Ein politischer Plakettenträger

Anja Bertsch

Von Anja Bertsch

Mo, 07. Mai 2018

Hausen im Wiesental

Hebelgedenkplakette an Hansjörg Noe für seine Arbeit in Sachen Aufarbeitung der NS-Zeit in Lörrach, Steinen und Maulburg.

HAUSEN. Pädagoge, ehemaliger Leiter des Lörracher Schulamtes, und vor allem aufklärerischer Historiker, der sich um die Aufarbeitung des Nationalsozialismus (NS) in der Region verdient gemacht hat: Hansjörg Noe erhielt am Samstag im Rahmen des Hebelabends die 59. Johann-Peter-Hebel-Gedenkplakette der Gemeinde Hausen. In Person und Arbeit des Ausgezeichneten, in dessen Dankesworten wie in der Laudatio bekam die Traditionsveranstaltung "Hebelabend" einen ungewohnt aktuellen politischen Bezug.

Der Hebelabend ist Auftakt und erster Höhepunkt im Veranstaltungsreigen, mit dem die Gemeinde Hausen Jahr für Jahr ihren Dichtersohn Johann Peter Hebel rund um dessen Geburtstag am 10. Mai ehrt. Die Verleihung der Plakette ist dabei ein "herausragendes kulturelles wie zivilgesellschaftliches Ereignis", wie Laudator Wolfgang Klingenfeld formulierte – und eines, für das die höchste Geheimhaltungsstufe gilt: Wer die Hebel-Plakette (nicht zu verwechseln mit dem vom Land Baden-Württemberg alle zwei Jahre und so auch heuer verliehenen Hebel-Preis) erhält, wird erst an eben jenem Abend bekannt. Dem Anlass angemessen, konnte Hausens Bürgermeister Martin Bühler in der über den letzten Platz hinaus besetzen Festhalle zahlreiche Vertreter aus Kultur und Politik zwischen Basel und Feldberg begrüßen.

Mit der Auszeichnung Hansjörg Noes habe die Hebelkommission eine "beachtenswerte Entscheidung getroffen", konstatierte Laudator Wolfgang Klingenfeld. Er hatte dabei dessen Person ebenso im Blick wie dessen Forschungen zur Aufarbeitung des Nationalsozialismus, die angesichts eines "unerträglichen Populismus und widerwärtiger Antisemitismus" auch aktuell größte Bedeutung habe. Kleines Problem: Noe sei weder "indigener Wiesentäler" noch "alemannischer Muttersprachler, und daher eigentlich so gar nicht kompatibel mit der Hebelplakette", schmunzelte Klingenfeld, der sich selbst als "bilingualer Dialektsprecher" präsentierte und den richtigen Ton zwischen unterhaltsamer Gewitztheit und der Thematik angemessenem Ernst traf.

Noe wurde 1942 in der Eifel geboren, war Volksschullehrer, Schulleiter, Direktor des Seminars für Lehrerausbildung und schließlich Leiter des Staatlichen Schulamtes Lörrach. Regionalgeschichtlich schon immer interessiert, widmet er sich dieser Passion seit der Pensionierung 2005 noch intensiver, in Vorträgen, als Verfasser von Jubiläumsschriften oder als Mitarbeiter des Dreiländermuseums.

Erzählungen von Angst, Trauer und Hoffnung

Und eben in der Aufarbeitung der NS-Zeit, die er besonders vertieft für Lörrach, Steinen und Maulburg betrieben hat. "Damit hat sich Hansjörg Noe einer besonders herausfordernden Thematik gewidmet", so Klingenfeld: "Er musste tief schürfen in Angelegenheit, die viele schon für erledigt erklärt, oder nennen Sie’s verdrängt, hatten." Besonders verdienstvoll sei die Befragung zahlloser Zeitzeugen: "Diese Stimmen zum Klingen zu bringen, bevor sie nicht mehr zu vernehmen sind: Das ist eine unschätzbar wichtige Leistung Hansjörg Noes." Was der Historiker da zu hören bekam und weitertrug "sind Erzählungen von Angst und Trauer, Verzagtheit und Hoffnung, Opfern und Tätern. Nicht selten ging es um Leben und Tod", sagte Klingenfeld – und brachte eben diese Stimmen in einigen berührenden Beispielen auch für die Besucher des Hebelabends zum Klingen.

Der Geehrte zeigte sich in seiner Dankesrede bewegt und dankbar. Zugleich ließ er den kritischen Geist und das persönliche Engagement aufblitzen, die sich jenseits distanziert-wissenschaftlicher Sachlichkeit durch seine Veröffentlichungen ziehen. Noe kritisierte die ausgrenzende Facette des Heimatbegriffes, wie ihn die Nazis kultivierten, wie er ihn aktuell aber auch im neuen "Heimatministerium", im rechtspopulistischen "Wir sind das Volk" oder im Aufhängen von Kreuzen in Amtsstuben erkennt. Dem setzt Noe einen eigenen Heimatbegriff entgegen, der sich aus der steten Auseinandersetzung mit anderen Menschen und Umgebung und eben nicht auf die Berufung auf immer schon Dagewesenes, Unveränderliches speist: "Heimat ist ein Gegenwartsbegriff. Eine Beziehungskiste."

Als ausgiebiger Aufgalopp zur Preisverleihung hatte sich zuvor auf der Bühne ein Kulturprogramm mit großer Bandbreite präsentiert, charmant moderiert von Katrin Behringer und Attilla Saadaoui. Herzig herausgeputzt präsentierten die Hausener Grundschüler unter Leitung von Gabi Kropf als "Vreneli" und "Hanseli" Volkstänze. Der gemischte Chor unter Leitung von Mathias Heftrich brachte das vertonte Hebelgedicht "Sonntagsfrühe" zu Gehör, bevor die alemannische Mundart im Duo aus Christoph Köpfer (Keyboard) und Dieter Kunzelmann (Gitarre) in modernem Gewand daher kam: der "Schnuuregiegemaa" als titelgebende Charakterfigur, das Stampfen und Dampfen des "Todtnauerli" als ratternder Rhythmus für eine kräftig zuschiebende Blues-Nummer. Zwei Ensembles der Musikschule Mittleres Wiesental sorgten für die stilistischen Kontrapunkte: Brachte das Klarinettentrio aus Kim Boos, Natalie Loritz und Natalie Greiner ein klassisches Werk zur Aufführung, beeindruckte die junge Sängerin Sila Yilmaz in Begleitung von Valentina Zalbertus in Stücken von Adele und Amy Winehouse.

Musikalischer Auftakt und Schlussakkord des Hebelabends freilich gehören stets der zu diesem Anlass in Hebeltracht aufspielenden Hebelmusik. Wo es zu Beginn mit Stücken aus dem jeweils aktuellen Frühlingsprogramm immer etwas Neues gibt, ist der "Basler Marsch" am Ende des Programmes gesetzt; erst recht dann das "Badner Lied" ganz zum Schluss. Und hat sich das versammelte Publikum zum Singen zur Heimat-Hymne schon von den Plätzen erhoben, ist das der geschmeidige Übergang zum Stehempfang bei Viertele und Speckzopf, zu dem die Hebelkommission im Anschluss ans offizielle Programm einlädt: "Ne Trunk in Ehre, wer will’s verwehre."

Mehr Fotos gibt es unter http://mehr.bz/Hebelplakette