das wird spätestens klar, wenn man im Interview ihren leuchtenden Augen und seiner stillen Begeisterung gegenübersitzt und beide behaupten: "Wir fühlen uns wie Teenager". Extremstreckenläuferin Brigid Wefelnberg und Ultraläufer Jürgen Nübling aus Gundelfingen benötigten jedoch ein halbes Jahrhundert, um sich endlich zu begegnen. Und zu verlieben.

Das war im März 2013. Zur ersten Begegnung kam es dann romantischerweise in der Schalterhalle einer Bank: "Ich sammelte, wie jedes Mal vor einem Lauf, Spenden für die Menschen vor Ort und über einen gemeinsamen Bekannten, Norman Bücher, hatte Jürgen davon erfahren", sagt Wefelnberg. "Genau passend, ich war gerade dabei, den Kleiderschrank auszumisten, in all den Jahren sammeln sich doch viele Sportutensilien", ergänzt der 48-Jährige. Es sei ein zackiges Treffen gewesen, zwei Tage vor Abflug: Klamotten an Brigid, drei Sätze, 15 Minuten später ging jeder seines Weges – "... mit der Aussicht auf eine Verabredung nach meinem Lauf", zwinkert die gebürtige Amerikanerin, die nur für gute Zwecke rennt.

Langstreckenläufer sind einsam

Liebe auf den ersten Blick sei es nicht gewesen: "Ich war nach langer Beziehung alles andere als auf der Suche, und es ist sowieso fast unmöglich, einen Partner zu finden, der das mitmacht: ständig verschwitzte Klamotten, Ernährungsgewohnheiten, Trainingspläne, Abwesenheiten – Langstreckenläufer sind einsam", weiß Nübling, der als leitender Angestellter für ein Medizintechnik-Unternehmen in Eschbach arbeitet. Auch Wefelnberg meint: "Ich bin mit meinem Sport verheiratet, dazu meine zwei Töchter (17, 21) und mein Beruf, da bleibt keine Zeit für eine Beziehung."

Bei der ersten Verabredung sei es beiden auch nur um den Erfahrungsaustausch gegangen, beteuern sie. Dies sei im Laufe des Jahres zu einer Art Gewohnheit geworden, nach Läufen im Königreich Bhutan oder in der Schweiz. Bei ihr habe es schnell mächtig geknistert, gibt Wefelnberg zu, sie habe dann das Ruder übernommen: "Anfänglich ging es meistens um unseren Sport, um die Reisen und Länder. Wäre es nicht allmählich privater geworden, hätte ich es wohl gelassen." Aber es sei dann privater geworden, schmunzelt Wefelnberg, die 2006 mit einem der härtesten Läufe der Welt, dem Marathon des Sables, in den Extremsport einstieg. "Ich will in meinen Läufen von der Zivilisation so weit wie möglich wegkommen."

"Wir haben vielleicht

einfach ein paar

Turnschuhe mehr."

Jürgen Nübling
Der Zeitpunkt des Kennenlernens und Näherkommens sei ein ganz glücklicher und der einzig richtige gewesen: "Wir waren beide Singles, die Kinder annähernd erwachsen, viel früher wäre es realistischerweise gar nicht zu einer Annäherung gekommen", sind sich beide einig. Und Wefelnberg beschreibt die Beziehung: "Natürlich bestimmt der Sport unser Leben, aber wir verbringen auch genug Zeit als ganz normales Paar, gehen zusammen einkaufen, gehen aus, machen Urlaub und gehen natürlich auch zusammen laufen." – "Wir haben vielleicht einfach ein paar Turnschuhe mehr und wir lachen sicher mehr zusammen als andere Paare", grinst der gebürtige Gundelfinger, der an seiner Freundin vor allem den Humor schätzt. "Ich liebe an Jürgen nicht nur seinen Hang zum Extremsport, sondern auch den ganzen Rest", strahlt Wefelnberg.

Laufutensilien und rote Rosen

Es seien die vielen Kleinigkeiten und gegenseitigen Aufmerksamkeiten, die ihren häufig getrennten Alltag ausmachten, "Wenn ich auf einem Rennen bin, fiebert Jürgen mit, versorgt meine Facebook-Follower mit Nachrichten. Wir halten per Satellitentelefon oder SMS Kontakt, manchmal bricht dieser aber Tage lang ab", so Brigid. "Als ich mal als 13.te durchs Ziel lief, warteten 13 rote Rosen hier zu Hause auf mich." Und Nübling ergänzt: "Ja, wir schauen, dass nicht nur der Sport zählt, aber ich finde es toll, wenn wir gegenseitig so ein großes Verständnis für das krasse Hobby des anderen aufbringen können. Ich freue mich einfach, wenn ich sehe, wie Brigid begeistert ihre nächsten Läufe plant und ihre ganze Ausrüstung – von unzähligen Bandagen über Stirnlampe Rettungsdecke, Kompass und Leuchtstäbe bis zum GPS-Gerät – in der Wohnung ausbreitet."

Sportsüchtig seien die beiden indes nicht: "Das ist eher eine drängende Leidenschaft", meint Wefelnberg. "Nach ein paar Monaten möchte ich einfach wieder reisen, andere Kulturen und Menschen erleben, körperliche Grenzerfahrungen sammeln. Und Jürgen ist nicht gleich schlecht gelaunt, wenn er mal das Training ausfallen lässt." Dazu meint der ehemalige Leistungskampfsportler: "Mehr als drei bis vier Termine im Jahr gehen einfach nicht, alles andere ist ungesund. Ich möchte vor allem von meinem sehr vorhersehbaren Alltagstrott Abstand gewinnen.

Beim Laufen kann alles passieren

Im Ultrabereich ist jeder Lauf anders, Rahmenbedingungen und Ausgang des Laufs meist völlig offen. Bei herkömmlichen Läufen weiß man fast auf die Sekunde, was wann passiert und wie man selber abschneidet, das hat mir sehr schnell nicht mehr gereicht", so Nübling, der mit 38 Jahren zu alt für den Leistungssport im Taekwondo wurde und auf Empfehlung seines Arztes zum Laufen kam, dabei sein überdurchschnittliches Talent für Ausdauer und noch viel zufälliger seine Bergqualitäten entdeckte.

Sein nächster Lauf sei seine vierte Teilnahme beim Transalpine-Run im August, der als anspruchsvollster Bergetappenlauf der Welt gilt und aus Sicherheitsgründen nur zu zweit im Team gelaufen werden darf. "Ich trete mit einer Ultraläuferin aus Stuttgart an. Wäre das ein Problem für Brigid, würde ich das nicht machen." Wefelnberg schnürt kurz darauf die Laufschuhe für den "Kalahari Augrabies Extreme Marathon" im Oktober, 250 Kilometer durch die Wüste. In sieben Tagen.

Der gemeinsame Alltag gelinge noch besser, seit Wefelnberg ihren Lebensmittelpunkt auf Munzingen und Gundelfingen aufteilt: "Als meine Kinder ausgezogen sind, habe ich mich in Munzingen verkleinert und mein Homeoffice zu Jürgen nach Gundelfingen verlegt", sagt sie, "von wo aus ich arbeite, ist nicht unwichtig, ich bin für ein indisches Softwareunternehmen als Deutschland-Koordinatorin und Übersetzerin tätig."

"Wir sind total happy so, wie es ist, wir haben keinen Masterplan", betont auch Jürgen Nübling. Ein gemeinsames Etappenziel sei jedoch angedacht: "Brigid hat mich mittlerweile infiziert", lacht Nübling, so könne es 2016 klappen, dass beide gemeinsam antreten werden bei "The Track", dem legendären 520-Kilometer-Lauf quer durch Australien. Und am Schluss fragt man sich, wann und wo ein solches Paar wohl heiraten müsste – vielleicht extrem normal – in Gundelfingen?