"Beim Schach lernt man, zu verlieren"

Sebastian Krüger

Von Sebastian Krüger

Mi, 28. Dezember 2016

Heitersheim

Bube, Dame, König – Matt: zu Besuch bei der Schach-AG an der Johanniter-Grundschule in Heitersheim.

HEITERSHEIM. Früh übt sich. Ob bei Fremdsprachen, beim Musizieren oder eben beim Schach. An der Johanniter-Grundschule in Heitersheim findet jeden Montag eine Schach-AG unter Leitung von André Wiesner statt.

Ein Montagnachmittag kurz vor Weihnachten. Frederik sinkt auf seinem Stuhl zusammen. Den Zug hat er nicht kommen sehen. Jetzt droht er nicht nur seinen Turm zu verlieren, sondern gleich die ganze Partie. Dabei hätte er zuvor die Dame von Marc, seinem Gegenüber, schlagen können. Doch das hat der Zweitklässler der Johanniter Grundschule besucht, nicht gesehen. Und Marc, Viertklässler an der Grundschule in Schlatt, sagt mit schelmischem Grinsen: "Ich hab’s bemerkt, ihm aber keinen Tipp gegeben."

Jeden Montag nehmen die beiden an der Schach-AG in Heitersheim teil. Marc kommt dafür extra aus Eschbach, wo er wohnt. 90 Minuten lang duellieren sich hier Grundschüler im Spiel der Könige, lösen Schachaufgaben und lassen sich von ihrem Trainer André Wiesner in Theorie und Taktik schulen. Manchmal blödeln sie auch einfach nur herum. "Herr Wiesner ist nett. Bei ihm können wir auch mal Quatsch machen", sagt Jan, der jüngere Bruder von Marc.

19 Erst- bis Viertklässler tummeln sich in Wiesners Schach-AG. Da kann es auch mal unruhig werden. Schließlich haben alle einen langen Schultag hinter sich. "Wenn es zu laut wird, dann erhebe ich auch mal meine Stimme", sagt Wiesner. Doch oft komme das nicht vor. "So ein latentes Chaos herrscht hier eigentlich immer. Aber man muss die Kinder auch einfach machen lassen." Mit seiner klaren und besonnenen Art kommt er gut an bei den Kids.

Beim Schach gibt es viele Rituale

Die wiederum müssen noch üben, zu flüstern. Bei Jugendturnieren spielen mehrere Hundert Kinder in einem Saal. Da ist Ruhe oberstes Gebot. In der AG sollen sie sich daran schon mal gewöhnen. "Es gibt beim Schach gewisse Rituale, die sind mir wichtig", sagt Wiesner. Neben der Ruhe gehöre zum Beispiel dazu, dass sich zwei Spieler vor einer Partie die Hand reichen und nach dem Spiel der Unterlegene dem Gewinner gratuliert. Und noch etwas üben die Kinder: "Beim Schach lernt man, zu verlieren", sagt Wiesner. Das sei ein guter Nebeneffekt, da die Kinder sich von Niederlagen nicht demotivieren ließen. Im Gegenteil, die meisten fordern direkt eine Revanche. Marc zum Beispiel hatte, als er vor zwei Jahren mit dem Schach anfing, große Angst vorm Verlieren. "Das ging so weit, dass er sich mal unter der Treppe versteckt hat, und ich ihn suchen musste", so Wiesner. Doch die Angst ist verflogen. "Am Schach gefällt mir, dass ich es so gut kann", sagt der Zehnjährige mittlerweile selbstbewusst.

Etwas fällt beim Blick auf die Teilnehmerliste der Schach-AG auf: Mädchen sind hier unterrepräsentiert. Warum ist das so? "Gute Frage", sagt Wiesner. Beantworten kann er sie nicht. "Am fehlenden Talent liegt es sicher nicht. Die drei Mädels bei uns halten mit den Jungs gut mit." Vielleicht sei die Erziehung zu Hause ein Grund. Eltern, die denken, Schach sei eher etwas für Jungs, überlegt er. Jedenfalls sehe er nicht, dass sie sich weniger für Schach faszinieren würden als die Jungen. Doch das Problem, sagt er, ziehe sich durch den ganzen Heitersheimer Verein. Letztlich durch den ganzen Sport, der eine Männerdomäne ist. Obwohl die beste Schachspielerin der Welt, die mittlerweile nicht mehr aktive Ungarin Judit Polgar, zur absoluten Weltspitze gehört. Vor zwei Jahren hat sie bei einem Turnier Sergej Karjakin geschlagen, den jüngsten Herausforderer von Weltmeister Magnus Carlsen.

Aber zurück nach Heitersheim. Von der Weltelite sind sie hier zwar noch etwas entfernt; aber auch beim SC Heitersheim spielen ein paar herausragende Talente. Der 17-jährige Sulzburger Julian Boes zum Beispiel oder der Neuenburger Christoph Grunau, 18 Jahre alt. Beide haben in einer Schul-AG angefangen. Beide spielen mittlerweile für die erste Mannschaft von Heitersheim in der Verbandsliga Süd an den vorderen Brettern.

André Wiesner kennt sie alle. Er ist Jugendwart und dritter Vorsitzender im Verein. Zum Schach kam er durch seinen Sohn Paul, der selbst in einer Schul-AG gespielt hat. "Wenn er nach Hause kam, hat er mir die Sachen gezeigt, die er gelernt hat. Das hat mich neugierig gemacht." Als Trainer ist er ehrenamtlich tätig. Für Joachim Nozulak, den ersten Vorsitzenden des SC Heitersheim, ein Glücksgriff. Nozulak weiß, wie schwer es ist, ehrenamtliche Trainer zu gewinnen. Sie werden händeringend gesucht. Schließlich kann die Förderung gar nicht früh genug einsetzen. "Kinder, die jünger als zehn sind, lernen wahnsinnig schnell. Es ist einfach spannend, junge Menschen für Schach zu begeistern", sagt Nozulak. Die größte Herausforderung sei es, die Aufmerksamkeit hoch zu halten. Zwölf- oder Dreizehnjährige seien schon in der Lage, ein paar Stunden zu spielen. Aber bei den Jüngeren lasse schnell die Konzentration nach, so Nozulak. Wiesner hat ein Mittel dafür gefunden. Das altbewährte Belohnungssystem. Je nach Übung können die Schüler Edelsteine oder sogar einen Wanderpokal gewinnen. "Heute hat den ein Erstklässler mit nach Hause genommen, einer der Jüngsten. Das hat mich sehr gefreut. Der ist talentiert und hoch motiviert."

Bloß nicht vorschnell ziehen

"Das größte Problem ist, dass die Kids zu schnell ziehen", sagt Wiesner. Deswegen übt er mit ihnen, dass sie ihre Züge notieren, wie es die Profis machen. "Dann sind sie gezwungen, kurz inne zu halten." Marc jedenfalls hilft das. Er sagt selbst: "Mich irritiert es, wenn mein Gegner zu schnell spielt. Dann lasse ich mich davon anstecken."

Wichtig sei, so Wiesner, die Kinder auch nach der Grundschule beim Schach zu halten. Nicht einfach, vor allem wenn an den weiterführenden Schulen entsprechende Angebote fehlten. Dazu kommen andere Hobbys, Musikvereine, Sportvereine, Freunde. Und in der Pubertät gibt es ohnehin viele Dinge, die cooler sind, als stundenlang auf ein Brett zu starren.

Doch so weit sind die Kleinen bei André Wiesner noch nicht. Jetzt sind erst mal Weihnachtsferien. Und im nächsten Jahr unternimmt Frederik dann einen neuen Versuch, seinen Kumpel Marc zu schlagen.

Schach-AG: montags von 15 bis 16.30 Uhr an der Johanniter Grund- und Werkrealschule für Grundschüler (Trainer: André Wiesner) und mittwochs von 14 bis 15 Uhr für Realschüler (Trainer: Gerhard Prill)