Schüler beschäftigen sich mit Naziterror: "Unvorstellbare Unmenschlichkeit"

Antonia Felber

Von Antonia Felber

Fr, 14. Mai 2010

Gundelfingen

Schüler der Gundelfinger Albert-Schweitzer-Hauptschule beschäftigten sich mit dem Naziterror / Besuch in Auschwitz.

GUNDELFINGEN. Noch nie zeigte sic h laut Sport- und Techniklehrer Schwarz die Klasse 8 der Albert-Schweitzer-Hauptschule bei einem Schulthema so beeindruckt wie während der Klassenfahrt in die neuere deutsche Geschichte. Die Schüler waren jüngst im Zusammenhang mit dem Projekt "Zug der Erinnerung" in Berlin und Auschwitz und haben sich dabei intensiv mit dem Holocaust beschäftigt. Mit dabei war ebenfalls ein Zeitzeuge, der den Gundelfinger Schülern seine Erlebnisse im Konzentrationslager Bergen-Belsen berichtete.

Der "Zug der Erinnerung" rollt seit Ende des Jahres 2007 durch Deutschland und ist eine rollende Ausstellung in einer historischen Eisenbahn, die Kinderbiographien und die Verbrechen der Nationalsozialisten zeigt. Erst im März 2009 machte der Zug in Freiburg halt und lockte 7500 Besucher an, unter anderem die Schüler der Albert Schweitzer Schule. Mitte April diesen Jahres fuhr die Klasse 8 mit ihrem Lehrer Christoph Schwarz und der Leiterin des Freiburger Projekts "Stolpersteine", Marlis Meckel, auf Klassenfahrt nach Berlin und Auschwitz. In Berlin besuchten sie unter anderem das Museum "Blindenwerkstadt Otto Weidt" und den jüdischen Friedhof.Dann fuhr die Klasse nach Auschwitz und übernachtete drei Nächte im Zentrum für Dialog und Gebet.

"Das Hotel in Auschwitz war besser als die Jugendherberge in Berlin" erzählt Robin. Jedoch machte sich beim Anblick der Dimensionen des Vernichtungslagers bei den 13- bis 15-Jährigen ein beklemmendes Gefühl breit. "Die Unmenschlichkeit der Nazis war unvorstellbar", sagt Nicolas. Robin berichtet: "Als wir ankamen, war es dunkel und neblig, man konnte nur das große Tor erkennen. Am nächsten Tag war alles noch atemberaubender."

"Im Bus war es ganz ruhig. Man ließ alles auf sich wirken und wurde von der Größe erdrückt", erzählt Marcus. Die Schüler waren schwer beeindruckt von dem Schrecken, der ihnen vor Augen geführt wurde. "Am schlimmsten fand ich die Räume, in denen die Menschen leben mussten, die Latrinen, Schlafräume und Gaskammern. Alles war leer und hart" sagt Laura und Christian fügt hinzu: "Es war furchtbar, die Koffer, Haare und Brillen der Ermordeten zu sehen."

Der Zeitzeuge Josef Aron kam mit der Klasse zum ersten Mal nach Auschwitz, um seine Vergangenheit aufzuarbeiten. "Er wollte nicht allein dorthin" erklärt Marcus. Julia wundert sich, "dass er sich getraut hat und die Kraft hatte, uns das alles zu erzählen."

Aron wurde in Frankfurt am Main geboren. Heute lebt er in Jerusalem und ist 75 Jahre alt. Sein Vater, ein orthodoxer Rabbiner, flüchtete 1939 nach Holland und ließ seine Frau mit elf Kindern zurück. Daraufhin floh der Sechsjährige mit seiner drei Jahre älteren Schwester nach Frankreich, wo sie aber gefunden und nach Bergen-Belsen deportiert wurden. "Sie wurden mit 80 Kindern in einem Viehwaggon ins KZ transportiert.

Robin: "Sie wurden wie Tiere behandelt"

Viele der Kinder verhungerten schon auf dem Hinweg. Im Lager mussten sie zwei Jahre im Straßenbau arbeiten und wurden wie Tiere behandelt", erzählt Robin. Dann sollten die Kinder zu den Gaskammern gebracht werden, doch Aron wurde verschont: "Du bist noch zu jung zum Sterben" sagte ein Kommandant zu Aron, "doch wenn der gewusst hätte, dass ihn ein zwei Jahre Vergewaltigungen, Peitschenschläge und Erniedrigung erwarteten, wäre er lieber gestorben" berichtet Robin weiter. Als er mit zehn Jahren von den Engländern befreit wurde, wog er gerade noch 11 Kilogramm. Arons Mutter und einige Geschwister waren in Auschwitz umgekommen. Zum Vater wollten er und seine Schwestern nicht zurück, sie hatten den Verrat nicht vergessen. Marlis Meckel schwärmt von dem Einfühlungsvermögen der jungen Gundelfinger . "Sie haben sich von Herzen um den Mann gekümmert, er ist sehr gerührt." Robin hätte Josef gerne schon in Berlin kennengelernt: "In Auschwitz war er immer so traurig und bedrückt." Zum Geburtstag hat ihm die Klasse einen Brief geschrieben, viele der Schüler wollen ihn auch noch anrufen. Aron bezeichnete sie als "seine Kinder". "Eigentlich ist er noch ein lebensfroher Mann", sagt Marcus, "er hat uns abends noch viele Dinge aus seinem Leben erzählt".

Es waren noch andere Klassen im gleichen Zeitraum in Auschwitz, mit denen die Schüler eine Gedenkfeier zum Abschluss hielten. "Eine Gruppe hat ein Lied aus dem Film Die Kinder des Monsieur Matthieu gesungen, das klang richtig gut" erzählt Maike. Meckel ist beeindruckt von der "Zuverlässigkeit und Disziplin der Kinder" und Lehrer Schwarz berichtet: "Die Fahrt war zwei Wochen Dauerthema, ein so tiefes Interesse ist man sonst nicht gewohnt. Vielen Erwachsenen ist das zu hart, die würden sich eine solche Fahrt nicht antun". Seiner Meinung nach müsse man im Unterricht viel öfter raus gehen und den Kindern eine ernsthafte Aufgabe stellen.