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26. Januar 2013

Geheimnis um Erdmännlein gelüftet

Beeindruckender Vortrag von Werner Störk beim Dorfabend / Hasel als "Schatzkästlein" der Region / Erdmännlein sind Venezianer.

  1. Werner Störk schenkte der Gemeinde eine Militärkarte aus dem Jahre 1701. Bürgermeister Helmut Kima nahm sie dankend entgegen. Foto: Heiner Fabry

HASEL. Selbst für alteingesessene Hasler war der Vortrag von Werner Störk im Bürgerhaus eine Sternstunde heimatkundlicher Forschung. In einem großen historischen Tableau stellte Werner Störk Hasel als "Schatzkästlein" der Region vor, dessen Bedeutung als Grenzort und Kommunikationsknoten im badischen Gebiet der "Wüstgläubigen" kaum jemandem unter den Zuhörern bewusst war.

Der Kleine Saal im Hasler Bürgerhaus konnte die Menge der Interessierten kaum fassen. Der Referent stellte seinen Vortrag gleich zu Beginn in einen größeren Zusammenhang. Während die von ihm beschriebene Zeit des Barock den meisten als Zeit hoher Kultur, prunkvoller Bauten und prägender historischer Gestalten im Bewusstsein ist, machte Werner Störk auf die Lebenssituation der Bürger und Bauern aufmerksam, für die diese Zeit eine Epoche größten Elends war.

In den knapp mehr als hundert Jahren zwischen 1519 und 1634 wurde das Wiesental von fünf Pestwellen heimgesucht, zwei Drittel der Bevölkerung wurden dahingerafft. Gleichzeitig war dies eine Zeit nahezu permanenter Kriege und Kriegsbedrohungen. "In der Zeit des Barock hatten die Menschen 75 Jahre Krieg und 99 Jahre Kriegsbedrohung zu erleiden", führte Werner Störk aus.

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Hasel und Gersbach als Wurmfortsatz der Markgräfler Enklave

Ludwig XIV., der Sonnenkönig in Frankreich, erklärte den Rhein zu Frankreichs Ostgrenze, ließ von seinem Baumeister Vauban Festungsanlagen entlang des Oberrheins errichten, von denen das französische Heer permanente Kontributionszüge in das Markgräfler Land unternahm. Zur Abwehr entstanden über die Höhenzüge des Schwarzwalds die Schanzenlinien des Markgrafen Ludwig Wilhelm von Baden, des "Türkenlouis", als Defensivanlagen, die von Murg über Säckingen bis nach Offenburg reichten.

Das Ergebnis war, dass das rechtsrheinische Gebiet der "wüstgläubigen" Evangelischen den Einfällen der Truppen des Sonnenkönigs schutzlos ausgeliefert war. Diese Markgräfler Enklave hatte als äußerste östliche Spitze den "territorialen Wurmfortsatz", wie Werner Störk ihn nannte, mit Hasel und Gersbach.

Eindrücklich dokumentierte Störk Art und Gestalt der Wälle, Schanzen, Stubentüren und Krebsfallen, die von den Bauern in mühsamster Fronarbeit errichtet werden mussten, um die Menschen sowie ihr Hab und Gut zu schützen. Eine Premiere für die Hasler Zuhörer war der Nachweis bisher unbekannter Schanzanlagen, die mit Hilfe von Luftradaraufnahmen identifiziert werden konnten.

"Nicht die Wehratalstrecke war der wichtigste Verbindungsweg nach Norden", erläuterte Werner Störk, "sondern die Straße, die über Hasel nach Gersbach – rein über ’evangelisches’ Gebiet führte und stark gesichert werden musste."

Im zweiten Teil seines Vortrags ging der Referent auf die Geschichte der Glashütten und der Glaser in der Region ein und beschrieb, dass dieses Handwerk mit seinen Produktionsgeheimnissen von wandernden Glaserfamilien ausgeübt wurde. Hier ergab sich wieder der direkte Bezug zu den Religionsauseinandersetzungen der Zeit. Die Glaserfamilie Grynner – später Greiner – taucht zu Beginn des 17. Jahrhunderts zuerst im katholischen Rohrberg auf.

Erdmännlein kamen eigentlich aus Venedig

Im Hasler Glashütten gibt es erste Hinweise auf Glasproduktion gegen 1630, die aber erst 1637 urkundlich belegt sind. "Grund war, dass die Rohrberger Glaser zuerst evangelisch werden mussten, bevor sie in Hasel ihre Arbeit aufnehmen konnten", erklärte Werner Störk diese Verzögerung.

Im Zusammenhang mit der Glasmacherei lüftete Störk auch das Geheimnis um die Erdmännlein. In der Zeit des Barock schickte die Republik Venedig mineralogische Prospektoren in die Länder nördlich der Alpen, um nach Rohstoffen zu suchen, die für die venezianische Glasmanufaktur unentbehrlich waren. Diese Mineraliensucher, die in allen anderen Gegenden "Venediger" und nur im Schwarzwald "Stumm-Männle" genannt wurden, waren meist sehr klein, trugen ein bodenlanges Gewand mit Kapuze ähnlich einer Mönchskutte und gingen Kontakten sorgsam aus dem Weg.

Diese geheimnisvollen Wanderer, die unter der Erde werkelten, mit leerem Sack hinein und mit vollem wieder heraus stiegen, wurden in der Volksüberlieferung dann zu den Erdmännlein, die in dunklen Stollen nach Schätzen suchten – oder sie dort verbargen.

"Die Bedeutung, die Hasel für das Markgräflerland als Grenzort hatte, kann kaum überschätzt werden", betonte der Referent. Ein Umstand, der sich auch in einer Militärkarte von 1701 zeigt, auf der die Schanz- und Verteidigungslinien eingezeichnet sind und die Werner Störk im Karlsruher Staatsarchiv ausfindig machte. Aus dieser Karte ist die Bedeutung Hasels als Kommunikationsknoten und als Verteidigungsschwerpunkt deutlich abzulesen. Die Kopie dieses Dokuments übergab Störk als Geschenk an Bürgermeister Helmut Kima.

Autor: Heiner Fabry