Zum Konzert gefiederter Sänger

Andrea Steinhart

Von Andrea Steinhart

Di, 25. April 2017

Gundelfingen

Frühaufsteher aus Gundelfingen begleiten Norbert Hollenkamp bei einer Vogelstimmenexkursion durch Wald und Rebberge.

GUNDELFINGEN. "Der frühe Vogel singt sein Lied ...", sagte Norbert Hollenkamp – und los ging die Vogelstimmenexkursion am Samstagmorgen um 6 Uhr. Rund 25 Interessierte hatten sich am Treffpunkt in Gundelfingen zur zweistündigen Wanderung eingefunden, um die heimische Vogelwelt zu erkunden und den Vögeln zu lauschen.

Ein Paradies für Vögel ist der Gundelfinger Rebberg. Schon nach den ersten Metern erwartete die Wanderer ein Konzert aus vielen Vogelkehlen. Die Beteiligten: der Garten-Rotschwanz, der auf der Liste der bedrohten Vogelart steht, die Kohlmeisen, der Buchfink und natürlich der Feldsperling. Auch ein Grünspecht stimmte in den Gesang ein, außerdem ein Kuckuck. "Das sind nun ein paar Stimmen zu viel, um sie einzeln zuzuordnen", sagte der Feld-Ornithologe, der 300 Vogelarten an ihrem Rufen erkennt. "Aber am Ende der Wanderung werden Sie zwei oder drei Vogelstimmen aus dem großen Konzert erkennen können", sagte Hollenkamp. Und er sollte Recht behalten.

Fast jeder Vogel hat seinen eigenen Gesang, an dem er zu erkennen ist. "Hören Sie das?", fragte Hollenkamp in die Runde. "Das ist eine Kohlmeise, eindeutig an ihrem ’Zizibäh Zizibäh’ zu erkennen." In den Tiefen seiner Umhängetasche kramte der Vogelkundler auch gleich ein Bild des zu hörenden Vogels heraus und ebenso die Information, dass Kohlmeisen über ein reichhaltiges Repertoire an Gesangsmotiven verfügen und ein Talent haben zum Nachahmen anderer Meisenstimmen. "An ihrem schwarz-weißen Kopf, der gelben Unterseite und dem markanten schwarzen Bauchstreifen ist sie aber leicht zu erkennen", erläuterte er.

Gleich darauf lachte es frech von der freien Wiese her: ein Grünspecht. Er holt mit seinem Schnabel und seiner langen klebrigen Zunge seine Leibspeise aus dem Boden heraus – Ameisen. Davon schafft er bis zu 2000 Stück am Tag. Sein freudiger Gesang "klü, klü, klü" ist weit zu hören. Melodischer wurde es beim nächsten Singvogel. Er trägt eine Mönchskappe und verdankt ihr auch seinen Namen: Die Mönchsgrasmücke ist einer der häufigsten Singvögel in der Gegend. "Sie übt täglich viele Stunden, ihr flötender Gesang ist durchgehend zu hören", erklärte Hollenkamp. Und dazu beherrscht der Singvogel auch noch verschiedene Dialekte.

Weiter im Wald vorgedrungen, hörte die Gruppe einen Streit unter Buchfinken: "Zi zi zi zi zie zie zie ziebirie". Klar und hart klang der Gesang von den Bäumen herunter. "Der Warnruf des Buchfinken hört sich nach pink oder fink an", erklärte Hollenkamp seinen aufmerksamen Zuhörern. Dann mischte sich ein dumpfes und rhythmisches "Ruhgu-Ruguhu-guu" unter den Gesang: Eine Ringeltaube hatte sich dazu gesellt. "Hier im Gundelfinger Wald gibt es auch die Hohltaube – ein reiner Waldvogel", sagte Hollenkamp.

Der Kleiber läuft den Stamm kopfüber nach unten

30 Vogelstimmenexkursionen hat er über den Schwarzwaldverein Gundelfingen schon geführt. Seit Jugendzeiten beschäftigt er sich mit dem Thema. Sein Wissen erwarb er sich in Vorträgen der Fachschaft für Ornithologie an der Universität Freiburg, der er angehört, sowie durch Fachliteratur. Als ein kurzes, hohes Pfeifen zu hören war, machte Hollenkamp auf den unscheinbaren Gartenbaumläufer aufmerksam. "Der kleine, braun gefleckte Vogel klettert bei der Nahrungssuche den Baumstamm nach oben, in Ausnahmefällen aber auch mal rückwärts stammabwärts." Nur der Kleiber, als einziger Vogel überhaupt, kann kopfüber den Baumstamm hinunterlaufen, verriet der Experte. Das wusste der zwölfjährige Juri längst. Er ist zum vierten Mal mit seinen Geschwistern bei einer Vogelstimmenwanderung dabei. "Weil ich es toll und interessant finde", sagte er und suchte gleich den hörenden Vogel mit Hilfe seines Fernglases in den Bäumen. Eine andere Teilnehmerin kannte auch schon fast alle Vogelstimmen – sie wollte nur noch Feinheiten beim Heraushören lernen.

Bei der Führung ging es nicht nur um den Gesang, es gab auch Infos zu den Vögeln. "War früher die Amsel ein reiner Waldvogel, so ist sie heute ein Stadtvogel", erfuhren die Teilnehmer. Das Regenwurmangebot in den Gärten sei dafür verantwortlich. Auf dem Rückweg blieb Hollenkamp an einer Wiese mit Obstbäumen stehen. "Wenn wir Glück haben, siedelt sich hier der Wiedehopf an – ein orangefarbiger Vogel mit dünnen, gebogenen Schnabel und einer coolen Federhaube, die vor allem Maulwurfsgrillen mag." Ob Amsel, Drossel, Fink und Star – zu nahezu jedem Vogel gab es eine kleine Geschichte, im Nu war die zweistündige Führung vorbei. Am Ende standen gut 20 Arten auf der Liste der Vögel, die es zu hören gab.